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Zwangsprostitution : Sie landen auf der Straße

  • -Aktualisiert am

Prostituierte auf dem „Straßenstrich“ Bild: dpa

Frauen aus Nigeria suchen ein besseres Leben in Europa. Stattdessen werden sie zur Prostitution gezwungen. Ein Ritual hält den psychischen Druck aufrecht. Es ist ein Milliardengeschäft.

          Der Menschenhandel blüht, und zwar mitten in Europa. Das Geschäft mit Migranten ist die am schnellsten wachsende kriminelle Branche. Den größten Umsatz machen die Händler mit einer ganz besonders wertvollen Ware: junge Frauen.

          Die meisten Zwangsprostituierten, die in Westeuropa arbeiten, kommen nach wie vor aus Osteuropa. Aber Nigeria ist mittlerweile das wichtigste Herkunftsland außerhalb der EU. In dem Land, das sehr groß und sehr arm ist, werden Mädchen und junge Frauen mit falschen Versprechungen angelockt. Die Familien schicken ihre Töchter nach Italien oder Spanien, damit sie Geld zurücksenden können, um ihnen den Lebensunterhalt zu finanzieren, den Brüdern den Schulbesuch oder einem kranken Familienmitglied die medizinische Behandlung.

          Ein Schamane besiegelt das Ritual

          Oft wird das älteste von vielen Kindern ausgesandt. Dafür machen die Mädchen und Frauen horrende Schulden, zwischen 25.000 und 35.000 Euro, viel mehr, als die Reise kostet. Sie wissen nicht, dass diese Summe dazu dient, sie abhängig zu machen und zu knechten. Denn sie unterschätzen, wie viel Geld das ist: In Nigeria bezahlt man mit Naira, fünfhundert Naira sind kaum mehr als ein Euro. Dass sie viele Jahre brauchen werden, um ihre Schulden zu begleichen, falls sie es überhaupt schaffen, ist ihnen nicht klar. Besiegelt wird der ausbeuterische Vertrag mit einem Juju-Ritual, durchgeführt von einem Schamanen. Er flößt der Frau einen Zaubertrank ein, behält außerdem eine Haarsträhne, Schamhaare oder etwas Blut von ihr. Den Mädchen und Frauen, zwischen 13 und 24 Jahre alt, wird eingeredet, dass ihnen und ihren Familien großes Unheil zustößt, wenn sie ihren Schwur brechen.

          Auf der gesamten Route werden die Frauen von Nigerianern begleitet, die sich an Grenzübergängen als Verwandte der Opfer ausgeben oder als ihr Liebhaber, tatsächlich aber Schlepper sind. Die Begleiter werden „Boga“ genannt, sie stehen in telefonischem Kontakt mit der Zuhälterin, der „Madame“. Sie stellen sicher, dass ihre menschliche Fracht auch wirklich in Europa ankommt. Die Mädchen und Frauen sind wesentlich wertvoller für die Menschenhändler als die anderen Migranten, die einfach nur für die Überfahrt gezahlt haben.

          Dieser Stuhl steht an einer Landstraße bei Catania auf Sizilien. Hier sitzen abends und nachts Prostituierte aus Nigeria.

          Die kriminellen Banden gehören vor allem dem Stamm der Edo an, aus dem Südwesten Nigerias, mit Benin als Hauptstadt. Seit den achtziger Jahren schon betreiben die Edo Handel in Europa. Damals waren es Lederwaren. Später dann Frauen.

          In den letzten Jahren haben sie ihre Netzwerke erheblich ausgebaut. Bei der EU-Polizeibehörde Europol heißt es, die nigerianische organisierte Kriminalität sei dafür bekannt, dass sie mit Menschen handelt, so wie die kalabrische Mafia Kokain macht und die albanische Mafia Cannabis.

          Die Internationale Organisation für Migration versucht, die Frauen in den italienischen Ankunftszentren abzufangen und aufzuklären. Doch nur wenige nähmen den Schutz an, sagt ein Mitarbeiter der Organisation. „Sie glauben uns nicht, sie hoffen noch.“ Die Frauen vertrauen den Schleppern mehr als allen anderen, fühlen sich ihnen verpflichtet, weil die sie zunächst auf eigene Kosten nach Italien gebracht haben. Minderjährigen wird eingetrichtert, sie sollten sich bei der Ankunft älter machen, als sie sind, sonst kämen sie ins Gefängnis. Das hat den Vorteil, dass sie in die Erstaufnahmezentren für Erwachsene kommen, die weniger streng kontrolliert werden. Dort kommen die Mittelsmänner leichter an sie heran. Die Frauen wissen nicht wirklich, was auf sie zukommt. Manchen wurde erzählt, dass sie als Friseurin arbeiten würden oder als Verkäuferin. Stattdessen treffen sie auf ihre Zuhälterin. Sie ist eine Schlüsselfigur in diesen rein nigerianischen Netzwerken in Europa. Sie hat die Opfer im Blick und auch deren Schulden.

          Razzien in ganz Europa

          Bei der „Madame“ werden die Neuankömmlinge erst einmal gut behandelt, vielleicht sogar mit afrikanischem Essen bekocht, sie bekommen ein Handy und eine Kosmetikbehandlung. Ein paar Tage später gibt die Madame ihnen Reizwäsche. Spätestens jetzt wissen sie, dass sie sich prostituieren müssen. Aber sie ahnen nicht, zu welchen Bedingungen. In Italien landen sie auf der Straße, zwölf Stunden am Tag. Bordelle sind verboten, Straßenprostitution wird hingegen geduldet. Zehn bis fünfzehn Euro verdienen sie pro Freier. Es gibt Frauen, die dann doch Schutz suchen und die Notfallnummer wählen, welche die Internationale Organisation für Migration ihnen mitgegeben hat.

          Seit 2015 sind mehr als 21.000 Nigerianerinnen über die Mittelmeerroute nach Europa gekommen. Neunzig Prozent der Ankömmlinge, so schätzt das Bundeskriminalamt, sind von den Menschenhändlern für die Prostitution bestimmt. Es gibt auch Fälle, in denen junge Männer zur Prostitution gezwungen wurden, aber das sind Ausnahmen. Weil das Problem so groß und so gravierend geworden ist, organisiert Europol seit 2015 Nigeria-Konferenzen. Außerdem koordiniert die Behörde Razzien in ganz Europa. Die letzte ist drei Wochen her. In mehreren spanischen Städten wurden 24 nigerianische Kriminelle festgenommen, außerdem eine Zuhälterin, die in Helsinki lebte und ihre Mädchen aus der Ferne überwachte. Die Opfer wurden dazu angehalten, Asyl zu beantragen, damit sie sich einfacher im Land bewegen und arbeiten können. Die Mittelsmänner versorgten sie mit den nötigen Anträgen.

          Der Juju-Schwur löst Gehorsam aus

          Mit Schattenkriminalität ist es nicht anders als mit der sauberen Wirtschaft: Man geht dorthin, wo die Infrastruktur gut und die Nachfrage hoch ist. In Berlin, Hamburg, Paris, Rom und Madrid gibt es nicht nur viele potentielle Kunden, man kann auch gut untertauchen und findet im Notfall Mediziner, die inoffiziell Abtreibungen durchführen. Seit vielen Jahren schon sind nigerianische Prostituierte in Italien oder Spanien tätig. Im letzten halben Jahr sind aber auch die Zahlen in Österreich, Frankreich und Belgien gestiegen. Danach kommt Deutschland, wo die Frauen zwar mehr verdienen, aber auch höhere Abgaben zahlen, für das Zimmer im Bordell oder den Eintritt in den FKK-Club.

          Einmal pro Woche holen die Mittelsmänner das Geld ab. Die Frauen bewegen sich relativ frei, sie werden nicht täglich kontrolliert. Der psychische Druck reicht, damit sie gefügig bleiben. Das erschwert die Ermittlungen. Beim Bundeskriminalamt heißt es, der Juju-Schwur, den die Frauen geleistet haben, löse bei ihnen so viel Angst und Gehorsam gegenüber den Tätern aus, dass sie nicht willens seien, sich als Opfer von Menschenhandel zu erkennen zu geben. Hinzu kommt, dass die Polizei weniger Kontrollen in Bordellen machen kann, als nötig wären. Sie hat nicht genug Leute, und ihre Aufgaben wachsen. Die Abwehr von Terrorismus ist im Zweifelsfall wichtiger als der Kampf gegen Menschenhandel.

          Wenn sie sich nach Jahren freigekauft haben, werden viele Opfer selbst als „Madame“ tätig, damit sie ihren Familien Geld schicken und ab und zu mal nach Nigeria fliegen können. Die Madames haben einen Fahrer und einen Aufseher, sie überwachen die Logistik, besorgen Pässe und Visa.

          Die Menschenhändler finden neue Wege

          Menschenhandel ist ein Milliardengeschäft. Nach Schätzungen von Europol machen Schlepper damit weltweit 29,4 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Die letzte Berechnung stammt allerdings von 2015, inzwischen dürfte die Summe noch viel höher sein. Ein Schleuser verdient im Jahr durchschnittlich 70.000 Euro. Ein Mittelsmann kommt auf 62.000 Euro. Die Zwangsprostitution allein erzielt einen Jahresumsatz von 25,8 Milliarden Euro. Dazu kommen weitere kriminelle Betätigungsfelder. Während Frauen sexuell ausgebeutet werden, dienen Männer als Arbeitssklaven. Migranten, die während ihrer Reise nicht mehr in der Lage sind, die Schmuggler zu bezahlen, werden als billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft in Italien oder Spanien ausgenutzt, wo sie für ein paar Euro am Tag Tomaten oder Orangen ernten. In England entdeckte die Polizei illegale Einwanderer auf einer Cannabis-Plantage. Und im Frühjahr wurde in Budapest ein Hotel hochgenommen, in dem Syrer und Afghanen einquartiert waren, um ihre Schulden abzuarbeiten. Auch der illegale Organhandel nimmt zu.

          Dazu kommen immer neue Geschäftsmodelle. Am vergangenen Mittwoch wurde in Berlin eine deutsch-nigerianische Bande verhaftet, die fingierte Ehen zwischen portugiesischen Frauen und nigerianischen Männern vermittelt hatte. Damit verdiente die Bande mehr als eine halbe Million Euro. Die falschen Eheurkunden ließ sie in Nigeria anfertigen, um von dort Männer nach Deutschland zu holen. Die zahlten für diesen Service bis zu 13.000 Euro. So konnten sie nach Berlin fliegen und sich eine EU-Aufenthaltskarte für Familienangehörige ausstellen lassen. Hier wurden sie gleich in die kriminellen Strukturen eingegliedert, um ihre Schulden zu begleichen: Waffenhandel, Drogen, Prostitution.

          Andere Migranten werden aus Afrika mit Studenten-Visa eingeschleust. Die Route über das Mittelmeer ist zwar weitgehend versperrt. Aber die Menschenhändler finden immer neue Wege. Währenddessen versucht die Internationale Organisation für Migration, den Menschen in Nigeria zu erklären, was sie erwartet, wenn sie sich auf den Weg nach Europa machen. Denn die Schleuser machen weiter Werbung für die gefährliche Reise. Und die Berichte, die aus Europa nach Afrika zurückkommen, werden geschönt. Ein Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration in Rom sagt: „Man geht nicht zurück in sein Dorf und erzählt, dass man geschlagen und vergewaltigt wurde.“ Die Geschichten der Frauen handeln vom Erfolg, nicht vom Scheitern.

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