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Nordkoreanische Flüchtlinge : Es kann fünf Tage, aber auch fünf Jahre dauern

  • -Aktualisiert am

Manche erreichen das erträumte Ziel: Nordkoreanische Flüchtlinge in Seoul Bild: picture-alliance / dpa

Früher flüchteten Nordkoreaner meistens nach China. Neue Fluchtrouten führen vor allem durch Südostasien. Nach Südkorea schaffen es aber nur wenige, nach Europa oder Amerika noch weniger.

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          Tausende von Nordkoreanern haben in den vergangenen Jahren ihr Leben riskiert, um der Not in ihrem Land, Hunger und Mißwirtschaft, zu entkommen. Bis zu 100.000 sollen sich in China versteckt halten. Nur gut 9000 Nordkoreanern ist seit den neunziger Jahren die Flucht nach Südkorea gelungen, einzelnen auch nach Amerika oder Europa, dort vor allem nach Deutschland. Die Wege der nordkoreanischen Flüchtlinge sind beschwerlich und gefährlich, in jüngster Zeit führen sie vor allem über Südostasien.

          Während sich anfangs viele allein durchschlugen, gibt es heute ein Netzwerk von Schleppern, die auf umständlichen Routen Gruppen nach draußen bringen, assistiert von Hilfsorganisationen, Kirchen, Verwandten in Südkorea oder zuvor Geflüchteten, die bei der Finanzierung helfen. Abhängig vom zur Verfügung stehenden Geld, der Güte der Kontakte und Glück kann die Reise fünf Tage oder auch fünf Jahre dauern. Für manche endet die Flucht allerdings auch im Arbeitslager oder in einem chinesischen Bordell.

          Erste Station ist in der Regel China

          Die neue Route über Südostasien ist offensichtlich, spätestens seit in Vietnam und Thailand Gruppen nordkoreanischer Flüchtlinge aufgegriffen wurden. Derzeit warten in Bangkok 76 Erwachsene und 16 Kinder auf ihre Abschiebung. Die thailändischen Behörden haben bereits zu verstehen gegeben, daß eine Rückführung nach Nordkorea nicht in Frage kommt, die 92 Nordkoreaner von einem Drittland aufgenommen werden sollen. Niemand in Bangkok sagt, daß dieses Drittland Südkorea sein wird. Doch dürfte sich auch in diesem Fall das Beispiel der vor zwei Monaten in Thailand aufgegriffenen 175 Nordkoreaner wiederholen.

          Atomtest : China dementiert Nordkoreas Entschuldigung

          Nach gut einjähriger Recherchearbeit und mehr als 200 Gesprächen mit Flüchtlingen und ihren Helfern, mit Regierungsbeamten, Diplomaten und Missionaren zwischen Rangun, Seoul und Ulan Bator, hat jetzt die „International Crisis Group“, eine unabhängige Nichtregierungsorganisation, den bisher umfassendsten Bericht zum nordkoreanischen Flüchtlingsproblem vorgelegt. Demnach gehen die am meisten frequentierten Routen über Burma, Kambodscha, Laos und vor allem Vietnam und Thailand. Erste Station ist in der Regel China, über die relativ leicht zu überwindenden Grenzflüsse Yalu und Tumen.

          Nordkoreanische Zöllner und Polizisten bestechlich

          Viele Flüchtlinge bleiben dort oder werden zu Grenzgängern, die in China arbeiten und ab und an mit Waren oder Geld wieder zurückkehren. Für einige ist China nur Zwischenstation auf einer längeren Reise. Nicht nur die Crisis Group stellte fest, daß nordkoreanische Zöllner und Polizisten bestechlich sind. Etwa 50 Dollar soll es kosten, wenn an der Grenze ein Auge zugedrückt wird. Dreimal mehr Frauen als Männer ziehen von Nordkorea herüber, inzwischen kommen die Flüchtlinge nicht nur aus nordkoreanischen Grenzprovinzen, sondern auch aus Pjöngjang.

          Durch die löchrige Grenze nach China erfahren immer mehr Nordkoreaner von der Außenwelt: Überläufer schätzen, daß mehr als die Hälfte bereits einmal ein verbotenes südkoreanisches Fernsehprogramm oder Video gesehen haben, einige haben Rundfunksendungen von „Voice of America“ gehört, Mobiltelefone werden nach Nordkorea geschmuggelt. Eine große Rolle spielen die Verwandten in Südkorea, die einen „Nischen-Markt“ finanzieren, der eine relativ sichere, wenn auch kostspielige Flucht ermöglicht. Bis zu 10.000 Dollar werden für die Reise nach Seoul verlangt, einschließlich gefälschter Dokumente.

          Flucht über das „Goldene Dreieck“

          Bis Juli 2004, als 468 Nordkoreaner nach Südkorea ausgeflogen wurden, führte eine bevorzugte Fluchtroute über Vietnam. Seither versucht Hanoi seine Lücken an der Grenze zu China zu schließen. Deshalb wählen mehr und mehr die schwierigeren Wege durch Burma und Laos. Bevorzugt wird offenbar das für den Rauschgifthandel bekannte „Goldene Dreieck“ und ein Grenzübertritt nach Thailand. Es hat sich herumgesprochen, daß Thailand nicht nach Nordkorea abschiebt, außerdem gibt es von dort mehrere Direktflüge nach Seoul. Auch Burma liefert nicht aus, gleichwohl müssen Nordkoreaner, die ertappt werden, mit harten Strafen rechnen. Die weniger frequentierte nördliche Route führt über die Mongolei, die ebenfalls die Flüchtlinge nicht ausliefert, sondern ohne großes Aufhebens an Südkorea überführt. Im Gegensatz dazu werden nach Schätzungen von Hilfsorganisationen jede Woche 150 bis 300 Nordkoreaner von China nach Nordkorea zurückgeführt.

          Seit Frühjahr 2006 ist theoretisch auch eine Ansiedlung nordkoreanischer Asylsuchender in den Vereinigten Staaten möglich. Doch dies gelang nach Recherchen der Crisis Group nur einer Handvoll Flüchtlinge. Einige hundert haben es nach Europa geschafft, wo nicht alle Regierungen darüber Auskunft geben, wie viele bei ihnen Zuflucht suchten. „Mit der Ausnahme Deutschlands haben die Regierungen, die am nachdrücklichsten die Verbesserung der Menschenrechte in Nordkorea einfordern, namentlich die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und Japan, nur eine Handvoll asylsuchender Nordkoreaner aufgenommen.“

          Von den 1900 Nordkoreanern, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben, seien 300 Flüchtlinge, die einen Asylantrag gestellt hätten, heißt es in dem Bericht - gleichwohl seien es im vergangenen Jahr nur fünf gewesen. Peter Beck von der Crisis Group in Seoul und einer der Autoren der Studie fand keine Erklärung, warum ausgerechnet in Deutschland so viele Nordkoreaner gelandet sind. Im Durchschnitt seien die meisten um die Mitte Dreißig. Möglicherweise seien Studenten oder Geschäftsleute darunter. Beck hält es für denkbar, daß einige Nordkoreaner zunächst mit südkoreanischem Paß nach Europa einreisten, diesen dann beseitigten, um sich dann wieder als Flüchtling auszugeben. Außerdem biete Deutschland auch eine große koreanische Gemeinde, bei der die Nordkoreaner Unterstützung suchen könnten.

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