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Nordkoreas Charmeoffensive : Das Spiel nicht mitspielen

Nicht überall stößt die Annäherung zwischen Nord und Süd auf Begeisterung: Südkoreanische Demonstranten protestieren gegen Kim Jong-un. Bild: AFP

Bringen die Winterspiele Entspannung für Korea? Dem Norden geht es um etwas anderes: Einfluss. Ein Kommentar.

          Die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang beginnen zwar erst am Freitag. Aber der erste Medaillengewinner steht schon fest: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un. Einige kurze Sätze in seiner Neujahrsansprache über die Gesprächsbereitschaft seines Landes haben genügt. Sie setzten eine ungeahnte Dynamik in Gang, die bislang genau in die Richtung läuft, die Kim haben wollte.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Nordkoreas Motivation für die Charmeoffensive in Richtung Süden ist ziemlich klar. Das Regime braucht zusätzliche Luft zum Atmen. Zwar steht es nach außen so stabil da wie fast immer in den vergangenen Jahren. Aber Kim Jong-un hat nicht nur das sündhaft teure Atomwaffen- und Raketenprogramm mit hoher Geschwindigkeit vorangetrieben. Er hat auch versprochen, den allgemeinen Wohlstand der Bevölkerung zu mehren. Letzteres kann man auch so deuten, dass es zumindest nicht schlimmer werden soll als bisher. Aber auch dieses vergleichsweise bescheidene Ziel ist angesichts der von den Vereinten Nationen verhängten umfangreichen Sanktionen nicht leicht zu erreichen.

          Da trifft es sich gut, dass Nordkorea seit einigen Monaten in Südkorea auf eine Regierung trifft, die ihr Heil nicht mehr nur in energischer Abgrenzung vom Norden sucht. Für einen neuen Ansatz der innerkoreanischen Politik spricht einiges. Der südkoreanische Präsident Moon Jae-in wäre bereit, sehr weit zu gehen. Ihm und den verständigungsbereiten Kräften in Südkorea macht Kim Jong-un allerdings das Leben durch seine Aufrüstungspolitik schwer. Moon ist so gezwungen, sich eng an die Vereinigten Staaten und Japan zu halten. Das sind - zumindest unter ihren gegenwärtigen Regierungen - beides nicht gerade Herzenspartner der Liberalen in Südkorea.

          Und wenn sich Gelegenheiten ergeben, wird Kim Jong-un alles tun, um die Verbindungen weiter zu lockern. Die Olympischen Spiele sind eine solche. Schon seit den ersten Kontakten zwischen Nord und Süd nach Kims Neujahrsansprache testet Nordkorea, wie weit es gehen kann. Nachdem einige Zeitungen im Süden kritische Kommentare veröffentlicht hatten, gab sich Pjöngjang empört über die angebliche „Beleidigung“ der obersten Autorität des Landes. Dieser Vorstoß hatte keinen Erfolg, denn natürlich hat die südkoreanische Regierung weder die Absicht noch die Möglichkeit, die Medien des Landes zu freundlicher Berichterstattung zu zwingen.

          Eigentlich kann man Pjöngjang solche Vorstöße nicht verdenken, denn in vielerlei Hinsicht hat das Regime seit Jahren mit dieser Taktik Erfolg. Zwar stößt es im Ausland auf ziemlich einhellige Empörung. Aber erstens findet sich immer jemand, der dann doch zur Unterstützung bereit ist. Und zweitens sind die „Feinde“ - so sieht das Regime den Rest der Welt - untereinander nie so einig, dass Kim Jong-un und die engste Führung wirklich um ihr Überleben hätten fürchten müssen.

          Spiele nicht zur Kim-Show degenerieren lassen

          Sichtbarstes Zeichen der neuen Gemeinsamkeit bei den Olympischen Spielen ist das Projekt eines gesamtkoreanischen Eishockey-Frauenteams. Das ist im Süden nicht auf Begeisterung gestoßen. Aber man kann sicher sein, dass die Delegation aus Nordkorea in Pyeongchang trotzdem reichlich nationales Pathos verbreiten wird. Dies wird dann auf positive Resonanz zumindest bei dem Teil der Südkoreaner stoßen, die Moon Jae-in unterstützen, wenn gleichzeitig Ungelenkes aus Washington verlautet oder Japan wieder einmal unnötig unsensibel auf Kritik an der kriegerischen Vergangenheit des Landes reagiert.

          Somit wird viel von den Olympiabesuchern Mike Pence und Shinzo Abe abhängen. Der amerikanische Vizepräsident und der japanische Ministerpräsident werden sich gut überlegen, was sie wem bei welcher Gelegenheit zum Thema Nordkorea sagen. Denn eine nachhaltige Entfremdung Südkoreas von seinen wichtigsten Bündnispartnern nützt nicht nur Nordkorea, sondern auch China, das den amerikanischen Einfluss in seiner näheren und weiteren Nachbarschaft mit großer Beharrlichkeit bekämpft.

          Man kann verstehen, dass Südkorea jede Chance zu einer Entspannung auf der Halbinsel ergreift. Das Leben an der Front kann - ältere Deutsche werden sich erinnern - ungemütlich sein. Trotzdem sollte es möglich sein, die Spiele von Pyeongchang nicht zur Kim-Show degenerieren zu lassen. Wenn Nordkorea schon sein nominelles Staatsoberhaupt zum Olympiabesuch in den Süden schickt, sollte man die Gelegenheit nutzen, mit der notwendigen Diskretion eindeutige Botschaften an Kim Jong-un zu senden. Die wichtigste wäre: Nordkorea darf nicht darauf hoffen, ohne substantielle Gegenleistungen vom Süden aus der Bredouille, in die es sich selbst gebracht hat, befreit zu werden.

          Allgemein gilt, dass Südkorea und der Rest der Welt Kim Jong-uns Spiel nicht mitspielen sollten. Nordkoreanische Sportler und ihre Begleiter sind bei den Olympischen Spielen willkommen. Aber der Friedensstörer darf nicht über die Bedingungen eines dauerhaften Friedens in Korea bestimmen. Wenn Kim dieses Prinzip akzeptiert, sichert er auf absehbare Zeit sein politisches Überleben. Damit müsste man leben. Das macht seine Untaten nicht ungeschehen. Aber ein friedlicher Regimewechsel ist unrealistisch.

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