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Abtreibungen durch das Militär : Aus der einen Hölle in die andere

Erzwungener Schwangerschaftsabbruch: Auch diese Nigerianerin, die zu ihrem eigenen Schutz unerkannt bleibt, verlor ihr Kind. Bild: Reuters

Seit 2013 hat das nigerianische Militär ein „geheimes, systematisches und illegales Abtreibungsprogramm“ im Nordosten des Landes durchgeführt, berichtet Reuters. 10.000 Schwangerschaften sollen gegen den Willen der Frauen abgebrochen worden sein.

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          Es sind Geschichten aus der Hölle, die Frauen in Nigeria erlebt haben. Eines der Schicksale: Fati, eine 20 Jahre alte Nigerianerin aus dem Nordosten des Landes wurde von islamistischen Aufständischen gefangen gehalten. Sie und viele weitere Frauen hatten Islamisten anderthalb Jahre vergewaltigt und geschlagen. Dann umstellten Soldaten des nigerianischen Militärs Fatis Dorf, das auf der Tschadsee-Insel liegt. Granaten explodierten, es gab eine Schießerei, Fati wurde ohnmächtig.

          Martin Franke
          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Später, so hat sie es der Nachrichtenagentur Reuters erzählt, wachte sie in einem nahegelegenen Militärlager auf. „Ich fühlte mich so glücklich wie noch nie in meinem Leben.“ Doch statt der Rettung durchlebte sie nur eine Woche später die nächste Qual. In einem düsteren Raum in einer Militärkaserne in Maiduguri verabreichten Soldaten ihr und fünf anderen Frauen mysteriöse Injektionen und Pillen. Es war stickig, Kakerlaken huschten über den Boden, erinnerte sie sich. Nach vier Stunden krümmten sich die Frauen, sie bluteten, in ihrem Bauch spürte sie stechende Schmerzen. Die Soldaten hatten das Ungeborene abgetrieben. Fati war im vierten Monat schwanger.

          Die Soldaten, denen sie zuvor noch dankbar für ihre Rettung war, informierten die Frauen nicht über den medizinischen Eingriff. Dafür drohten sie ihnen: „Wenn du jemandem davon erzählst, wirst du schwer geschlagen.“ Prügel wurde ihnen auch angedroht, nachdem sie das Blut in einer Toilette abgewaschen hatten.

          Konfisziert: Nigerianische Soldaten halten eine Boko-Haram-Flagge hoch.
          Konfisziert: Nigerianische Soldaten halten eine Boko-Haram-Flagge hoch. : Bild: Reuters

          Nun haben Fati und weitere dutzende Frauen, mit denen Reuters gesprochen hat, ihr Schweigen gebrochen. Sie geben Auskunft über die Methoden der nigerianischen Armee im Nordosten des Landes, die ein „geheimes, systematisches und illegales Abtreibungsprogramm“ durchgeführt hat, bei dem mindestens 10.000 Schwangerschaften von Frauen und Mädchen abgebrochen wurden. Viele dieser Schwangeren wurden vorher von militanten Islamisten entführt und vergewaltigt. Das geht aus den Interviews hervor, die Reuters geführt hat, sowie aus weiteren von der Nachrichtenagentur ausgewerteten Dokumenten. „Die Frauen und Mädchen waren zwischen einigen Wochen und acht Monaten schwanger, und einige waren erst zwölf Jahre alt“, schreibt Reuters. Nur eine Frau soll der Abtreibung eingewilligt haben. Reuters sprach mit 33 Frauen, außerdem mit Mitarbeitern des Gesundheitswesens und Sicherheitskräften, die etwa die schwangeren Frauen zu den Abtreibungsorten begleitet haben. Aus Krankenhausunterlagen geht hervor, dass es Tausende Abtreibungen gegeben haben muss.

          Militärführung zweifelt am Bericht – Ausland verstrickt

          Den Frauen wurde von den Soldaten gesagt, dass die Pillen und Injektionen sie wieder zu Kräften bringen würden. Von ein paar Frauen ist bekannt, dass sie sich wehrten und das Militär sie mit einem Stock schlug, sie mit einer Waffe bedrohte oder sie mit Drogen gefügig gemacht wurden. Andere sollen gefesselt worden sein, sagten ein Wachmann und ein Mitarbeiter aus dem Gesundheitsdienst.

          „Wenn sie mir das Baby gelassen hätten, hätte ich es gewollt“, sagt Bintu Ibrahim, deren Bericht von einer anderen ehemaligen Gefangenen, Yagana Bukar, bestätigt wurde. Die Frau ist Ende zwanzig. Als sie die Schmerzen im Bauch spürte, wusste sie, was ihr angetan wurde. Andere Frauen sollen die Folgen der Abtreibungen nicht überlebt haben.

          Der Nachrichtenagentur Reuters gegenüber leugnete die nigerianische Militärführung die Existenz eines solchen Programms. Unklar ist, wer es entwickelt hat und wer im Militärstab davon wusste. Die Militärführung in der Hauptstadt Abuja sagte stattdessen, dass die Berichterstattung von Reuters „Teil eines ausländischen Versuchs [sei], den Kampf des Landes gegen die Aufständischen zu untergraben“. „Jeder respektiert das Leben. Wir respektieren Familien. Wir respektieren Frauen und Kinder. Wir respektieren jede lebende Seele“, sagte Generalmajor Christopher Musa, der die Aufstandsbekämpfungskampagne des Militärs im Nordosten leitet.

          Der Nordosten Nigerias ist seit mehr als zehn Jahren hart umkämpft. Islamisten überziehen die Region in Westafrika mit Gewalt, mindestens 300.000 Menschen sollen durch den Konflikt schon umgekommen sein. Das Abtreibungsprogramm stand wohl unter dem Aberglauben, dass Kinder von Aufständischen wegen ihres Blutes irgendwann einmal Waffen gegen die nigerianische Regierung richten könnten.

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