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Nigerias Präsident in Berlin : Entspannt gegen Terrorismus und Armut

Merkel zeigt Goodluck Jonathan Berlin Bild: REUTERS

Nigerias Präsident Goodluck Jonathan ist nach Berlin gekommen, um Investoren in sein Land zu locken. Das leidet zwar unter islamischem Terrorismus - doch Jonathan zeigt sich optimistisch.

          2 Min.

          Als ein Ohnmächtiger ist er nicht gekommen. Der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan zeigt sich am Donnerstag in Berlin mit der ihm nachgesagten Gelassenheit. Dabei dürfte er derzeit große Sorgen haben. Im Norden des Landes ist seine Regierung mit dem Terror der Islamistenorganisation Boko Haram konfrontiert. Zugleich muss er die Staatsfinanzen sanieren, die Wirtschaft zum Laufen bringen und die Korruption bekämpfen. Doch Jonathan ist gekommen, um trotz allem um Investoren zu werben. Nach dem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel attestiert diese der Führung in Abuja „tiefe Entschlossenheit“ im Kampf gegen die Islamisten und bietet Hilfe etwa bei Ausbildung und Logistik an. Auch später in einem Pressegespräch gibt sich Jonathan kämpferisch. „Die Souveränität des Landes steht nicht zur Debatte“, sagt er und erhält dafür Applaus von den Ministern und Gouverneuren seiner Delegation, die ihn in einer Stuhlreihe flankieren.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Gruppe Boko Haram, deren Name Bücher (Boko) und damit westliche Bildung zur Sünde (Haram) erklärt, fordert die Souveränität des Landes mit Selbstmordanschlägen oder Überfällen auf Polizeistationen heraus. Längst ist die Gruppe, die auch Verbindungen zu Al Qaida haben soll, zu einer Bedrohung der nationalen Sicherheit geworden. Die Sicherheitskräfte jagen einen Feind, den sie nicht zu fassen bekommen. Sie gehen dabei aber mit so großer Brutalität vor, dass sie die Ablehnung in der Bevölkerung der Zentralregierung mit ihren korrupten Staatsbeamten noch vergrößern.

          Jonathan sagt, die Sicherheitsbehörden kennten die Namen „einiger Schlüsselfiguren“ der Gruppe. Anfang Januar hatte er geäußert, Boko Haram habe Unterstützer in der Regierung, im Parlament, in den Justizbehörden und im Sicherheitsapparat. Verhaftungen wurden im Anschluss aber nicht bekannt. Der nigerianische Präsident sagt auch: „Ich weiß nicht, wer Boko Haram ist.“ Wenn jemand von ihnen vortreten würde, könne er die Islamisten im Gespräch stellen und fragen, warum sie westlichen Lebensstil ablehnten, aber Autos aus dem Westen oder Mobiltelefone nutzen.

          Auch wenn Jonathan zugesteht, dass Armut zu Radikalisierung führt, stellt er den Boko-Haram-Terror als ein neues Phänomen dar, das einfach eine neue Sicherheitsarchitektur erfordere. Nicht die Korruption und die soziale Ungerechtigkeit seien die Ursache. „Ein armer Mann kann sich ein teures Sturmgewehr gar nicht leisten.“ Nach den Worten Jonathans sind die Islamisten einfach Fanatiker, welche die Scharia einführen wollen. Es gebe keinen Kulturkampf in Nigeria, es werde auch keine Spaltung geben.

          Mit Hut: Jonathan in Berlin
          Mit Hut: Jonathan in Berlin : Bild: Matthias Luedecke

          Sein Land ist tatsächlich nicht einfach in einen christlich geprägten ölreichen Süden (aus dessen Reichtum sich die Eliten bedienen) und einen vernachlässigten muslimisch geprägten Norden geteilt. Es ist auch entlang der Armutsgrenze gespalten. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung müssen von zwei Dollar am Tag leben. Im Teilstaat Borno, wo das Morden der radikalen Islamisten begann, leben etwa drei Viertel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Die Mächtigen leben in protzigen Anwesen. Die Islamisten versprechen, unter der Scharia werde Gerechtigkeit hergestellt.

          Doch auch Jonathan benennt Ungerechtigkeiten in seinem Land. Er will die Landwirtschaft im Norden fördern und ein Netz für öffentlichen Personentransport spinnen. Zu Beginn des Jahres hatte er im Rahmen eines Milliarden Dollar umfassenden Sparprogramms die Subventionen für Benzin gestrichen. Obwohl in Nigeria täglich zwei Millionen Barrel Rohöl gefördert werden, muss das Land Benzin importieren. Die Folge war eine zwischenzeitliche Verdopplung des Benzinpreises, Proteste und ein tagelang andauernder Generalstreik. „Wir wollen nicht das Benzin der Eliten mit ihren teuren Autos subventionieren“, sagt der Präsident. Die einfachen Leute müssten sich Mobilität leisten können, sagt er und erneuert sein Versprechen, das gesparte Geld in die Infrastruktur und Stromversorgung des Landes zu investieren. Eine Absichtserklärung, die sein Energieminister mit der Firma Siemens über die Lieferung mehrerer Kraftwerkturbinen unterzeichnet hat, kann er aus Berlin schon mit nach Hause bringen.

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