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Nordkaukasus : Es muss nicht so ruhig bleiben

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Geradliniger Soldat: Vor dem Anschlag auf sein Leben war Junus-Bek Jewkurow für viele Inguscheten ein Hoffnungsträger Bild: AFP

In Inguschetien ist es für nordkaukasische Verhältnisse ruhig. Auf der anderen Seite will die Regierung nicht zugeben, wie viele in der russischen Teilrepublik verschleppt und gefoltert werden. Auch wenn unter Präsident Jewkurow vieles besser wurde - stabil ist Inguschetien nicht.

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          Die Sicherheitskräfte sollen Bürger verschleppt haben? Der Staatsanwalt von Inguschetien wirkt empört über diese Frage und kramt aus seinen Unterlagen eine Statistik vom vergangenen Jahr hervor. So gerüstet, verkündet er, dass in diesem Zeitraum nur zwei Fälle bekannt geworden seien. Über die Rolle der Sicherheitskräfte verliert er kein Wort. Der Alltag in der russischen Teilrepublik im Nordkaukasus und die Unterlagen des inguschetischen Regionalbüros der Menschenrechtsorganisation Memorial sprechen eine andere Sprache. Bei Memorial ist man sicher, dass vergangenes Jahr mindestens 36 Menschen verschleppt worden sind – und nennt Beispiele für die Beteiligung der Sicherheitskräfte.

          Pjatmat Chaschagulowa erzählt, dass ihr Mann vor einigen Monaten auf der Fahrt nach Wladikawkas in der Nachbarrepublik Nordossetien verschleppt wurde. Eine Woche nach dem Verschwinden ihres Mannes seien plötzlich Schützenpanzerwagen vor ihrem Haus aufgefahren. Schwer bewaffnete Männer in Gesichtsmasken hätten gedroht, das Hoftor niederzufahren und das Haus kurz und klein zu schießen, wenn sie mit ihren Kindern nicht sofort heraus komme. Zitternd vor Angst sei sie dem Befehl gefolgt. Später sei ihr gesagt worden, dass ihr Mann in Haft sei, weil er an einem Terroranschlag beteiligt gewesen sei. Chaschagulowa Pjatmat glaubt aber, dass es in Wirklichkeit darum ging, dass Vertreter der Staatsmacht von ihrem Mann, einem Bauunternehmer Schutzgeld erpressen wollten. Immerhin, sagt die Frau den Tränen nahe, könne ihr Mann jetzt nicht mehr ohne weiteres heimlich umgebracht werden, weil sein Aufenthaltsort bekannt sei.

          Folter und Verschleppung, aber keine Anschläge

          Timur Akijew von Memorial berichtet, wie vor kurzem drei Brüder aus der Ortschaft Ordschonikidse von den Sicherheitskräften verschleppt und gefoltert wurden, weil sie dazu gebracht werden sollten, den Aufenthaltsort eines Verwandten preiszugeben, nach dem gefahndet wurde. In diesem Fall sei es jedoch gelungen, den Republikpräsidenten Junus-Bek Jewkurow einzuschalten. Jewkurow traf sich im Beisein des Chefs der inguschischen Abteilung des Inlandsgeheimdienstes FSB mit den gefolterten Brüdern und entschuldigte sich. Im Gespräch mit Journalisten sagt Jewkurow ganz offen, dass es gute Gründe gebe, die Sicherheitskräfte zu kritisieren: Deren hartes, um nicht zu sagen unmenschliches Vorgehen untergrabe das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat. Es bleibt die Frage, weshalb Jewkurow dann zulässt, dass so etwas immer wieder geschieht. Der Menschenrechtler Timur Akijew sagt, er habe den Eindruck, dass Jewkurow, der im Herbst 2008 zum Präsidenten von Inguschetien ernannt worden ist, die Sicherheitskräfte nicht kontrolliere – vor allem nicht die sogenannten „Föderalen“, die Moskau unterstehen.

          Wie es weitergeht: Die jungen Inguscheten leben zwischen den Stimmen der Islamisten und der Hoffnung auf Stabilität

          Die Moskauer Medien berichten nur selten über die Entführungen in Inguschetien. Ihnen ist vor allem wichtig, dass es in Inguschetien – anders als in anderen Republiken im Nordkaukasus – seit einigen Monaten keine größeren Anschläge auf die Sicherheitskräfte mehr gab. In Inguschetien wurde es ruhiger, nachdem zwei Führungsfiguren des islamistischen Untergrunds ausgeschaltet worden waren: Der eine mit dem Kampfnamen „Magas“ wurde von einer Spezialeinheit des FSB gefangen genommen, der andere, der sich „Said Burjatskij“ nannte, wurde getötet. Etwas später verkündete der Untergrund eine Art Burgfrieden, indem er erklärte, die Miliz werde nicht mehr angegriffen. Diese relative Ruhe sei aber nicht unbedingt im Interesse der Sicherheitskräfte, sagt Magomed Chasbijew, der Chefredakteur der oppositionellen Internetzeitung „Ingushetyaru.org“. Denn der Kampf gegen den Terror sei für viele Männer in Uniform vor allem eine Möglichkeit, die eigenen Karriere zu fördern – oder private Geschäfte zu betreiben.

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