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Zwangsprostitution : Sie landen auf der Straße

  • -Aktualisiert am

Einmal pro Woche holen die Mittelsmänner das Geld ab. Die Frauen bewegen sich relativ frei, sie werden nicht täglich kontrolliert. Der psychische Druck reicht, damit sie gefügig bleiben. Das erschwert die Ermittlungen. Beim Bundeskriminalamt heißt es, der Juju-Schwur, den die Frauen geleistet haben, löse bei ihnen so viel Angst und Gehorsam gegenüber den Tätern aus, dass sie nicht willens seien, sich als Opfer von Menschenhandel zu erkennen zu geben. Hinzu kommt, dass die Polizei weniger Kontrollen in Bordellen machen kann, als nötig wären. Sie hat nicht genug Leute, und ihre Aufgaben wachsen. Die Abwehr von Terrorismus ist im Zweifelsfall wichtiger als der Kampf gegen Menschenhandel.

Wenn sie sich nach Jahren freigekauft haben, werden viele Opfer selbst als „Madame“ tätig, damit sie ihren Familien Geld schicken und ab und zu mal nach Nigeria fliegen können. Die Madames haben einen Fahrer und einen Aufseher, sie überwachen die Logistik, besorgen Pässe und Visa.

Die Menschenhändler finden neue Wege

Menschenhandel ist ein Milliardengeschäft. Nach Schätzungen von Europol machen Schlepper damit weltweit 29,4 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Die letzte Berechnung stammt allerdings von 2015, inzwischen dürfte die Summe noch viel höher sein. Ein Schleuser verdient im Jahr durchschnittlich 70.000 Euro. Ein Mittelsmann kommt auf 62.000 Euro. Die Zwangsprostitution allein erzielt einen Jahresumsatz von 25,8 Milliarden Euro. Dazu kommen weitere kriminelle Betätigungsfelder. Während Frauen sexuell ausgebeutet werden, dienen Männer als Arbeitssklaven. Migranten, die während ihrer Reise nicht mehr in der Lage sind, die Schmuggler zu bezahlen, werden als billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft in Italien oder Spanien ausgenutzt, wo sie für ein paar Euro am Tag Tomaten oder Orangen ernten. In England entdeckte die Polizei illegale Einwanderer auf einer Cannabis-Plantage. Und im Frühjahr wurde in Budapest ein Hotel hochgenommen, in dem Syrer und Afghanen einquartiert waren, um ihre Schulden abzuarbeiten. Auch der illegale Organhandel nimmt zu.

Dazu kommen immer neue Geschäftsmodelle. Am vergangenen Mittwoch wurde in Berlin eine deutsch-nigerianische Bande verhaftet, die fingierte Ehen zwischen portugiesischen Frauen und nigerianischen Männern vermittelt hatte. Damit verdiente die Bande mehr als eine halbe Million Euro. Die falschen Eheurkunden ließ sie in Nigeria anfertigen, um von dort Männer nach Deutschland zu holen. Die zahlten für diesen Service bis zu 13.000 Euro. So konnten sie nach Berlin fliegen und sich eine EU-Aufenthaltskarte für Familienangehörige ausstellen lassen. Hier wurden sie gleich in die kriminellen Strukturen eingegliedert, um ihre Schulden zu begleichen: Waffenhandel, Drogen, Prostitution.

Andere Migranten werden aus Afrika mit Studenten-Visa eingeschleust. Die Route über das Mittelmeer ist zwar weitgehend versperrt. Aber die Menschenhändler finden immer neue Wege. Währenddessen versucht die Internationale Organisation für Migration, den Menschen in Nigeria zu erklären, was sie erwartet, wenn sie sich auf den Weg nach Europa machen. Denn die Schleuser machen weiter Werbung für die gefährliche Reise. Und die Berichte, die aus Europa nach Afrika zurückkommen, werden geschönt. Ein Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration in Rom sagt: „Man geht nicht zurück in sein Dorf und erzählt, dass man geschlagen und vergewaltigt wurde.“ Die Geschichten der Frauen handeln vom Erfolg, nicht vom Scheitern.

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