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Nordkorea : Von Mickymaus reformieren lernen?

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Figurentheater: Die Gruppe Moranbong, ganz nach dem Geschmack von Kim jong-un Bild: REUTERS

Der Führer lässt Ikonen der westlichen Gesellschaft auf die Bühne in Pjöngjang. Es bleibt die Frage, ob Kim Jong-un sein Land auch politisch verändern will.

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          Mickymaus ist in Nordkorea angekommen. Nach sechzig Jahren der Abschottung vom „Yankee-Kapitalismus“ und dessen „dekadenter“ Kultur durften jetzt erstmals dessen kleine Botschafter aus dem Haus Disney auch in Pjöngjang auftreten. Die Order dazu kam von ganz oben. Ein sichtlich erfreuter Führer Kim Jong-un applaudierte den Cartoon-Gestalten in Pjöngjang. Sollte Micky ein erstes Zeichen von Veränderung in Nordkorea sein? Von Kim Jong-uns Vater Kim Jong-il wusste man, dass er die Unterhaltungsprodukte Amerikas schätzte, genossen hat er sie aber nur in privaten Vorstellungen. Sein Sohn und Nachfolger hat jetzt die amerikanischen Ikonen und neue musikalische Töne in alle Haushalte gebracht, die Vorstellung mit Micky und Co wurde im Fernsehen übertragen.

          Disney Gestalten tummelten sich auf der Bühne nach einem Konzert, das anscheinend auf Initiative des Führers zustande gekommen war. Kim Jong-un habe selbst die neue Band „Moranbong“, die am Wochenende zum ersten Mal auftrat, zusammengestellt, schreiben die staatlichen Medien. Die Band besteht aus Musikerinnen, die in schulterfreien Kleidern und Miniröcken auftraten. In einem Land, in dem die Unterhaltungskultur vornehmlich aus Folklore und Revolutionsliedern besteht, die in koreanischer Tracht, zumindest aber in züchtiger Aufmachung vorgetragen werden, ist dies eine revolutionäre Neuerung.

          Kim Jong-un habe einen großartigen Plan, um eine dramatische Wende auf dem Gebiet von Kunst und Literatur einzuleiten, hieß es. Das weckt große Erwartungen. Offenbar scheut sich der junge Kim nicht vor den Ikonen der westlichen Kultur, die zumindest in Bildern oder auf T-Shirts über China schon ihren Weg nach Nordkorea gefunden haben.

          Wer ist diese Frau? Nordkoreas Diktator und seine Begleiterin applaudieren der Mickymaus-Aufführung Bilderstrecke

          Es darf nun auch spekuliert werden, ob Kim Jong-un politische Veränderungen im Sinn hat. Der junge Kim, der nach dem Tod seines Vaters im Dezember dessen Nachfolge als Herrscher Nordkoreas angetreten hat, hatte bereits bei seiner Amtseinführung mit einem Tabu gebrochen, als er selbst eine Rede hielt, was sein Vater immer vermeiden hatte. Seitdem hat er sich besonders volksnah und freundlich präsentiert. Im Gegensatz zu seinem Vater, der auf seinen unendlichen Inspektionsreisen durch das Land immer grimmig aussah, sieht man Kim Jong-un auf den von den staatlichen Medien verbreiteten Bildern stets, lachend und in freundlichem Gespräch.

          Vielleicht will Kim Jong-un, der mehrere Jahre in der Schweiz zur Schule gegangen sein soll, doch einige der Reformen einleiten, denen sich sein Vater immer verweigert hat. Nach Berichten aus Südkorea hat der neue Führer eine Arbeitsgruppe einberufen, die einen Reformplan für die Landwirtschaft aufstellen soll. Außerdem lässt sich nach einem Bericht der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap eine Gruppe von zwanzig Funktionären aus Nordkorea derzeit in der nordchinesischen Metropole Tianjin von den Chinesen darin ausbilden, wie man eine Wirtschaftssonderzone führt. Mit Sonderzonen, in denen mit marktwirtschaftlichen Elementen experimentiert werden durfte, hatte in der Volksrepublik China in den achtziger Jahren die Reformpolitik begonnen.

          Nordkorea hat zwei Wirtschaftssonderzonen an der Grenze zu China eingerichtet, eine in der Hafenstadt Rason im Osten und eine auf zwei Inseln im Grenzfluss im Westen der Grenze. Bisher haben sich dort aber noch nicht viele Investoren gemeldet. Vielleicht wird Micky der Sache Auftrieb geben.

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