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Stalinist mit PR-Qualitäten

Von MARTIN BENNINGHOFF · 27. September 2020
Foto: Reuters

Seit zehn Jahren ist Kim Jong-un der starke Mann in Nordkorea – seit knapp neun offiziell an der Spitze des Regimes. Dabei ist der skurrile Diktator Projektionsfläche für Wünsche und Erwartungen – doch als Reformer enttäuscht er auf der ganzen Linie.

Es war der 27. September 2010, ein Montag vor zehn Jahren. Kim Jong-un, ein kleiner, etwas pummeliger Mann von 26 Jahren, wurde im Beisein seines Vaters Kim Jong-il feierlich zum Vier-Sterne-General der nordkoreanischen Volksarmee befördert. Er, der zwar eine Militärakademie besucht, aber noch nie im Kampf gestanden hat. Er, der zwar laut der Staatspropaganda mit seiner Pistole eine 100 Meter entfernte Glühbirne treffen konnte und auch sonst ein ziemliches Wunderkind war, seine Kindheit ansonsten aber beim Playstation- und Basketballspiel in den Residenzen seines Vaters in Pjöngjang, der Küstenstadt Wonsan oder in der Schweiz verlebt hatte. In Bern war er ein paar Jahre zur Schule gegangen. Er, der sich nach den Schilderungen des früheren Kochs der Familie schon als Sprössling gerne als „General“ ansprechen ließ.

Doch an diesem Montag zählten der Mythos und nicht die realen Verdienste oder Kompetenzen. Kim Jong-un, der jüngste Sohn des noch amtierenden Diktators Kim Jong-il und Hüter des legendenumrankten Erbes seiner Vorväter, stand kurz vor dem Sprung ins faktisch höchste Staatsamt. In einem Land, das der „Militär zuerst“-Doktrin anhing, bedurfte es noch eines ehrenhaften militärischen Ranges. Schon am 8. Januar 2009, wenige Monate nach seinem schweren Schlaganfall, von dem er sich nie wieder erholen sollte, hatte der Vater Kim Jong-il die Spitzen der Arbeiterpartei über die Nachfolgeregelung informiert. Das war nicht zufällig der 25. Geburtstag seines Sohnes – in Nordkoreas Politik spielen symbolische Gesten und Daten immer eine wichtige Rolle. Die Zeit danach wurden zu eiligen Lehrmonaten: Kim nahm seinen Sohn mit auf China-Reise, um sich in Peking die Absolution für die Machtübergabe zu holen. Kim ließ das Gerücht streuen, sein Sohn habe die Versenkung der südkoreanischen Korvette Cheonan, bei der im März 2010 Dutzende Matrosen ums Leben kamen, maßgeblich koordiniert und angeordnet – eine Feuertaufe für den unerfahrenen Diktatorensohn. Und Kim ließ in der gleichgeschalteten Presse erste Bilder seines Sohnes veröffentlichen. Erst dann gingen auch die ersten Bilder des nächsten Diktators um die Welt.

Lehrjahre in der Diktatorenschule: Kim Jong-un (r.), hier noch in der Entourage seines Vaters Kim Jong-il (Februar 2011).
Lehrjahre in der Diktatorenschule: Kim Jong-un (r.), hier noch in der Entourage seines Vaters Kim Jong-il (Februar 2011). Foto: dapd

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