https://www.faz.net/-gpf-9kzbb

Schütze von Utrecht gefasst : Mitten ins Herz der Niederlande

Rettungskräfte stehen nach den Schüssen in Utrecht vor der Straßenbahn, in der sich die Tat ereignete. Bild: EPA

Stunden nach der Tat kann die Polizei den mutmaßlichen Schützen von Utrecht festnehmen. Noch ist unklar, ob es sich um eine terroristische oder eine Beziehungstat handelt. Ein Rückblick auf die Ereignisse des Tages.

          3 Min.

          Vier Stunden sind seit den Schüssen in einer Straßenbahn am südwestlich der Altstadt Utrechts gelegenen „Platz des 24. Oktober“ vergangenen, als Jan van Zanen eine erste Bilanz des Dramas zieht: Drei Tote, neun Verletzte, davon drei im ernsten Zustand. „Wir können es nicht ausschließen, vielmehr gehen wir von einem terroristischen Motiv aus“, sagte der rechtsliberale Bürgermeister. Seit fünf Jahren leitet er die Geschicke der rund 40 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Amsterdam gelegenen und rund 350.000 Einwohner zählenden Großstadt. Kurz zuvor hat die Polizei der Stadt ein Fahndungsbild des mutmaßlichen Täters veröffentlicht. Es handelt sich um den 37 Jahre alten, in der Türkei geborenen Gökmen T. „Nähern Sie sich ihm nicht an, und rufen Sie sofort unter der für die Fahndung bestehenden Telefonnummer an“, teilt die Polizei von Utrecht über den Kurznachrichtendienst Twitter mit.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Inzwischen sind viele Gerüchte über die möglichen Motive der Tat ins Kraut geschossen. Eine Verbindung zu einer fundamental-islamistisch und möglicherweise durch den Massenmord im neuseeländischen Christchurch am vergangenen Freitag inspirierten Anschlag stellen zu diesem Zeitpunkt weder Bürgermeister van Zanen noch die Justizbehörden her. Sie belassen es zunächst bei der Mahnung an die Bewohner Utrechts, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Sollten sie sich dennoch hinauswagen und etwas Verdächtiges beobachten, seien sie aufgefordert die Polizei unverzüglich zu informieren.

          Nur langsam sickern Ergebnisse durch

          Nicht nur Utrecht, die sonst so beschauliche Stadt im Herzen der Niederlande, steht am Montagnachmittag unter Schock. In der Provinz Utrecht wird die höchste, in den anderen Teilen des Landes die zweithöchste von insgesamt fünf Sicherheitsstufen ausgerufen. Polizeiwachen werden besonders gesichert. Ungewöhnlich viele Polizisten tragen kugelsichere Westen und Waffen. Auch der politische Alltag kommt zum Erliegen. Die Parteien unterbrechen den Wahlkampf für die am Mittwoch geplanten Wahlen zu den 12 Provinzräten des Landes. Auch in internationalen Zügen sowie an den Grenzübergängen werden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Auf der von Utrecht nach Amsterdam führenden Autobahn gilt vorsichtshalber eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 70 Stundenkilometern. In Den Haag tritt Ministerpräsident Mark Rutte am frühen Nachmittag mit finsterer Miene vor die Kameras. Vorsichtig äußert sich der rechtsliberale Regierungschef zunächst zu den möglichen Hintergründen der Tat. Dann erwähnt er aber doch die – inzwischen vorherrschende – Hypothese eines terroristisch motivieren Anschlags. „In diesem Fall gibt es nur eine mögliche Antwort: Unser Rechtsstaat, unsere Demokratie sind stärker als Fanatismus und Gewalt“, sagt Rutte.

          Nur langsam sickern im Lauf des Tages erste Ergebnisse zu den Ermittlungen von Polizei und Justiz durch. Offenbar war ihnen Gökmen T. seit einiger Zeit bekannt. So berichtet der Lokalsender RTV Utrecht am Nachmittag, der Verdächtigte er sei nicht nur wegen Vergewaltigung verdächtigt, sondern habe es auch wegen versuchten Totschlags mit der Justiz zu tun bekommen. Eine Zeitung meldete, der Mann sei 2013 an einer Schießerei in Utrecht beteiligt gewesen. Für beide Meldungen gibt es jedoch zunächst keine offizielle Bestätigung.

          Die Polizei hält sich mit Angaben zurück

          Augenzeugen beschreiben unterdessen, was sie am Vormittag in der gelb-grauen Straßenbahn beobachtet und erlebt habe. Dem Sender NOS erzählte Dan Molenaar, er sei kurz zuvor in den vorderen Teil der Straßenbahn eingestiegen, als der Täter zu schießen begonnen habe. Die Bahn habe in einer Kurve gestoppt. Dem Straßenbahnschaffner sei es nicht gelungen, die Türen zu öffnen. „Darauf schlugen zwei Jungen neben mir ein Fenster ein, durch das ich dann nach draußen geflüchtet bin“, sagt Molenaar.

          Am Nachmittag ist die Lage in Utrecht unübersichtlich. Offenbar gibt es widersprüchliche Darstellungen von Augenzeugen. Es tauchen sogar Berichte auf, wonach an dem Anschlag sogar vier Männer beteiligt gewesen sein sollen. Zwei der Männer hätten anschließend einen roten Renault Clio in ihre Gewalt gebracht, die zwei anderen seien zu Fuß geflüchtet. Auch von mehreren Waffen ist die Rede. Die Polizei hält sich abermals mit weiteren Angaben zurück. Später heißt es zwar, der rote Wagen sei gefunden worden – ob ein Zusammenhang mit der Tat bestehe, sei jedoch fraglich.

          Am späten Nachmittag bestätigen die Behörden zwar die Zahl von drei Todesopfern, die Zahl der Verletzten wird von neun auf fünf nach unten korrigiert. Auch die Aufforderung an die Bürger der Stadt, ihre Wohnungen nicht zu verlassen, wird aufgehoben. Noch keine eindeutige Klarheit besteht zu den Motiven der Tat. Ein terroristischer Hintergrund sei, so ein Polizeisprecher, nicht auszuschließen, es sei aber nur eine von mehrere möglichen Erklärungen. „Es gehen im Moment viele Gerüchte um. Wir untersuchen das“, sagt der Sprecher.

          Später berichtet das niederländische Fernsehen der Bruder des mutmaßlichen Täters werde von der Polizei vernommen. Weitere Details wurden nicht bekannt. Dass die Tat ein Familiendrama sei, berichtet zudem die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu.

          Am Abend geben Bürgermeister, Polizei und Staatsanwaltschaft eine Pressekonferenz. Der Bürgermeister von Zanen spricht von einem „schwarzen Tag“ für Utrecht. Der Täter sei noch immer flüchtig und es stimme, dass er der Staatsanwaltschaft bekannt sei. Ein Sprecher der Polizei spricht zudem von einem zweiten Verdächtigen, der festgenommen wurde. Jedoch sei unklar, ob er etwas mit der Attacke zu tun hatte. Unklar ist auch, ob der zweite Verdächtige der Bruder des flüchtigen Gökmen T. ist. Dann plötzlich die Nachricht eines Polizeisprechers: Gökmen T. sei festgenommen worden.

          Weitere Themen

          Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Morales hofft auf vierte Amtszeit Video-Seite öffnen

          Bolivien : Morales hofft auf vierte Amtszeit

          Am Rande einer Wahlkampfkundgebung mit dem linksgerichteten Präsidenten Evo Morales gab es auch Proteste und gewaltsame Auseinandersetzungen.

          Topmeldungen

          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.
          Christian Lindner hat bei der Grundrente bewiesen: Die FDP lebt. Hier spricht er bei einer Veranstaltung im Dezember 2017.

          Einigung auf Grundsteuer : Die FDP lebt

          Die FDP hat ihre Vetomacht im Bundesrat klug genutzt. Die neue Grundsteuer ist ungewohnt freiheitlich für Deutschland. Ein großes Manko des Steuer-Monstrums bleibt dennoch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.