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Nigeria : Und wenn wir alle dabei draufgehen

  • -Aktualisiert am

Rauch steigt aus einem Viertel von Jos auf, als sich Muslime und Christen bekämpfen. (Aufnahme vom 26. Dezember) Bild: REUTERS

Durch den Bundesstaat Plateau läuft die Frontlinie der blutigen Konflikte zwischen Muslimen und Christen in Nigeria. Religiöse und ethnische Gegensätze sind die Brandbeschleuniger im Machtkampf der Eliten. Deshalb werden auch die anstehenden Wahlen dem Land den inneren Frieden nicht bringen.

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          Der Krater ist immer noch deutlich zu sehen: ein kegelförmiges Loch im Asphalt, mit einem perfekt runden Rand. Was die Bombe sonst noch angerichtet hat, lässt sich an den faustgroßen Löchern ablesen, die die Schrapnelle in die Metalltüren der umliegenden Marktstände gerissen haben. Es sind Hunderte. Emmanuel Chung erinnert sich mit Schaudern an das Attentat an Heiligabend im vergangenen Jahr. „Wir waren alle in der Kirche, als plötzlich die Wände wackelten und kurz darauf die Schreie auf der Straße einsetzten“, erzählt er. „Dann folgte die nächste Explosion, dann noch eine. Ich war sicher, dass meine letzte Stunde geschlagen hat.“

          Nassarawa heißt der Ortsteil der zentralnigerianischen Stadt Jos, in dem an Weihnachten 2010 mit der nahezu zeitgleichen Zündung von vier Sprengsätzen ein neues trauriges Kapitel des seit zehn Jahren schwelenden Konfliktes zwischen Christen und Muslimen eingeleitet wurde. Weil der Anschlag dem christlichen Teil von Nassarawa gegolten hatte, waren die mutmaßlichen Täter schnell ausgemacht.

          Wie viele Menschen bei dem Attentat und den folgenden Racheaktionen christlicher Jugendlicher gegen die muslimische Gemeinschaft der Stadt ums Leben kamen, ist bis heute nicht bekannt. Das nigerianische Rote Kreuz sprach damals von mehreren hundert Toten.

          Soldaten patrouillieren durch die Straßen von Jos

          Jos ist so etwas wie die Frontlinie

          Der Bundesstaat Plateau und seine Hauptstadt Jos sind so etwas wie die Frontlinie in den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen in Nigeria geworden. Seit 2001 wird die Region regelmäßig von brutalen Massakern erschüttert, bei denen bislang zwischen sieben- und zehntausend Menschen ums Leben kamen. Nur vordergründig sind religiöse Gegensätze die Ursache dieser Konflikte. In Wahrheit geht es um gleichberechtigte demokratische Teilhabe, um Zugang zu staatlichen Ressourcen, um ethnische Rivalitäten, die tief in der Geschichte des Landes wurzeln, um korrupte Politiker und nicht zuletzt um das große Ganze, nämlich ob Nigeria ein von christlichen oder von islamischen Werten geprägtes Land sein soll.

          Doch die Wahrheit interessiert in Jos kaum noch einen. „Auge um Auge, Zahn um Zahn, darum geht es hier“, sagt Emmanuel Chung. Emmanuel ist Christ, gehört zur Ethnie der Berom und leitet in Nassarawa ein „Friedenskomitee“, das einen Ausgleich zwischen den Lagern vermitteln soll. Seine Organisation sei „interkonfessionell“, berichtet er stolz, doch die Muslime seien leider gerade nicht sonderlich disponiert für eine Mitarbeit. Dann nimmt Emmanuel regelrecht Witterung auf, bevor er den Fremden die Straße hinunter führt, tiefer in den Ortsteil Gwong hinein, der an Nassarawa grenzt. „Das ist muslimisches Terrain“, sagt er und deutet auf eine ausgebrannte Hausruine, die die „Grenze“ markiert. „Hier kann es für uns gefährlich werden“. So wie es inzwischen für jeden Muslim in Jos in einem christlichen Viertel gefährlich werden kann.

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