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Zwangsprostitution : Sie landen auf der Straße

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Die Internationale Organisation für Migration versucht, die Frauen in den italienischen Ankunftszentren abzufangen und aufzuklären. Doch nur wenige nähmen den Schutz an, sagt ein Mitarbeiter der Organisation. „Sie glauben uns nicht, sie hoffen noch.“ Die Frauen vertrauen den Schleppern mehr als allen anderen, fühlen sich ihnen verpflichtet, weil die sie zunächst auf eigene Kosten nach Italien gebracht haben. Minderjährigen wird eingetrichtert, sie sollten sich bei der Ankunft älter machen, als sie sind, sonst kämen sie ins Gefängnis. Das hat den Vorteil, dass sie in die Erstaufnahmezentren für Erwachsene kommen, die weniger streng kontrolliert werden. Dort kommen die Mittelsmänner leichter an sie heran. Die Frauen wissen nicht wirklich, was auf sie zukommt. Manchen wurde erzählt, dass sie als Friseurin arbeiten würden oder als Verkäuferin. Stattdessen treffen sie auf ihre Zuhälterin. Sie ist eine Schlüsselfigur in diesen rein nigerianischen Netzwerken in Europa. Sie hat die Opfer im Blick und auch deren Schulden.

Razzien in ganz Europa

Bei der „Madame“ werden die Neuankömmlinge erst einmal gut behandelt, vielleicht sogar mit afrikanischem Essen bekocht, sie bekommen ein Handy und eine Kosmetikbehandlung. Ein paar Tage später gibt die Madame ihnen Reizwäsche. Spätestens jetzt wissen sie, dass sie sich prostituieren müssen. Aber sie ahnen nicht, zu welchen Bedingungen. In Italien landen sie auf der Straße, zwölf Stunden am Tag. Bordelle sind verboten, Straßenprostitution wird hingegen geduldet. Zehn bis fünfzehn Euro verdienen sie pro Freier. Es gibt Frauen, die dann doch Schutz suchen und die Notfallnummer wählen, welche die Internationale Organisation für Migration ihnen mitgegeben hat.

Seit 2015 sind mehr als 21.000 Nigerianerinnen über die Mittelmeerroute nach Europa gekommen. Neunzig Prozent der Ankömmlinge, so schätzt das Bundeskriminalamt, sind von den Menschenhändlern für die Prostitution bestimmt. Es gibt auch Fälle, in denen junge Männer zur Prostitution gezwungen wurden, aber das sind Ausnahmen. Weil das Problem so groß und so gravierend geworden ist, organisiert Europol seit 2015 Nigeria-Konferenzen. Außerdem koordiniert die Behörde Razzien in ganz Europa. Die letzte ist drei Wochen her. In mehreren spanischen Städten wurden 24 nigerianische Kriminelle festgenommen, außerdem eine Zuhälterin, die in Helsinki lebte und ihre Mädchen aus der Ferne überwachte. Die Opfer wurden dazu angehalten, Asyl zu beantragen, damit sie sich einfacher im Land bewegen und arbeiten können. Die Mittelsmänner versorgten sie mit den nötigen Anträgen.

Der Juju-Schwur löst Gehorsam aus

Mit Schattenkriminalität ist es nicht anders als mit der sauberen Wirtschaft: Man geht dorthin, wo die Infrastruktur gut und die Nachfrage hoch ist. In Berlin, Hamburg, Paris, Rom und Madrid gibt es nicht nur viele potentielle Kunden, man kann auch gut untertauchen und findet im Notfall Mediziner, die inoffiziell Abtreibungen durchführen. Seit vielen Jahren schon sind nigerianische Prostituierte in Italien oder Spanien tätig. Im letzten halben Jahr sind aber auch die Zahlen in Österreich, Frankreich und Belgien gestiegen. Danach kommt Deutschland, wo die Frauen zwar mehr verdienen, aber auch höhere Abgaben zahlen, für das Zimmer im Bordell oder den Eintritt in den FKK-Club.

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