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Niederlande-Wahl : Der Gegen-Wilders

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„Veränderung“ ist das Wort, das Klaver in jedem Interview und jeder Rede unterbringt. „Wählen wir Ungleichheit oder wählen wir Veränderung“, fragt er auch in Amsterdam. „Wählen wir mehr vom Gleichen oder wählen wir Veränderung?“ Klaver ist ein guter Redner. Aus den drei Debatten, an denen er teilgenommen hat, konnte er mit gutem Ergebnis hervorgehen, seine Sympathiewerte und die Zustimmung für die Partei stiegen anschließend deutlich. Die Wähler von GroenLinks sind höher gebildet, eher jung und sie leben in großen Städten wie Amsterdam, Groningen oder Utrecht. Das geht aus einer Analyse der Universität Amsterdam hervor. Es ist eine ähnliche Anhängerschaft wie sie der österreichische Präsident Alexander van der Bellen mobilisieren konnte. Ein großer Teil sind wohl enttäuschte Anhänger der sozialdemokratischen Partei van de Arbeit (PvdA), die auf eine historische Niederlage am Mittwoch zusteuert.

„Klaver kommt bei seinen Anhängern an, weil er ähnliche Eigenschaften wie sie hat“, sagt Sarah de Lange, Politikwissenschaftlerin der Universität Amsterdam. Außerdem sei es ihm gelungen, Begriffe wie „Ökonomismus“ in die Debatte einzubringen und den Wert von Empathie deutlich zu machen. „Er ist außerdem ein guter Spitzenkandidat, um Inklusion und Integration zu predigen, weil er selbst eine Einwanderungsgeschichte hat.“

„Redet er da über mich? Redet er über meinen Sohn?“

Klavers Biographie ist häufig ein Thema im Wahlkampf gewesen. Seine Großeltern haben ihn einer Sozialwohnung am Stadtrand von Roosendaal aufgezogen. Seine Mutter stammt aus der ehemaligen niederländischen Kolonie Indonesien. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Er ist Marokkaner. Das ist die Gruppe, über die sich Wilders häufig abfällig geäußert hat. In einer Rede 2014 fragte er, ob die Leute „mehr oder weniger Marokkaner“ haben wollten. „Weniger, weniger“, riefen sie. „Dann regeln wir das.“ Klavers, der sich sonst vergleichsweise wenig an Wilders abarbeitet, sagte, diese Rede sei das einzige Mal gewesen, wo er sich von der Rhetorik des Rechtspopulisten getroffen gefühlt habe. „Redet er da über mich? Redet er über meinen Sohn?“, fragte sich Klaver.

Seine Familie hat Klaver im Wahlkampf gekonnt eingesetzt. Einem Frauenmagazin gab er das Interview mit Kleinkind auf dem Schoß am Sonntagmorgen. Im sozialen Netzwerk Instagram veröffentlichte er ein Foto von sich mit den zwei Söhnen auf dem Weg ins Schwimmbecken. In seinem Büro hängt ein Bild des ermordeten amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, den er sein Vorbild nennt. Beide teilen die Initialen JFK. Klavers Zweitname ist Feras.

Zondagmorgen #zwemmen met mijn mannen. ??????#driemusketiers #zelfdezwembroekalles #papa

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Zum Hauptgegner hat Klaver Ministerpräsidenten Rutte erklärt. Dessen „zutiefst unsoziale Politik“ der vergangenen Jahre kritisiert er. Ziel müsse es sein, eine Mitte-links-Regierung ohne Rutte zu bilden. Im Blick hat er dafür Sozialdemokraten, Sozialisten, die als eher liberal geltenden Christdemokraten und das linksliberale Bündnis D66. Klaver will eine solche Koalition anführen, er möchte stärkste Partei werden. So unrealistisch das aus heutiger Sicht erscheint, passt dazu, dass Klaver häufig die Bedeutung von Kompromissen hervorgehoben hat. „Man muss zusammen eine Lösung finden, ohne die eigenen Prinzipien zu vergessen.“ Angesichts des stark zersplitterten Parlaments, in dem voraussichtlich 12 Parteien sitzen werden, wird die Fähigkeit zum Kompromisse schließen zukünftig in Den Haag entscheidend sein.

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