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Nordkoreas Diktator : Wer könnte auf Kim Jong-un folgen?

Kim Jong-un (r.) und Choe Ryong-hae, hier 2017. Choe ist mittlerweile nominelles Staatsoberhaupt Nordkoreas. Bild: AP

In Nordkorea ist der Staat auf eine einzige Person ausgerichtet: Kim Jong-un. Jetzt machen Gerüchte über seinen Gesundheitszustand die Runde. Was passiert eigentlich, wenn der Diktator ausfällt?

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          Ist Kim Jong-un schwer krank? Und wenn ja, wer könnte ihm nachfolgen, sollte er seine Amtsgeschäfte nicht mehr ausführen können? Seit Dienstag brodelt die Gerüchteküche, weil mehrere Medien, darunter das gewöhnlich gut informierte Online-Magazin „Daily NK“, berichtet hatten, dass Nordkoreas Machthaber am Herzen operiert worden sei und womöglich gar in Lebensgefahr schwebe. Das Präsidialamt in Seoul beschwichtigte zwar, es gebe keine Anzeichen für ernsthafte Probleme Kims – aber damit ist kein Gerücht aus der Welt geschafft, zumindest keines, das die Gesundheit eines amtierenden nordkoreanischen Diktators betrifft.

          Martin Benninghoff
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nordkorea ist das mit Abstand abgeschlossenste Land der Welt, das Regime in Pjöngjang lässt keine freie Presse zu und kaum ausländische Reporter einreisen. Besonders Gerüchte, die die Kim-Familie betreffen, werden weder kommentiert noch dementiert, zumindest so lange, bis das Offensichtliche nicht mehr zu kaschieren ist. Bisher schweigt das Regime in Pjöngjang zu den Berichten, was wiederum ein Indiz sein könnte, dass es so schlimm um Kim nicht bestellt ist. Würde der Propagandaapparat sonst nicht alles daransetzen, der Welt einen fidelen und vor Kraft strotzenden Diktator zu zeigen? So interpretiert es zumindest Thae Yong-ho, ein ehemaliger Spitzendiplomat Nordkoreas, der 2016 nach Südkorea flüchtete.

          Aber auch das ist nur ein weiteres Gerücht, solange sich das nordkoreanische Regime nicht selbst äußert, und das tut es oft nur, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt. So wie 1994, als Kim Jong-uns Großvater, Staatsgründer Kim Il-sung, an einem Herzinfarkt starb, den er angeblich beim Arbeiten am Schreibtisch erlitten hatte. Die Nachfolgefrage war zu diesem Zeitpunkt längst geklärt. Sein Sohn, Kim Jong-il, führte schon einige Jahre wichtige Staatsgeschäfte und war häufig an seiner Seite zu sehen.

          Die gemeinsamen Bilder und Auftritte sind für die nordkoreanische Machtrepräsentation besonders wichtig, um die Führung weiter in den Händen der Kim-Familie zu halten. Die dynastische Erbmonarchie war in den frühen Jahren der Volksrepublik auch innerhalb der kommunistischen Arbeiterpartei umstritten, passt sie doch eher in ein feudales Gesellschaftssystem. Es gilt also, Legitimität zu übertragen: vom Großvater auf den Vater und den Sohn. Bei der Machtübergabe nach Kims Tod dichtete die Staatspropaganda: „Das große revolutionäre Gedankengut Kim Il-sungs erstrahlt noch prächtiger in den Ideen Kim Jong-ils, und die Führungstätigkeit Kim Il-sungs wird durch die hervorragende und bewährte Führung Kim Jong-ils ununterbrochen fortgesetzt.“ Obwohl Nordkorea zu diesem Zeitpunkt infolge von Dürren und staatlicher Misswirtschaft in eine drastische Hungersnot schlitterte, verlief die Machtübergabe nach dem Tod des Staatsgründers reibungslos.

          Kim Jong-il, der fortan das Land führte, hätte daraus lernen können. Doch als er 2008 im Alter von 66 Jahren einen schweren Schlaganfall erlitt, war der gewünschte Nachfolger noch längst nicht so weit. Der Diktator verschwand vorerst aus der Öffentlichkeit, Gerüchte um seinen Tod machten die Runde. Monate später tauchte er als abgemagerter Greis wieder auf. Die Welt rätselte, wie es ihm ging. Als der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton 2009 nach Pjöngjang reiste, brachte er einen Arzt mit, der Kim aus nächster Nähe begutachtete und ihm bescheinigte, sich wieder halbwegs erholt zu haben. Zwei Jahre später allerdings, im Dezember 2011, starb der Diktator, angeblich während einer Inspektionsreise in seinem Dienstzug. In der Zwischenzeit hatte er in Windeseile seinen jüngsten Sohn als Nachfolger aufgebaut und zum General befördert: Kim Jong-un. Damals wie heute ist Nordkorea eine Blackbox: An einem Samstag starb Kim Jong-il, aber erst zwei Tage später war es die Hauptnachricht im nordkoreanischen Staatsfernsehen und danach in der Welt. Offenbar hatten selbst die südkoreanischen und amerikanischen Geheimdienste nichts früher in Erfahrung bringen können.

          Oft an seiner Seite: Kim Yo-jong, die Schwester von Kim Jong-un.
          Oft an seiner Seite: Kim Yo-jong, die Schwester von Kim Jong-un. : Bild: AP

          Wie seine Vorväter pflegt auch der wohl 36 Jahre alte Kim Jong-un einen eher ungesunden Lebensstil mit üppigem Essen und reichlich Zigaretten. Kim hat während seiner nunmehr neun Amtsjahre stark an Gewicht zugelegt. Doch nach den Erfahrungen des Vaters wird der junge Diktator nach Einschätzung von Fachleuten eine Ersatzregelung für den Fall der Fälle parat haben: „Einen Plan gibt es in Nordkorea bestimmt bereits, wie man mit einer solchen Situation umgehen muss, damit die Sicherheit und Stabilität gewährleistet bleibt“, sagt Hannes Mosler, Koreaforscher an der FU Berlin. Aber wie könnte dieser Plan aussehen? Kims Kinder - drei sollen es sein - sind noch zu jung. Seine Frau Ri Sol-ju, eine ehemalige Sängerin, gilt als eher unpolitisch und ohne eigene Machtbasis. Das gilt auch für Kims älteren Bruder Kim Jong-chol, der schon bei der Kandidatenwahl seines Vaters als zu weich und zu unpolitisch durchgefallen war.

          Gibt es eine weibliche Übergangslösung?

          Wenn es eine Übergangslösung innerhalb der Familie geben kann, dann wäre Kim Yo-jong, die jüngere Schwester des Diktators, eine aussichtsreiche Kandidatin. Sie ist Vertrauensperson Kims und enge Mitarbeiterin, sie prägt maßgeblich sein Bild in der Öffentlichkeit und begleitet ihn bei wichtigen Terminen, so auch zum Gipfeltreffen mit Donald Trump 2018 in Singapur. Kim beförderte sie im April und holte sie ins Politbüro, das wichtige politische Gremium innerhalb des Zentralkomitees der Arbeiterpartei. Sie war bereits 2017 zum stellvertretenden Mitglied ernannt, zwischenzeitlich aber aus unbekannten Gründen wieder entfernt worden. Nun ist die 32-Jährige wieder da – und mächtiger als je zuvor.

          Allerdings dürfte sich das nordkoreanische Patriarchat mit einer Frau an der Spitze nach wie vor schwer tun. Aber nachdem Kims ältester Bruder Kim Jong-nam 2017 sehr wahrscheinlich im Auftrage des Diktators am Flughafen von Kuala Lumpur vergiftet wurde, gibt es innerhalb der Familie keine weiteren heiß gehandelten Kandidaten. Kim Jong-nams Sohn Kim Han-sol lebt seit Jahren im Ausland und ist, ebenso wie seinerzeit der Vater, in Ungnade gefallen.

          Kim Jong-un ließ ihn 2013 hinrichten: Jang Song-thaek.
          Kim Jong-un ließ ihn 2013 hinrichten: Jang Song-thaek. : Bild: Reuters

          Eine andere Möglichkeit wäre eine Art kollektive Führung für die Zeit des Übergangs. Zentrale Person könnte dabei das nominelle Staatsoberhaupt Choe Ryong-hae sein, das Kim auch schon bei dessen Abwesenheit in Pjöngjang vertreten hat. Choe entstammt einer Familie mit engem Bezug zum Clan der Kims, sein Vater war bereits enger Mitarbeiter Kim Il-sungs. Er selbst gehörte schon zu Zeiten Kim Jong-ils zum engeren Machtzirkel, der Sohn beförderte ihn dann allerdings weiter und zog ihn nah an sich heran. Choe könnte mit Billigung der Kim-Familie eine kollektive technokratische Führung bilden und den Übergang moderieren, bis entweder Kim Yo-jong oder eines der Kinder Kim Jong-uns übernimmt. Dazu könnte auch der Premierminister, Kim Jae-ryong, gehören, der die Regierung und die Ministerriege führt, ansonsten aber eher selten in Erscheinung tritt. Eine solche kollektive Spitze außerhalb der Familie wäre ein Novum für das Land, das seit der Staatsgründung 1948 in der Hand der Kim-Familie ist.

          Zu viel Eigensinn würde allzu Ehrgeizigen vermutlich aber nicht gut bekommen: Als Kim Jong-il 2011 verstarb, sein mächtiger Schwager Jang Son-thaek aufrückte und für viele die Rolle des Strippenziehers hinter dem jungen Diktator Kim Jong-un einnahm, schaute dieser sich das nicht lange an. Zwei Jahre später ließ er seinen Onkel in einem beispiellosen Schauprozess der Öffentlichkeit vorführen und hinrichten. Mit ihm wurden zahlreiche andere bis dato wichtige Mitarbeiter des Regimes verbannt oder sogar umgebracht.

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