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Nordkorea : Der große Bruder wird langsam böse

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Applaus, Applaus: Kim Jong-un klatscht während einer Militärparade zum 100. Geburtstag des früheren Staats- und Parteichefs Kim Il Sung Mitte April in Pjönjang Bild: dpa

Das Überleben seines Landes hängt von China ab. Aber Nordkoreas junger Führer Kim Jong-un scheut nicht die Eskalation. Das von Peking gelobte Atom-Moratorium soll nicht mehr gelten.

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          Am Tag nach der ersten Rede von Nordkoreas neuem Führer Kim Jong-un in Pjöngjang überschlugen sich Kommentatoren in China mit Lob für dessen Debüt. Kim Jong-un habe einen Neuanfang geschafft, indem er, anders als sein Vater, direkt zum Volk gesprochen habe. Er habe einen neuen Stil eingeführt, sei locker und selbstbewusst aufgetreten und habe mit sicherer Stimme die Zustimmung seines Volkes gewonnen.

          Der freundlichen Anerkennung des Auftritts folgte bald die offizielle Ohrfeige von Seiten der chinesischen Regierung. Am Montag stimmte China im UN-Sicherheitsrat einer scharfen Verurteilung von Nordkoreas Raketenstart am vergangenen Freitag zu. In der Präsidentenerklärung wird auch eine Verschärfung von Sanktionen gegen das Regime in Pjöngjang angekündigt. Seit Nordkorea bekanntgegeben hatte, dass es zur Feier des Führer-Geburtstags eine Langstreckenrakete ins All schicken wollte, hatte es Druck auf Peking gegeben, seinen Verbündeten Pjöngjang von dem Vorhaben abzuhalten. Wenn Peking dies ernsthaft versucht haben sollte, dann ohne Erfolg. Der Raketenstart war somit auch ein Affront gegen China und ein trotziger Hinweis des neuen Führers Kim Jong-un, dass auch er sich – wie sein Vater und Großvater – vom großen Nachbarn nichts sagen lassen will.

          Wie alle Nachbarn Chinas ist auch Nordkorea von der chinesischen Wirtschaft abhängig und auf deren Wohlwollen angewiesen. Mit großer Zuneigung wird die zunehmende Macht Chinas aber auch in Nordkorea nicht gesehen. Die Distanz zu China hat Tradition. Die Abgrenzung beginnt bei der Interpretation der Geschichte. Nordkorea (und Südkorea) sind empört über die chinesische Lesart, nach der die koreanische Koguryo-Dynastie ein Vasallenstaat Chinas war und somit zu Chinas Geschichte zählen sollte. Dass die Überreste von Bauwerken und Königsgräber dieser Dynastie auf heutigem chinesischen Territorium liegen, wird von den Koreanern als Schmach empfunden.

          Das Überleben hängt von China ab

          Der große Einsatz chinesischer Truppen im Korea-Krieg wird zwar anerkannt, aber letztlich behauptet Nordkorea doch, dass es das Genie von Staatsgründer Kim Il-sung war, der „den Krieg gewonnen“ hat. Mit seiner „Juche-Ideologie“ der Eigenständigkeit pochte das neugegründete sozialistische Nordkorea dann auf Unabhängigkeit gegenüber China und der Sowjetunion. Als China mit Wirtschaftsreformen begann, kritisierte Pjöngjang diese und sah sich als Hüter der reinen Lehre.

          Mittlerweile ist es nicht mehr einfach für Nordkorea, Distanz zu China zu halten, da das Überleben des Staates politisch und wirtschaftlich von der Volksrepublik China abhängt. Das Einzige, was Nordkorea der Wirtschaftsmacht Chinas und dem Sog, den sie allmählich auch auf Nordkorea ausübt, entgegensetzen kann, sind seine Militärmacht und sein Arsenal an Atomwaffen. Somit ist Nordkoreas Raketen- und Atomprogramm nicht nur ein Versuch der Behauptung gegenüber Amerika, sondern auch gegenüber China.

          Der jüngste Raketenstart brüskiert auch chinesische Bemühungen, Nordkorea zur Wiederaufnahme der Sechser-Gespräche über sein Atomprogramm zu bringen. China, das seinen Schützling oft mit Samthandschuhen anfasste, geht vorsichtig auf Distanz. Die Pekinger Regierung, die in anderen Fragen der Außenpolitik auf Nichteinmischung und Nichtkonfrontation beharrt, zeigt im Fall Nordkorea Anzeichen der Frustration und Verärgerung.

          Sie hat schon die Sanktionen, die nach dem letzten Atomtest verhängt wurden, mitgetragen. Eine Präsidentenerklärung wie die jetzt verabschiedete enthält zwar keine Zwangsmaßnahmen. Doch allein der Umstand, dass dort von möglichen neuen Sanktionen die Rede ist, zeigt, dass es China ernst meint mit der Verurteilung Nordkoreas. China will einen neuen Atomtest in Nordkorea vermeiden. Das Außenministerium stellte sich in seiner Stellungnahme zur UN-Erklärung eindeutig hinter die amerikanisch-nordkoreanische Abmachung vom 29. Februar. Sie habe große Bedeutung und solle in die Tat umgesetzt werden. China setzt damit offiziell darauf, dass durch die Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea noch ein Atomtest verhindert werden kann. Doch in Pjöngjang gab das Außenministerium am Dienstag bekannt, das Land fühle sich an die Abmachung mit den Amerikanern nicht mehr gebunden. Die Verurteilung durch die UN sei „unfair“. Washington hatte schon vor dem – gescheiterten – Raketenstart deutlich gesagt, Nordkorea könne nicht mehr mit der verabredeten Nahrungsmittelhilfe rechnen, wenn es auf diese Provokation nicht verzichte. Nach Berichten aus Japan hat Nordkorea bereits die Inspekteure der IAEA wieder ausgeladen, die es nach der Pekinger Vereinbarung mit Amerika erst wieder ins Land gebeten hatte.

          Auch innenpolitisch unter Druck

          Was offiziell in China nicht gesagt wird, spricht die halboffizielle chinesische „Global Times“ aus. Sie machte klar, dass China mit der UN-Erklärung den jungen Herrscher daran erinnert habe, dass sein Regime von China abhänge. Wenn Nordkorea an guter Partnerschaft interessiert sei, sollte es bedenken, dass Chinas Stärke und Wohlstand entscheidend für die Stabilität in Nordkorea sei. China werde seine Politik der Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen nicht ändern, um Konflikten mit Pjöngjang auszuweichen. Pjöngjang sollte Peking als Freund behandeln, wenn China dies von seiner Seite aus tue.

          Doch für Kim Jong-un ist militärische Macht die einzige Legitimation. Deshalb braucht er Raketen- und Atomprogramme. Kim spekuliert wie sein verstorbener Vater Kim Jong-il darauf, dass China trotz aller Bedenken über das Atomprogramm aus strategischen Erwägungen zu Nordkorea stehen wird. Allerdings steht der junge Führer auch innenpolitisch unter Druck, die Blamage der ins Meer gestürzten Rakete wettzumachen.

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