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Die Strategie des Kim Jong-un : Alles auf eine Karte

  • -Aktualisiert am

Angeblich eine Wasserstoffbombe: Kim Jong-un inspiziert die Fortschritte seiner Ingenieure. Bild: dpa

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un provoziert mit seinem jüngsten Atomtest nicht nur die Vereinigten Staaten. Auch sein wichtigster Verbündeter China ist verärgert. Der Test überschattet ein wichtiges Treffen.

          Am Sonntagmorgen verbreitete Nordkoreas Nachrichtenagentur ein Foto eines lachenden Kim Jong-un neben einem Objekt, das als Wasserstoffbombe beschrieben wurde. Wenige Stunden später bebte in Nordkorea und Chinas Grenzregion die Erde. Schon bald sprachen südkoreanische und amerikanische Fachleute von einem Atomtest. Nachmittags folgte die offizielle Bestätigung aus Nordkorea.

          Die Zündung einer Wasserstoffbombe sei ein voller Erfolg gewesen, erklärte im ergriffenen Jubelton Nordkoreas berühmteste Fernsehansagerin vor dem Hintergrund eines Bildes von Nordkoreas heiligem Berg, dem Paektu. Die Bombe könne auf eine Interkontinentalrakete montiert werden, behauptete sie. Ein wichtiger Schritt sei getan, um das Atomprogramm des Staates zu vollenden. Die Art der Konfrontation zwischen Nordkorea und den Vereinigten Staaten habe sich grundlegend geändert.

          Ob es wirklich eine Wasserstoffbombe war, die da gezündet wurde, lässt sich noch nicht verifizieren. Südkoreanische Verteidigungsexperten bezweifeln auch, dass Nordkorea in der Lage ist, einen Atomsprengkopf herzustellen, der klein genug ist, um auf eine Interkontinentalrakete gesetzt zu werden. Fest steht allerdings, dass der Atomtest vom Sonntag der stärkste war, den Nordkorea bislang gezündet hat.

          Das von der Explosion erzeugte Beben hatte eine Stärke von 6,3 auf der Richter-Skala. Es wird geschätzt, dass die Bombe eine Sprengkraft von 100 bis 150 Kilotonnen hatte. Zum Vergleich: Die im August 1945 auf das japanische Hiroshima abgeworfene Atombombe war 15 Kilotonnen stark, der vorherige Atomtest Nordkoreas vom vergangenen Jahr wird auf zwischen zehn und 30 Kilotonnen geschätzt.

          Kim Jong-uns Provokationen werden immer frecher und folgen in immer kürzeren Abständen. Erst vor wenigen Tagen hatte der Machthaber eine Mittelstreckenrakete über Japan fliegen lassen. Nun trotzt der Diktator der internationalen Gemeinschaft mit einem weiteren unterirdischen Atomtest – noch dazu zu einem Zeitpunkt, der nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch China provoziert.

          Die Nachricht vom Atomtest erreichte Amerika am „Labor Day“-Feiertag. Und in der südchinesischen Stadt Xiamen begann am Sonntag das Gipfeltreffen der BRICS-Staaten mit den Regierungschefs von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, das die chinesische Führung mit viel Aufwand vorbereitet hat. Der Atomtest überschattete den Auftakt und die Eröffnungsrede von Präsident Xi Jinping, der es aber vorzog, Nordkorea und seinen Atomtest nicht zu erwähnen.

          Es ist nicht das erste Mal, dass Pjöngjang an einem für China bedeutenden Tag mit einer militärischen Provokation auf sich aufmerksam macht. Kim Jong-un zeigt auf diese Weise, dass er auf Befindlichkeiten Pekings keine Rücksicht nimmt, selbst wenn China noch immer Schutzmacht und wichtigster Handelspartner seines Staates ist. Kim Jong-un ist verärgert darüber, dass China immer schärfere Sanktionen gegen sein Regime mitträgt und diesmal auch ernsthaft umzusetzen scheint.

          Druck auf Amerika aufbauen

          Das chinesische Außenministerium verurteilte den neuesten Atomtest entschieden und forderte Nordkorea auf, nichts zu unternehmen, das die Lage noch weiter verschlimmern könnte. Abzuwarten bleibt, ob China diese neueste Provokation zum Anlass nimmt, die Sanktionen noch einmal zu verschärfen, oder ob es zum entscheidenden Schritt bereit sein und die Öllieferungen an Nordkorea einstellen wird.

          Der sechste nordkoreanische Atomtest mit seiner deutlich höheren Sprengkraft deutet darauf hin, dass das kommunistische Land mit seinem Atom- und Raketenprogramm schnelle Fortschritte macht. Kim Jong-un hat sich von den Drohungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump nicht abschrecken lassen und demonstriert weiterhin Stärke. Er will zeigen, dass er die Vereinigten Staaten mit seinen neuen Raketen und Bomben treffen kann. Der Machthaber hat mit dem Atomtest auch auf die südkoreanisch-amerikanischen Manöver reagiert. Er ignoriert amerikanische Gesprächsofferten und setzt alles auf eine Karte, um die Vereinigten Staaten zu Verhandlungen zu seinen Bedingungen zu bewegen. Gleichzeitig zwingt er nun auch die zwei Staaten, die ihm potentiell zu Hilfe kommen könnten, Südkorea und China, weiter von ihm abzurücken.

          Südkoreas Präsident Moon Jae-in, der eigentlich bereit war, mit Nordkorea Gespräche zu führen und zur Entspannungspolitik vergangener Zeiten zurückzukehren, kann diese Ziele angesichts der Provokationen aus Pjöngjang nicht weiterverfolgen. Moon Jae-in forderte nach dem Atomtest eine weitere Verschärfung der Sanktionen gegen Nordkorea, um den Staat vollständig zu isolieren. Auch das amerikanische Raketenabwehrsystem Thaad, dessen Stationierung in Südkorea Moon vor seinem Amtsantritt noch kritisch gegenüberstand, kann er jetzt nicht mehr ablehnen.

          China hat eine völlige Sanktionierung Nordkoreas bislang immer mit der Begründung abgelehnt, es müsse der Lebensunterhalt der Nordkoreaner garantiert sein. Der amerikanische Präsident scheint darauf zu setzen, dass es nach den neuesten Provokationen seine Haltung ändern könnte. Er adressierte seine Reaktion auf den Atomtest deutlich an China: Nordkorea sei ein Schurkenstaat, der eine Bedrohung und eine Peinlichkeit für China geworden sei, schrieb er auf Twitter.

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