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Paris in Erklärungsnot : Die Wahrheit hinter der Schutzmaske

Inzwischen auch geschützt: Präsident Macron mit Mundschutz Bild: Reuters

Die französische Regierung behauptete, Schutzmasken könnten sogar schädlich sein. Der Grund dafür waren mangelnde Vorräte. Als erste Großstadt führt Nizza nun eine Mundschutzpflicht ein.

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          Als erste französische Großstadt will Nizza eine Schutzmaskenpflicht einführen. Das hat der rechtsbürgerliche Bürgermeister Christian Estrosi (LR) angekündigt und versprochen, dass alle Bewohner eine waschbare, wiederverwendbare Schutzmaske aus französischer Fertigung erhalten sollten. Mit der Verteilung der Masken soll voraussichtlich nächste Woche begonnen werden. Estrosi plant nach Ende der Verteilungsphase eine Verordnung zu erlassen, mit der die Missachtung der Schutzmaskenpflicht im öffentlichen Raum sanktioniert wird. Die Höhe der geplanten Geldbuße ist bislang noch nicht bekannt. Estrosi war selbst an Covid-19 erkrankt und will neue Wege ausprobieren, das Ansteckungsrisiko zu verringern. Seine Ankündigung hat an der Côte d’Azur sofort Nachahmer gefunden. 

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Bürgermeister von Cannes, David Lisnard (LR), setzt ebenfalls auf die Ausgabe von Schutzmasken, die er in Cannes nähen ließ. Die Stadt hat das berühmte Filmfestival absagen müssen und viele Restaurants und Hotels kämpfen um ihre Existenz, da die Touristen ausbleiben. Der benachbarte Urlaubsort Mandelieu-la-Napoule will ebenfalls eine Schutzmaskenpflicht einführen. Die Bürgermeister von der Côte d’Azur sehen sich als Vorhut im zentralistisch regierten Frankreich. 

          Auch Paris erwägt Maskenpflicht

          Die sozialistische Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, zeigte sich interessiert an ihrem Vorgehen. Sie erwäge ebenfalls alle Hauptstadtbewohner zu verpflichten, im öffentlichen Raum Mund und Nase zu bedecken, sagte sie. Sie hat durchgesetzt, dass von diesem Mittwoch an sportliche Aktivitäten im Freien zwischen 10 und 19 Uhr in der dicht besiedelten Hauptstadt verboten werden. Damit will die Bürgermeisterin erreichen, dass die ohnehin schon strikten Quarantäneregeln besser respektiert werden. Überall in Frankreich ist es verboten, sich weiter als einen Kilometer von seiner Wohnung zu entfernen.  

          Alle Gärten und Parkanlagen sind geschlossen, auch Wälder, Strände und Küstenwege für den Publikumsverkehr gesperrt. Die Bürgermeister drängen darauf, dass die Regierung Wege aus der totalen Quarantäne aufzeigt, doch bislang haben sich die Verantwortlichen in Widersprüche verstrickt.

          „Masken können sogar kontraproduktiv sein“

          Regierungssprecherin Sibeth Ndiaye bestritt wochenlang, dass Schutzmasken nützlich sein könnten, um die Ansteckungsgefahr zu verringern. „Masken können sogar kontraproduktiv sein, weil sie Schutz vortäuschen“, sagte sie. Doch inzwischen haben Regierungsmitarbeiter in der Presse eingestanden, dass die ablehnende Haltung gegenüber Schutzmasken nur dem Mangel an Vorräten geschuldet war. 

          Nicht der Gesundheitsschutz stand im Vordergrund, sondern politische Erwägungen, um die unzureichende Vorbereitung auf eine Pandemie zu vertuschen. Dabei lag die Verantwortung für den Engpass bei den Schutzmasken gar nicht bei der Regierung Präsident Macrons. Vielmehr war es die sozialistische Gesundheitsministerin Marisol Touraine, die 2013 entschied, die staatlichen Vorräte an Schutzmasken und -kleidung zum Seuchenschutz nicht zu erneuern und die Arbeitgeber anzuweisen, für entsprechende Reserven zu sorgen. 

          Doch gerade den staatlichen Krankenhäusern fehlte es an Mitteln und wohl auch am Willen, um in Vorräte zu investieren. Die Regierung verzichtete jedoch darauf, den Franzosen die Wahrheit zu sagen. Der Leiter der Gesundheitsbehörde, Jerome Salomon, behauptete am 26. Februar wider Wissen, es gebe keine Engpässe. So hat die Bevölkerung nur schrittweise erfahren, warum es an Schutzmasken fehlt. Das schürt das Misstrauen in die politische Elite. Die Regierungssprecherin  verstieg sich gar zu der Behauptung, es sei für die meisten zu kompliziert, eine Schutzmaske korrekt aufzusetzen. 

          Der Präsident höchstpersönlich musste eine Kehrtwende einleiten und bei einem Besuch in einer Maskenfabrik ankündigen, dass die Regierung fortan auf dem Weltmarkt „kämpfen“ werde, um den Bedarf zu decken. Die Internetzeitung „Mediapart“ enthüllte, wie wenig die Bürokraten in der französischen Gesundheitsbehörde den Herausforderungen gewachsen sind, sich bei Bestellungen in China durchzusetzen. 

          Fast einen Monat lang brauchte die Behörde, um ihre langwierigen Bestellprozeduren zu überarbeiten. Regierungschef Edouard Philippe berief eine eigene Task Force für Schutzausrüstung ein, doch auch dieser wurde nicht gestattet, Hilfsangebote französischer Geschäftsleute in China zu akzeptieren. Mehrere in China ansässige Franzosen berichteten enttäuscht, sie hätten Lieferungen organisieren können, doch keine oder nur ausweichende Antworten aus Paris erhalten. Die Regionalratspräsidenten organisierten sich angesichts des Versagens auf zentralstaatlicher Ebene selbst. Mehrere ließen sich dabei filmen, wie sie am Flughafen Maskenlieferungen aus China in Empfang nahmen oder diese an Altenpflegeheime und Krankenhäuser verteilten. 

          Bewunderung für Deutschland

          Viele Franzosen blicken inzwischen mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid auf Deutschland, dessen föderalstaatliche Strukturen viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten für bürgernahe Politik eröffnen. Denn auch der Mangel an Testmöglichkeiten ist auf die rigide zentralistische Organisation zurückzuführen. Bis zum 7. März waren nur gut ein Dutzend ausgewählte Labors in den staatlichen Krankenhäusern befugt, die Tests durchzuführen. 

          Per Regierungsdekret dürfen seit dem 7. März auch private Labors testen – doch es mangelt an den Automaten zur Auswertung der Tests, die hauptsächlich vom Marktführer Roche stammen. Während Deutschland mehr als 100 solcher Automaten hat, gab es in Frankreich zu Beginn der Pandemie nur zwölf. Inzwischen hat man weitere dazugekauft. Aber von flächendeckenden Tests ist das Land noch immer weit entfernt.

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