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Nord- und Südkorea : Das Schweigen hat ein Ende

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un im Juni während einer Sitzung der 3. Vollversammlung des 8. Zentralkomitees der Arbeiterpartei in Pjöngjang Bild: Reuters

Nordkorea spricht wieder mit seinem Nachbarn im Süden. Dessen Präsident könnte seine glanzlose Amtszeit mit einem Erfolg beenden. Doch was bewegt Kim Jong-un zu diesem Schritt?

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          Nach langem diplomatischen Schweigen hat Nordkorea am Dienstag die direkten Kommunikationsverbindungen mit Südkorea wieder geöffnet. Um 10 Uhr Ortszeit wurden die Verbindungen nach Angaben beider Staaten angeschaltet und später mit einem ersten grenzüberschreitenden Telefonat getestet. Nordkorea hatte die Verbindung im Juni 2020 abgeschaltet. Die Inbetriebnahme deutet darauf hin, dass Nordkorea sich Gesprächen mit den Vereinigten Staaten öffnen könnte.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Regierungen von Nord- und Südkorea lobten die Vereinbarung in ähnlich klingenden Formulierungen. Kim Jong-un, der Führer von Nordkorea, und Südkoreas Präsident Moon Jae-in hätten einen großen Schritt gemacht, um das gegenseitige Vertrauen wiederherzustellen, hieß es aus dem Norden. Südkoreas Präsidialamt sprach von einer Einigung der beiden Führer, die innerkoreanischen Beziehungen so schnell wie möglich voranzubringen. Nach Angaben des Südens hatten Moon und Kim seit April wiederholt Briefe ausgetauscht, um die Beziehungen zu beleben. Über die Inhalte wurde nichts bekannt. Die Wiedereröffnung der Kommunikation geschah am 68. Jahrestag des Waffenstillstandsabkommens, mit dem 1953 die Kampfhandlungen im Koreakrieg eingestellt wurden.

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          Nordkorea hatte die Telefon- und Faxleitungen zwischen den Militärs beider Seiten vor 13 Monaten abgeschaltet. Ein Grund dafür war die Verärgerung in Pjöngjang darüber, dass Südkorea Menschenrechtsaktivisten nicht daran hinderte, Flugblätter gegen das Kim-Regime mit Ballons über die Grenze gen Norden zu schicken. Wenige Tage später sprengte Nordkorea dann im Juni 2020 das Verbindungsbüro beider Staaten in der Grenzstadt Kaesong in die Luft. Südkorea versuchte danach erfolglos, die Gespräche mit dem Norden wieder in Gang zu bringen. Moon bot Wirtschaftshilfe und Unterstützung gegen das Coronavirus an, stieß im Norden aber auf eisiges Schweigen. Um Pjöngjang entgegenzukommen, setzte die Regierung von Moon unter heftigem Protest im demokratisch-freiheitlichen Südkorea sogar durch, dass die Verschickung von Flugblättern Richtung Nordkorea strafbar sei. Doch der Norden ließ Moon weiter auflaufen.

          Die diplomatische Verwerfung reicht weiter zurück. Im Februar 2019 endete im vietnamesischen Hanoi ein zweites Treffen zwischen dem damaligen amerikanischen Präsidenten Donald Trump und Kim ohne Ergebnis über eine nukleare Abrüstung des Nordens. Südkorea, das den Kontakt mit angeschoben hatte, hatte da schon seine Bedeutung als Türöffner für das nordkoreanische Regime verloren.

          Will Kim Jong-un Einfluss auf die Wahl in Südkorea nehmen?

          Für Moon, der im nächsten Jahr nach fünf Jahren turnusgemäß das Präsidentenamt in Seoul verlässt, böten eine Wiederaufnahme der Gespräche und mögliche Vereinbarungen mit Pjöngjang die Gelegenheit, seine zuletzt in den Corona-Wirren eher glanzlose Präsidentschaft mit einem Erfolg zu beenden. Die Bank von Korea meldete am Dienstag für den Zeitraum von März bis Juni eine vorläufige Wachstumsrate von 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Das war das vierte Wachstumsquartal nacheinander, nachdem Südkorea am Beginn der Corona-Pandemie in eine Rezession gefallen war. Doch seit Juni erlebt das Land mit dem Vordringen der Delta-Variante des Coronavirus eine Infektionswelle, so stark wie nie zuvor. Es zeigt sich, dass die Regierung im vergangenen Jahr nicht schnell genug dafür gesorgt hat, an Impfstoffe gegen das Virus zu gelangen. Das belastet die Aussichten des künftigen Präsidentschaftskandidaten seiner Demokratischen Partei.

          Unklarer ist das Motiv des nordkoreanischen Diktators Kims für das Wiederanschalten der Kommunikationsverbindungen. Beobachter hatten das lange Schweigen und die aggressive Rhetorik gegenüber dem Süden und den Vereinigten Staaten damit begründet, dass Kim Avancen der Regierung von Joe Biden abwarte. Bis zum Dienstag hatte Kim diplomatische Gesprächsangebote aus Seoul und Washington zurückgewiesen. Im Juni erklärte er auf einer Plenarsitzung der Arbeiterpartei, dass Nordkorea offen für Dialog und Konfrontation sein solle.

          Das jetzige Signal kann darauf hinweisen, dass Kim dringend Hilfe benötigt, nachdem er das Land zum Schutz vor dem Coronavirus wirtschaftlich weitgehend abgeschottet hat. Manche Beobachter spekulieren ferner, dass Kim Einfluss auf den bevorstehenden Präsidentschaftswahlkampf in Südkorea nehmen will. In den nächsten Wochen planen die Vereinigten Staaten und Südkorea gemeinsame Militärmanöver, die zum Testfall für die Gesprächsbereitschaft Kims werden könnten.

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