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Nicolas Sarkozy : Wahlkampf mit einer Legende

„Ein junges Mädchen von hier“: Sarkozy am Freitag in Vaucouleurs vor einem Jeanne d’Arc-Denkmal Bild: dapd

Am Freitag hat Frankreichs Präsident Sarkozy eine Rede auf die Nationalheilige Jeanne d’Arc gehalten - auch mit Blick auf die rechtsextreme Konkurrenz.

          Frankreich plagen zum Jahresbeginn Selbstzweifel und Abstiegsängste. Nicolas Sarkozy hält dies für den richtigen Moment, das Andenken an Jeanne d’Arc, die wehrhafte Jungfrau, die das Königreich Frankreich vor dem Zerfall (und der englischen Besatzung) rettete, neu zu beleben. Dass sich der Geburtstag der heiligen Johanna am Freitag zum 600. Mal jährte, bot dem französischen Präsidenten den willkommenen Vorwand für den Versuch einer neuen Interpretation. Frankreich müsse sich ihrer erinnern und ihr danken als einer, „die Frankreich in eine große Nation, die in der Welt zählt, verwandelt hat“, sagte Sarkozy und stellte Jeanne d’Arc als Garantin der fortgesetzten „grandeur“ Frankreichs dar.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Präsident pilgerte, zwei namhafte Historiker in seiner Delegation, in das lothringische Dorf Domrémy, in dem Jeanne d’Arc laut Überlieferung am 6. Januar 1412 zur Welt gekommen ist. Der Präsident besuchte das Geburtshaus mit dem charakteristischen Knickdach unweit des Maas-Flusses, das Ende der neunziger Jahre restauriert wurde und ein beliebtes Ziel für Touristen und Jeanne d’Arc-Bewunderer aus der ganzen Welt ist. Seine Rede hielt der Präsident jedoch nicht in Domrémy, sondern in der nahegelegenen Ortschaft Vaucouleurs; dort hatte der zunächst widerspenstige Stadthauptmann von Beaudricourt die junge Frau im Jahr 1428, so wie sie es verlangt hatte, mit Pferd, Schwert und Rüstung sowie einer Eskorte ausgestattet. Diese kämpferische Jeanne war es, an die Sarkozy seine Landleute im Krisen- und Wahljahr 2012 erinnern wollte. „Hinter der Heldin verbirgt sich ein junges Mädchen von hier“, sagte Sarkozy. „Sie konnte schwach sein. Aber wenn sie stark war, war sie es, weil sie ihre Schwäche besiegte“, sagte der Präsident.

          Ein längst entrückter Mythos

          Dass sich im Leben der Jeanne d’Arc nur wenig historisch belegen lässt, stört Sarkozy dabei nicht. „Man muss Jeanne d’Arc ihr Mysterium lassen“, sagte er. „Aber Jeanne d’Arc ist keine Legende, es ist eine wahre Geschichte“, fügte er hinzu. Der Präsident trat teils wie ein Geschichtslehrer auf, der nicht voraussetzen kann, dass die wichtigsten Episoden des kurzen Lebens der mit 19 Jahren auf dem Scheiterhaufen in Rouen verbrannten Jeanne d’Arc noch bekannt sind. Denn obwohl jedes Schulkind den Namen der Nationalheiligen kennt, ist Jeanne d’Arc auch in Frankreich längst schon ein entrückter Mythos, welcher der jüngeren Generation allenfalls in Computerspielen oder Filmen begegnet.

          Sarkozy betritt das Geburtshaus von Jeanne d’Arc: „Es ist eine wahre Geschichte“

          Seit fast zwei Jahrzehnten versucht die rechtsextreme Nationale Front, die Jungfrau von Orléans als Parteiikone zu vereinnahmen. Jeweils zum 1. Mai, wenn die Gewerkschaften in Aufzügen den Tag der Arbeit feiern, zieht eine Abordnung des Front National zum vergoldeten Reiterdenkmal der Jeanne d’Arc auf dem Platz der Pyramiden unweit der Tuilerien-Gärten in Paris. Es werden Reden gehalten auf die „von Gott nach Frankreich gesandte Heldin“, die 1920 von der Katholischen Kirche heilig gesprochen worden war. Jean-Marie Le Pen, der Ehrenpräsident der rechtsextremen Partei, beschimpfte den Präsidenten am Freitag als Usurpator. „Er läuft wieder einmal unseren Wählern hinterher“, äußerte Le Pen. An diesem Samstag wollen Le Pen und seine Tochter Marine, die Präsidentschaftskandidatin des Front National, in Paris in einer großen Zeremonie der Geburt Jeanne d’Arcs gedenken. „Jeanne d’Arc gehört keiner Partei, keinem Clan“, hob dagegen Präsident Sarkozy in Vaucouleurs hervor. „Sie gehört uns allen, sie ist ein Teil unserer nationalen Identität.“

          Eine vermittelnde Figur

          Der politischen Linken fällt es allerdings wieder einmal schwer, sich mit Jeanne d’Arc zu identifizieren. Die Präsidentschaftskandidatin der Grünen, Eva Joly, sagte, sie finde es verstörend, dass sich der Präsident auf eine so nationalistische Gestalt zurückbesinne. Der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande ließ mitteilen, dass er sich nicht dazu äußern werde. Vielen Sozialisten ist es noch in peinlicher Erinnerung, dass ihre Präsidentschaftskandidatin von 2007 Ségolène Royal ein öffentliches Zwiegespräch mit „Jeanne“ führte. Ihr eigenes Schicksal verglich die Sozialistin mit dem der Nationalheldin: „Du, Jeanne, hast in einer von Männern beherrschten Welt gleich einen dreifachen Frevel begangen: du bist eine Strategin, eine Kriegsherrin und eine Gottesanbeterin!“

          Es zählt zu den Eigentümlichkeiten der Nationalheldin Jeanne d’Arc, dass diese zu keiner Zeit eine vermittelnde Figur war, die politische Gegensätze überwinden half. Der deutsche Historiker Gerd Krumeich hat dies in seinem „Jeanne d’Arc in der Geschichte“ gewidmeten Werk überzeugend herausgearbeitet. So war Jeanne schon zu Lebzeiten eine Legende, die Ablehnung und Bewunderung hervorrief. War sie Ketzerin oder Gesandte Gottes? Erst wurde Jeanne d’Arc von der royalistisch-klerikalen Seite vereinnahmt. Die Revolutionäre ließen aus ihren Denkmälern Kanonen gießen.

          Jeannes republikanische Karriere begann erst unter Ludwig XVIII. und erreichte ihren Höhepunkt Mitte des 19. Jahrhunderts. Das ist vor allem dem Werk des Historikers Jules Michelet zu danken, der ihre Geschichte neu erzählte. „Sie liebte Frankreich so sehr, dass Frankreich begann, sich selbst zu lieben“, schrieb Michelet. Präsident Sarkozy sagte unter Verweis auf André Malraux, Jeanne sei noch heute das „schönste Gesicht“, das Frankreich der Welt schenke.

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