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Nordkoreas Wirtschaftszuwachs : Die steigende Flut hebt alle Boote

Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un eröffnet die Ryomyong Straße in Pjöngjang Bild: AFP

Trotz jahrelanger Isolation erlebt Nordkorea eine wirtschaftliche Erholung. Während Privatbesitz geduldet wird, soll der ideologische Schein gewahrt bleiben. Hilft das dem Regime von Kim Jong-un?

          5 Min.

          Gut fünf Jahre nach der Machtübernahme Kim Jong-uns erlebt Nordkorea einen Schub der Bauwirtschaft. Die Straßen sind belebter als früher und die Menschen hungern nicht mehr, berichten Nordkorea-Forscher. Die glanzvolle Eröffnung der Ryomyong-Straße in der Hauptstadt Pjöngjang im April ist da nur ein Aushängeschild der Propaganda, mit der das kommunistische Regime sich feierte. Neben dem Staatssektor und innerhalb des Staatssektors entwickelt sich in Nordkorea eine Marktwirtschaft, die in den Worten südkoreanischer Beobachter ein neues kapitalistisches Bürgertum entstehen lässt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          „Die vergangenen fünf Jahre waren nicht die Zeit eines nordkoreanischen Wirtschaftswunders“, sagt Andrei Lankov, der an der Kookmin-Universität in Seoul forscht. „Aber die Wirtschaftslage hat sich signifikant verbessert.“ Statistiken über das verschlossene kommunistische Regime gibt es nicht oder sind ungenau. Viele Beobachter in Südkorea schätzen die wirtschaftliche Wachstumsrate im Norden in den vergangenen Jahren auf zwei bis drei Prozent jährlich. Die südkoreanische Zentralbank beziffert das Wachstum in dem kommunistischen Regime in den Jahren der Herrschaft Kim Jong-uns auf etwa ein Prozent im Jahr. Eine Ausnahme war das Jahr 2015, als eine Dürre die Landwirtschaft und die Energieerzeugung aus Wasserkraft schädigte. Daten für 2016 gibt es noch nicht, und sie gäben auch nur ungefähre Anhaltspunkte. „Wir befinden uns ständig in der Gefahr, dass wir mit den Statistiken komplett danebenliegen“, sagt der Nordkorea-Forscher Park Son-sung von der Dongguk-Universität in Seoul.

          Er führt wie die meisten Beobachter die wirtschaftliche Stabilisierung auf zwei Gründe zurück: die Dezentralisierung der Entscheidungsfindung in der Landwirtschaft und in Unternehmen sowie die zunehmende Rolle privater Märkte im Land. Manche Beobachter sehen den wirtschaftlichen Fortschritt auf die Hauptstadt Pjöngjang begrenzt. Das sei ein Trugschluss, auch das ländliche Nordkorea profitiere, sagt Lankov und zitiert John F. Kennedy, wonach die steigende Flut alle Boote hebe. Auf 400 bis 500 wird die Zahl der Märkte geschätzt, und ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren gestiegen. In den Gebäuden könnten Nordkoreaner an Ständen Waren verkaufen, sie zahlen dabei täglich Marktsteuer an einen Verwalter, berichtet Hong Jea-hwan vom Koreanischen Institut für die nationale Vereinigung (Kinu) in Seoul.

          Der Markt floriert, die Fabriken stehen still

          Auf diesen Märkten würden aus China eingeführte Waren, Kleidung oder Lebensmittel aus eigenem Anbau verkauft, sagt Hong. Gehandelt würden auch Schuhe oder Brennstoffe, welche die Menschen selbst herstellten. Auf rund 1,1 Millionen schätzt das Kinu-Institut die Zahl der Manager und Händler in den offiziellen Märkten. Hinzu kommt der Schwarzmarkt. Ohne die Märkte könnten die Nordkoreaner nicht überleben, sagt Hong. Viele Fabriken stünden still.

          Über die Rolle, die Nordkoreas Führer Kim Jong-un bei der wirtschaftlichen Erholung spielt, gehen die Meinungen auseinander. Kim hat als Staatspolitik die Förderung der Wirtschaft und den Bau von Atomwaffen ausgerufen. Er dulde nicht nur die privaten Märkte, er fördere die wirtschaftliche Erholung, meint der Russe Lankov. In zwei Reformen in den Jahren 2012 und 2014 hat Kim zumindest auf dem Papier mehr Freiheiten in der Landwirtschaft zugelassen. Kim lasse die Märkte nur zu, weil sie dem Staat Steuereinnahmen brächten, sagt dagegen Hong vom Kinu-Institut. Eine langfristige Strategie stecke nicht dahinter.

          Blick auf Nordkoreas neue Vorzeigepromenade: Alles rund um die Ryomyong Straße sieht neu gebaut aus. Durch den Bauboom erlebt das sozialistische Land auch eine wirtschaftliche Erholung. Bilderstrecke

          Auch in Nischen können private Märkte freilich eine Eigendynamik entwickeln, die sich nur schwer anhalten und rückgängig machen lässt. Über mehrere Jahre und kulminierend in einer Währungsreform 2009 versuchte der damalige Herrscher und Vater Kim Jong-uns, Kim Jong-il, den zuvor geduldeten privatwirtschaftlichen Nischen den Garaus zu machen. Doch nach Protesten der Bevölkerung gab das Regime 2010 nach, und die privaten Märkte blühten wieder auf. Seither habe das Regime nichts mehr unternommen, um die Märkte zu unterdrücken, sagt Hong von Kinu-Institut.

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