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Nordkorea : Der liebe Führer ist in Wahrheit gar nicht lieb

  • -Aktualisiert am

Guten Flug: Ballons mit „subversiver” Fracht für Nordkorea Bild: ASSOCIATED PRESS

Lange waren es in Südkorea allein private Initiativen, die Flugblätter in den Norden schickten, um die Nordkoreaner über ihren Staat aufzuklären. Seit der Torpedierung des Schiffes „Cheonan“ aber denkt auch die Regierung in Seoul wieder über psychologische Kriegsführung nach.

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          Die Ballons, die die Saat der Erkenntnis über die Grenze nach Nordkorea tragen, sind zwölf Meter lang und mit Wasserstoff gefüllt. An ihnen hängen bis zu 7,5 Kilogramm schwere Pakete mit subversiver Last: Flugblätter, die den Bürgern Nordkoreas die Augen öffnen sollen. Damit sie hoch über die innerkoreanische Grenze und bis zur nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang fliegen können, muss nur der richtige Wind wehen.

          Die „Nordkoreanischen Christen“, die „Kämpfer für ein Freies Nordkorea“ und andere Bürgerinitiativen aus Südkorea haben in den vergangenen sieben Jahren Millionen Flugblätter per Ballonpost nach Nordkorea geschickt. Manchmal schicken die Aktivisten die Ballons von Posten an der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea ab, meistens aber von kleinen Inseln an der Westküste Südkoreas, wo die Windverhältnisse am günstigsten sind. Ein Zeitauslöser lässt die Fracht nach einer vorher bestimmten Flugzeit über Nordkorea fallen.

          Sie wissen nicht, was im Rest der Welt vor sich geht

          Die Initiativen, meist christliche Gruppen, zu denen auch Flüchtlinge aus Nordkorea gehören, hängen Medikamente an die Ballons, kleine Radios oder leichte Konsumgüter wie Strumpfhosen. Ihre wichtigste Fracht sind aber die Flugblätter. „In Nordkorea sind die Menschen von allen Informationen abgeschnitten. Man kann dort nur das staatliche Radio und Fernsehen empfangen. Die Menschen wissen nicht, wie es in Südkorea aussieht und was im Rest der Welt vor sich geht“, sagt Frau Lee Jeong-ok, die sich seit einem Jahr an den Flugblatt-Aktionen beteiligt. Die Lehrerin aus Pjöngjang hat eine gefährliche Flucht aus Nordkorea und fünf Jahre einer illegalen Existenz in China hinter sich. Jetzt will sie dabei helfen, Nordkorea zu verändern.

          Mit dem Wind gen Norden - ein Zeitauslöser lässt die Fracht über Nordkorea fallen
          Mit dem Wind gen Norden - ein Zeitauslöser lässt die Fracht über Nordkorea fallen : Bild: ASSOCIATED PRESS

          Die Flugblätter vermitteln den Nordkoreanern Informationen über die Außenwelt, sie stellen aber auch dar, was die Nordkoreaner über ihr eigenes Land nicht wissen dürfen. „Wir schreiben Berichte über den Machthaber Kim Jong-il und seine Familie und widerlegen die Propaganda“, sagt Frau Lee bei einem Treffen in Seoul. So behauptet die nordkoreanische Propaganda, Kim Jong-il sei in Nordkorea geboren. Die Flugblätter klären darüber auf, dass er tatsächlich in Russland geboren wurde.

          In der Flugpost aus Südkorea ist zu lesen, dass der Diktator und seine Familie in den Zeiten der großen Hungersnot in den neunziger Jahren im Luxus lebten, während drei Millionen Nordkoreaner verhungerten. Man klärt die Bevölkerung über den dekadenten Lebenswandel des in Nordkorea als „lieber Führer“ zu titulierenden Machthabers auf, zwanzig Ehefrauen und Konkubinen habe er gehabt. Sie stellen richtig, dass der Koreakrieg 1950 von den koreanischen Kommunisten begonnen wurde und nicht, wie die kommunistische Propaganda behauptet, von den Amerikanern. Und in der vorerst letzten Sendung haben sie darüber berichtet, dass es Beweise dafür gibt, dass das südkoreanische Schiff „Cheonan“ von einem nordkoreanischen Torpedo versenkt wurde, obwohl Nordkorea dies leugnet.

          Nordkoreaner erfahren aus den Flugblättern auch, dass nordkoreanische Flüchtlinge in Südkorea aufgenommen werden. Sie zeigen auf, dass Südkorea viel wohlhabender ist als der Norden, und die Menschen dort nicht unter der kapitalistischen Ausbeutung leiden.

          Bis vor Kurzem waren die Aktivitäten der Ballon-Gruppen der südkoreanischen Regierung ein Dorn im Auge. Unter der „Sonnenscheinpolitik“ der früheren südkoreanischen Präsidenten wollte man die Gruppen ganz zum Rückzug bewegen, um Nordkorea nicht zu provozieren, und selbst die Regierung des konservativen Lee Myung-bak, die die Entspannungspolitik aufgab und eine härtere Gangart gegenüber Nordkorea einschlug, distanzierte sich anfangs noch von den Aktionen.

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