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Nordkorea : Zurück in die achtziger Jahre

  • -Aktualisiert am

Kim Jong-il bereist sein Land Bild: dpa

Nordkoreas Staatsführer ist bescheiden geworden. Zwar verkündet die Propaganda gewaltige Erfolge. Aber Kim Jong-il wäre schon zufrieden, wenn es dem Land wieder so (relativ) gut ginge wie zu Lebzeiten seines Vaters. Allmählich wird die Zeit knapp.

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          In Nordkoreas Städten finden in diesen Tagen Massenkundgebungen statt, die den Geist der Neujahrsbotschaft der Partei verbreiten sollen. Während deren außenpolitische Parolen überraschend versöhnlich und dialogbereit klingen, ist ihr innenpolitischer Teil ganz auf eine Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung ausgerichtet. "Jede Anstrengung zur Verbesserung des Lebensstandards", heißt die Losung.

          Ein "drastischer Umschwung" in den Lebensbedingungen des Volkes soll durch eine "revolutionäre Woge" erreicht werden. Die Getreideproduktion soll drastisch erhöht werden und die Leichtindustrie soll qualitativ gute Konsumgüter herstellen, damit diese "edle Absicht der Partei" verwirklicht und ein Sieg beim Aufbau des Sozialismus errungen werden kann.

          Machthaber Kim Jong-il hat zu Beginn des Jahres eine Schweinezuchtanlage mit einem Besuch beehrt. Schon in den letzten Wochen des vorigen Jahres hatte er ein wahres Marathonpensum hinter sich gebracht. Seine berühmten Inspektionsreisen, bei denen er "Vor-Ort-Direktiven" verteilt, führten ihn an viele Orte. Er besuchte Hühnerfarmen und Ziegenhaltungen, zeigt sich bei Reisbauern und Getreidekooperativen. Er besuchte Obstgärten, Schuhfabriken und Chemiekombinate sowie Kraftwerke. Überall sprach er davon, wie sich dank der vermehrten Anstrengungen große Fortschritte zeigten. Die nordkoreanische Nachrichtenagentur nannte in einem Satz den Start eines Kommunikationssatelliten und die Erfolge bei der Fischzucht als "großartige Ereignisse" des vergangenen Jahres.

          Die Zeit wird allmählich knapp

          Kim Jong-il hat selbst das Ziel vorgegeben, dass Nordkorea bis zum Jahr 2012, dem 100. Geburtsjahr seines Vaters, des Staatsgründers Kim Il-sung, ein "wohlhabendes und starkes Land" werden soll. Das sind nur noch zwei Jahre. Die Zeit wird allmählich knapp und die wirtschaftliche Lage des Landes ist weiter angespannt. Sanktionen der UN treffen das Land, die Lieferungen von Getreide und Dünger aus Südkorea sind seit mehr als einem Jahr wegen der politischen Spannungen ausgeblieben.

          Mit dem angestrebten Aufschwung will Kim Jong-il erreichen, dass sein Land zumindest wieder jenen Lebensstandard erreicht, den es hatte, als der Vater noch lebte - und der Ostblock noch intakt war. Zudem scheint sich mittlerweile auch im abgeschirmten Nordkorea herumgesprochen zu haben, dass es sich im kapitalistischen Südkorea besser lebt. Und somit beugt das Versprechen besserer Versorgung auch gegen Unzufriedenheit vor.

          Die Chancen, dass sich der gewünschte große wirtschaftliche Umschwung aus eigener Kraft erreichen lässt, sind allerdings gering. Denn Kim Jong-il will nicht den Weg der Reformen gehen, den China so erfolgreich vorgeführt hat. Im Gegenteil hat das Regime alle leisen Ansätze wirtschaftlicher Reformen, die zu Beginn dieses Jahrtausends eingeführt worden waren, wieder zurückgenommen. Kim Jong-il setzt wieder allein auf die sozialistische Planwirtschaft. Nicht mit Anreizen und Marktelementen soll die Wirtschaft angekurbelt werden, sondern mit "100-Tage-Kampagnen" und Propaganda und Mobilisierungsaktionen alten Musters, die die darbende arbeitende Bevölkerung zu mehr Leistung antreiben.

          Große Verunsicherung nach Währungsreform

          Kim Jong-il geht zudem aktiv gegen die Kräfte vor, die das Leben der Bevölkerung in den vergangenen Jahren tatsächlich verbessert haben, die Händler und die privaten Märkte. Die Währungsreform des vergangenen Dezembers sollte hauptsächlich dazu dienen, privates Vermögen abzuschöpfen, das bei der kleinen neuen Schicht der Händler entstanden war. Auf sie folgte ein Verbot der Nutzung von Devisen, die demselben Personenkreis die Flucht in Euro, Dollar oder chinesische Yuan unmöglich machte. Nun wird aus Südkorea berichtet, dass auch wichtige Großhandelsmärkte, aus denen private Händler sich versorgten, geschlossen wurden.

          Es gibt keine zuverlässigen Berichte darüber, wie die neuesten Maßnahmen in Nordkorea aufgenommen wurden. Einige Quellen sprechen von Protesten und Unruhe in der Bevölkerung. Händler an der chinesischen Grenze haben berichtet, dass nach der Währungsreform große Verunsicherung herrscht. Ausländische Besucher Nordkoreas berichten, die Bevölkerung habe gelassen auf die Maßnahme reagiert und sei wohl auch von dem Schritt vorab informiert gewesen. Beobachter fürchten aber, dass die Währungsreform und die Maßnahmen gegen die privaten Märkte nun die sowieso schon schwierige Versorgungslage weiter verschlechtern könnten.

          Auch Kim Jong-il dürfte sich dieser Gefahr bewusst sein und schaut wieder einmal hilfesuchend nach China. China ist das einzige Land, das Kim Jong-il, der, vermutlich aus Angst vor Attentaten, kein Flugzeug besteigt, regelmäßig besucht. Seine Besuche dort werden als "inoffiziell" bezeichnet und dienen der Pflege der Freundschaft. Nach Berichten von japanischen und südkoreanischen Nachrichtenagenturen steht eine Reise des Machthabers ins Nachbarland der "sozialistischen Marktwirtschaft" kurz bevor. Die Sicherheitsvorkehrungen im chinesischen Grenzort Dandong, wo der Sonderzug des Machthabers die Grenze nach China überqueren wird, seien bereits verschärft worden.

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