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Nordkoreanische Raketen : Wie real ist die Bedrohung für den Westen?

  • -Aktualisiert am
Die Hwasong-12-Rakete mittlerer Reichweite bei einem Testflug

Das alles zusammen bildet kein umfangreiches nordkoreanisches Versuchsprogramm zur Entwicklung eines einsatzfähigen und zuverlässigen strategischen Raketensystems. Es scheint weniger auf die Entwicklung einer leistungsfähigen Kriegswaffe ausgerichtet zu sein als darauf, eine starke Botschaft an die Welt zu schicken: „Unsere Raketen können die Vereinigten Staaten erreichen.“ Und es scheint, als hätte die Führung Amerikas diese Botschaft bereitwillig so empfangen und verstanden, wie sie gemeint war: Die strategischen Raketen Nordkoreas stellen eine reale Bedrohung dar, die man ernst nehmen und auf die man angemessen reagieren sollte.

Mehrere Hypothesen könnten diese Reaktion der amerikanischen Administration erklären:

  •  Sie möchte die Wahrnehmung für die Bedrohung schärfen, die Position für die laufenden Verhandlungen mit Nordkorea verdeutlichen und Pjöngjang zeigen, wie ernst Washington dieses „Drohgehabe“ nimmt.
  •  Sie möchte von innenpolitischen Problemen ablenken, die Washington gerade mit Beschlag belegen, und mit möglicherweise positiven außenpolitischen Aktivitäten konterkarieren, indem sie Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel zu schaffen versucht.
  •  Sie möchte die Notwendigkeit neuer hochentwickelter und natürlich teurer Verteidigungstechnologien demonstrieren – auch gegenüber den regionalen Verbündeten.

Es könnte jedoch auch noch eine andere, komplexere Erklärung geben: Wenn Nordkorea diese Raketen und insbesondere die Interkontinentalraketen nur dank internationaler technologischer Unterstützung und mit der Hilfe ausländischer Experten abschießen kann, sollten die relevanten amerikanischen Institutionen heute wissen, welche Macht die strategischen Raketenfähigkeiten Nordkoreas erleichtert und mit welchen Zielen sie dies tut.

Zusammengenommen werfen diese Hypothesen die Frage auf, warum die amerikanische Führung die offensichtliche Quelle der ICBM-Technologie nicht entschiedener benennt, sondern sich anscheinend auf ein großes Spiel einlässt. Hat die Führung aus Opportunitätsgründen beschlossen, den Komplizen hinter dem Vorhang zu übersehen? Vielleicht in der Annahme, sie könne die begrenzte nordkoreanische Bedrohung mit Interkontinentalraketen jederzeit ausschalten und zugleich dank dieses 400 Kilogramm schweren Bärs außen- und verteidigungspolitische Gewinne einfahren?

Kim Jong-un ist nach dem gescheiterten Hanoi-Gipfel gereizt

Es wird berichtet, nicht nur amerikanische und nordkoreanische Delegationen seien in Hanoi gewesen, sondern auch der russische Außenminister Sergei Lawrow. Was immer er dort getan haben mag, die nordkoreanische Führung muss sich durch die Nähe dieses treuen Verbündeten indirekt gestärkt gefühlt haben.

Die Ergebnislosigkeit des Treffens wie auch die sang- und klanglose Abfahrt Präsident Trumps – der durch die Cohen-Hearings unter starkem innenpolitischen Druck stand –, nachdem Kim Jong-un eine zumindest teilweise Aufhebung der amerikanischen Wirtschaftssanktionen im Austausch gegen die Zerstörung der Atomanlage Yongbyun gefordert hatte, könnte die nordkoreanische Führung zu einer anderen Strategie veranlassen, nämlich den Druck durch eine Serie neuer Provokationen zu erhöhen – entweder durch neue Raketentests oder sogar durch Atomtests. Dazu bräuchte er eindeutig die weitere Unterstützung durch interessierte Mächte.

Welche Schritte nun auch die nächsten sein mögen, man kann nur hoffen, dass der nordkoreanische Führer Kim Jung-un weiterhin einigermaßen vernünftig handelt. Und zugleich sollte man sich fragen, welche gegenteiligen, gleichgerichteten oder sonstigen Interessen des Drachen und des Bärs in der Nachbarschaft Nordkoreas im Spiel sein mögen.

Aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff. For the English version please click here.

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