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Desinformation in der Ukraine : „Ohne Rücksicht auf Verluste“

Für die Behauptung der Poroschenko-Anhänger, der Oppositions-Kandidat Wolodymyr Selenskyj sei rauschgiftsüchtig, gibt es keine Beweise. Bild: AFP

Der Präsidentenwahlkampf in der Ukraine war durchzogen von Lügen und falschen Behauptungen. Im F.A.Z.-Interview sagt Nina Jankowicz, Expertin für Desinformation, dass sie besonders das Verhalten der beiden Kandidaten erschreckt hat.

          Einige Ukrainer nennen den Wahlkampf zwischen Amtsinhaber Petro Poroschenko und dem Komiker Wolodymyr Selenskyj spektakulär, andere nennen ihn schmutzig. Wie beurteilen Sie die vergangenen Wochen?

          Sofia Dreisbach

          Redakteurin in der Politik.

          Ich glaube, es war die ganze Zeit ein schmutziger Wahlkampf. Diesmal war die inländische Desinformation ein größeres Problem als die aus dem Ausland. Ich bin enttäuscht darüber, dass Poroschenkos Kampagne sich daran beteiligt hat, denn er will die Ukraine in Richtung Europa führen, und das sind ziemlich antidemokratische Taktiken, die er da anwendet. Ich habe viel mehr Anti-Selenskyj-Sachen gesehen als Anti-Poroschenko. Und wir wissen, dass die Dinge gegen Selenskyj von Poroschenkos Kampagne oder ihren Partnern kommen.

          Wo liegt im Wahlkampf denn die Grenze zwischen „schwarzer PR“ und Desinformation?

          Die Menschen haben oft einen Hang dazu, alles antiukrainische als Desinformation zu bezeichnen, das ist gefährlich. Ich persönlich ziehe die Grenze dann, wenn jemand anfängt, absichtlich Lügen zu verbreiten. Es gibt keinen Beweis dafür, dass Selenskyj drogensüchtig ist. Doch wenn man durch Kiew läuft, hängen überall Plakate, auf denen er Kokain an der Nase hat. Es gibt ein Video, in dem er mit Kokain aus einem Lastwagen gekippt wird, und es heißt dazu: Alles ist gut bei ihm, weil er high ist. Für mich ist das eine Grenzüberschreitung.

          Sind die Falschmeldungen immer so offensichtlich?

          Nicht immer. Es gibt zum Beispiel ein anderes Video, in dem die Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja positiv über Selenskyj spricht und wo jemand sein Kampagnenlogo hinzugefügt hat. Wenn man nur durch seinen Feed scrollt und das Video nicht anschaut, wird man nicht erkennen, dass das nicht echt ist. Es soll verwirren und eine Verbindung herstellen, die es nicht gibt.

          Nina Jankowicz

          Was war der heftigste Fall von Desinformation, den Sie im Wahlkampf gesehen haben?

          Was die Poroschenko-Kampagne immer wieder erwähnt, ist der lächerliche Beitrag im Sender 1+1, in dem behauptet wird, Poroschenko habe seinen Bruder umgebracht. Das ist ein heftiges Beispiel. Aber genauso heftig war das Gerücht, dass Selenskyj drogensüchtig ist, weil es so weit gestreut wurde.

          Wurde Poroschenko aggressiver, nachdem er in der ersten Runde weit hinter Selenskyj zurücklag?

          Es wurde danach jedenfalls viel schmutziger. Richtig schlimm wurde es, nachdem etwa zehn Tage später die ersten Umfragen veröffentlicht wurden. Dann haben beide Kandidaten ohne Rücksicht auf Verluste gehandelt. Für Poroschenko war es der allerletzte Versuch. Das ist zwar keine Desinformation gewesen, aber er ist zum Beispiel in den Tenor eingefallen, dass eine Stimme für Selenskyj eine Stimme für Wladimir Putin bedeute. Es gäbe genug Inhaltliches zu kritisieren, stattdessen stellt Poroschenko diese falsche Dichotomie her. Er versucht, die Leute damit seine Fehler der vergangenen fünf Jahre vergessen zu lassen.

          Auch Selenskyj lässt manchmal die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion verschwimmen und spielt in einer Fernsehserie einen Präsidenten, der gegen Korruption und Oligarchen kämpft. Ist das gefährlich?  

          Das war der Motor seiner ganzen Kampagne. Aber die Ukrainer, mit denen ich gesprochen habe, schienen unterscheiden zu können zwischen der Serienfigur und Selenskyj. Er war schon vor der Serie „Diener des Volkes“ ein bekannter Schauspieler. Ich finde es amüsant, dass viele Fotos in Medien aus der Serie stammen und nicht aus dem realen Leben, weil er auf denen mehr nach einem Präsidenten aussieht und mal nicht nur ein T-Shirt anhat. Aber ich glaube, die Wähler blicken da durch. Wenn er als Präsident nicht liefert, wird er behandelt wie andere Präsidenten auch.

          Die Ukraine hatte zu Beginn der Majdan-Revolution 2013 und dem Beginn des Krieges in der Ostukraine große Probleme mit Desinformationskampagnen aus Russland. Sollten Poroschenko und Selenskyj es nicht besser wissen und auf solche Mittel verzichten?

          Absolut, deswegen ist es so enttäuschend. Viele Länder, nicht nur die Ukraine, kämpfen  mit ausländischer Einmischung und heimischer Desinformation, vor allem in Wahlkämpfen. Das birgt Gefahren für die Demokratie.

          Wie groß war denn in diesem Jahr der russische Einfluss auf den ukrainischen Wahlkampf?

          Es ist erwiesen, dass Russland Ukrainer dafür bezahlt hat, ihre Facebook-Accounts zu „vermieten“, und diese Beeinflussungsversuche gehen weiter. Ich weiß nicht, wie wirksam die Methode ist, aber es gibt immer noch massenhaft Fälle. Der ukrainische Geheimdienst und Facebook sagen, sie seien dran, aber ich vertraue ihnen in diesem Fall nicht. Es geschieht also weiter, vor allem natürlich, weil die Leute dafür Geld bekommen.

          Die Ukraine hat 2015 das Ministerium für Informationspolitik gegründet. Wie erfolgreich ist es?

          Ich glaube, die Ukraine steht da vor einer schweren Aufgabe. Zwar gab es Schulungen, wie man Desinformation besser erkennt. Aber mich macht es besorgt, dass die Grenze zwischen Politik und dem Kampf gegen ausländische Desinformation verschwimmt, und das Ministerium für Informationspolitik ist eher Teil dieses Problems als seine Lösung. Beim Thema „ausländische Einmischung“ hat es jedenfalls den Kürzeren gezogen. Es gibt nicht genug Leute und nicht genug Geld, um die Desinformation wirksam  zu bekämpfen. Ich glaube, im Donbass verlieren die staatlichen Stellen den Informationskrieg auch deshalb, weil sie sich weigern, auf Russisch zu senden und in russischsprachige Inhalte zu investieren. Das ist eine leichtfertig vertane Chance in einem Land, das im Krieg steht.

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