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Nordkoreas Geiseldiplomatie : Verschollen in Pjöngjang

Alex Sigley: Was geschah mit dem Australier in Nordkorea? Bild: AFP

Das Schicksal des in Nordkorea vermissten australischen Studenten Alex Sigley beschäftigt inzwischen die Staats- und Regierungschefs der G 20. Wo er sich befindet, ist noch immer unklar.

          Was ist mit Alex Sigley geschehen? Der Australier, der seit mehr als einem Jahr in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang studiert, wird seit Dienstag vermisst. Auch am Freitag gab es zunächst keine Erkenntnisse darüber, wo er sich aufhält. Sein Schicksal beschäftigt inzwischen sogar die Staats- und Regierungschefs beim Treffen der G-20-Staaten in Osaka. „Die ausgedrückte Unterstützung und Hilfe, die von anderen Nationen gekommen sind, die ich hier (in Osaka) getroffen habe, sind sehr willkommen“, sagte Premierminister Scott Morrison am Freitag dem Sender ABC. Er sei sehr besorgt. „Wir werden uns weiterhin stark darauf konzentrieren, aufzuklären, was genau passiert ist und dann entsprechende Schritte unternehmen.“ Australien hat keine diplomatische Vertretung in Nordkorea, so dass es nur indirekt über die schwedische Botschaft in Pjöngjang mit der nordkoreanischen Regierung Kontakt aufnehmen kann. 

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Sigleys Eltern teilten am Freitag mit, sie hätten die sozialen Netzwerke ihres Sohnes, darunter sein Twitter-Konto, abschalten lassen. Damit wollten sie Spekulationen entgegentreten, hieß es in der Mitteilung. Die Tatsache, dass Alek Sigley in diesen Netzwerken noch immer als „aktiv“ oder „online“ angezeigt wurde, hatte Fragen aufgeworfen und zu allerlei Mutmaßungen geführt.  

          Inzwischen hat sich auch Sigleys Ehefrau gemeldet, die in Japan lebt. Sie habe zuletzt am Montag mit ihm gesprochen und nichts Auffälliges bemerkt. „Wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Wir wissen nicht einmal, ob er festgenommen wurde oder nicht“, sagte Yuka Morinaga australischen Medien.

          „Der einzige Australier im ganzen Land“

          Sigleys Familie hatte am Donnerstag mitgeteilt: „Alek ist seit Dienstagmorgen australischer Zeit nicht im digitalen Kontakt mit Freunden und Familie gewesen, was ungewöhnlich für ihn ist.“ Südkoreanische Medienberichte, wonach er festgenommen worden sei, wurden bisher nicht bestätigt.

          Sollte es dennoch so sein, hätte das Regime einen der wenigen Menschen in seinen Fängen, der regelmäßig Werbung für das Land gemacht hat. Alek Sigley studiert an der Kim-Il-sung-Universität im Masterstudiengang koreanische Literatur. Darüber hat der 29 Jahre alte Australier in den vergangenen Monaten in mehreren westlichen Medien selbst berichtet. In der britischen Zeitung „Guardian“ schrieb er im März, er sei einer von nur drei westlichen Studenten und er sei „der einzige Australier im ganzen Land“.

          Der Artikel enthielt nichts, was den Zorn des Regimes hätte auf ihn ziehen können. Im Gegenteil. Die Regierung kam darin gut weg. Sie tue viel, um die Qualität der Konsumwaren zu verbessern, stand da. Und auch dies: „Der stolzeste Moment meines Zimmernachbarn während seiner Unizeit war, als er die Universität in einer Militärparade vertrat, die von Kim Jong-un abgenommen wurde.“ Der gleiche Kommilitone habe ihn einmal gefragt, ob Australien auch ein Ein-Partei-Staat sei. Er sei enttäuscht gewesen, als er gehört habe, dass die kommunistische Partei dort nur sehr klein sei, schrieb Sigley.

          Bevor er sein Masterstudium in Pjöngjang begann, war er bereits ein regelmäßiger Besucher Nordkoreas. Im Jahr 2013 gründete er mithilfe zweier nordkoreanischer Freunde das Unternehmen Tongil Tours, das Reisen für westliche Touristen anbietet.

          Vom Fernsehsender Sky News wurde er im Dezember gefragt, ob er keine Angst habe, in Pjöngjang zu leben. Schließlich habe das nordkoreanische Regime immer wieder Ausländer festgenommen. Doch der Australier sagte, er habe sich in Nordkorea „nie bedroht gefühlt“. Er fügte hinzu, als Reiseführer sei es aber seine Pflicht gewesen, alle Fälle, in denen Ausländer inhaftiert wurden, genau zu studieren. 

          Schweinebauch, Pizza und Tintenfisch

          Noch vor einer Woche hatte Sigley in seinem Blog ausführlich über seine Lieblingsrestaurants in Pjöngjang geschrieben, über Schweinebauch, Pizza und Tintenfisch. Überhaupt ging es ihm mit all seinen Veröffentlichungen sichtbar darum, dem isolierten Pariastaat ein menschliches Gesicht zu geben und die Normalität des Alltags jenseits von Atomstreit und Menschenrechtsverletzungen zu beschreiben. Im Dezember postete Sigley auf Youtube ein fröhliches einstündiges Video über seine Hochzeit in Pjöngjang.

          Noch ist völlig unklar, was mit Sigley geschehen ist. Freunde berichteten dem australischen Sender Network Ten, der Student habe wegen des Beginns der Semesterferien außer Landes fliegen wollen. Doch offenbar ist er an seinem Ziel nicht angekommen.

          Die Ungewissheit über Sigleys Aufenthaltsort weckt düstere Erinnerungen an den Fall des 21 Jahre alten Amerikaners Otto Warmbier, der während einer Nordkoreareise ein Propagandaplakat aus seinem Hotel einsteckte. Er wurde im Januar 2016 bei der Ausreise am Flughafen festgenommen und zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt. Während der Haft fiel er aus nicht vollständig geklärten Gründen ins Koma, aus dem er nie wieder erwachte. Er starb kurz nach seiner Rückführung nach Amerika im Juni 2017. Nordkorea stellte dem amerikanischen Außenministerium „Behandlungskosten“ für ihn in Höhe von zwei Millionen Dollar in Rechnung – die Washington allerdings nie beglich.  

          Warmbier war nur die dramatischste von zahlreichen Festnahmen amerikanischer Staatsbürger, die eigentlich Geiselnahmen waren. Denn Nordkorea nutzte die Verhandlungen über ihre Freilassung stets,  um Zugeständnisse von Amerika zu erpressen.

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