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Nigeria : Angriff aus dem Ungewissen

Letzter Dienst: Katholiken in Madalla in Nordnigeria heben Gräber für die 20 Toten des Bombenanschlags auf eine Kirche am 26. Januar aus. Bild: dpa

Die islamistische Sekte Boko Haram mordet in Nigeria Christen und Polizisten. Um die Gruppe ranken sich Verschwörungstheorien.

          Das Blut ist noch nicht ganz trocken. Es bildet eine große Lache auf dem Betonboden, die Wand dahinter ist ebenfalls besudelt. Der Angriff der islamistischen Sekte Boko Haram ist erst wenige Stunden her. Die kleine Polizeistation von Naibawa ist eine Ruine. Die Mauern sind rußgeschwärzt, das Wellblechdach geschmolzen durch die enorme Hitze des Brandes, der durch einen Sprengsatz ausgelöst wurde. Die Polizisten, die am Tatort Wache schieben, tragen aus Angst vor weiteren Angriffen lieber keine Uniform mehr. Das Blut stamme von einem der Angreifer, erzählen sie.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          „Wir haben erst begriffen, was los ist, als uns die Kugeln um die Ohren flogen“, schildert einer der Polizisten von Naibawa die Schießerei, und in seiner Stimme schwingt Verbitterung. Schließlich liegt die Wache inmitten eines Marktes, und viele der dort lebenden Händler haben die Handynummern der Polizisten. „Niemand hat uns gewarnt“, sagt der Mann und lässt einen naheliegenden Vorwurf im Raum stehen: „Die hatten bewaffnete Posten an allen Straßenecken postiert, das muss Stunden gedauert haben, aber gesehen hat natürlich niemand etwas.“

          Der Überfall auf die Wache von Naibawa, einem Ortsteil der nordnigerianischen Millionenstadt Kano, war der sechzehnte Angriff auf eine Polizeistation innerhalb von zwei Wochen. Die Wache liegt an der Zaria Road, einer der wichtigsten Ausfallstraßen der Stadt und damit in einem belebten Viertel. Und trotzdem will niemand die Angreifer kommen sehen haben. „Die haben uns in aller Ruhe eingekesselt“, erzählen die Polizisten, die aus Angst vor Repressalien ihre Namen nicht nennen wollen. Eine Stunde habe das Feuergefecht gedauert, dann war ihre Station durch eine Bombe zerstört, und auf der staubigen Straße lagen vier Tote.

          Eine völlig neue Dimension

          Kano im muslimisch dominierten Norden Nigerias, die zweitgrößte Stadt des Landes, ist seit nunmehr zwei Wochen Schauplatz eines nichterklärten Krieges zwischen der islamistischen Sekte Boko Haram und den Sicherheitskräften. Die Sekte, deren Name so viel bedeutet wie „Westliche Bildung ist Sünde“, bombt und mordet seit mehr als zwei Jahren, hat christliche Kirchen angegriffen und Biergärten, hat das Bürogebäude der Vereinten Nationen in Abuja gesprengt, hat Politiker und moderate muslimische Kleriker aus dem Hinterhalt erschossen, doch was sich seit dem 20. Januar in Kano abspielt, ist eine völlig neue Dimension. Mit einer kleinen Armee hatte Boko Haram an jenem Freitag zahlreiche Polizeistationen und Regierungsgebäude gleichzeitig angegriffen. Es gab mehr als 200 Tote. Und seither vergeht kaum ein Tag in Kano ohne neue Angriffe.

          Die vorläufige Folge ist, dass das Handelszentrum Kano wirtschaftlich zum Stillstand gekommen ist. Die Banken sind geschlossen, viele Läden ebenso, und auf den Straßen patrouilliert die Armee, die in ihrer Hilflosigkeit die Mopedfahrer zwingt, ihre Gefährte an den Kontrollposten vorbeizuschieben, damit die Feuerüberfälle von den Rücksitzen vorbeifahrender Motorräder endlich aufhören. Die einzigen Unternehmer in der Stadt, die gegenwärtig gute Geschäfte machen, sind die Besitzer der Überlandbusse, weil insbesondere Christen aus dem Volk der Ibo die Stadt in Scharen verlassen.

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