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Wie andere Länder zählen : Nicht alle Corona-Toten kommen in die Statistik

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Aus einem New Yorker Krankenhaus wird ein Leichnam mit einem Gabelstapler in einen Kühllastwagen befördert. Bild: EPA

Italien rätselt, warum fast jeder achte Corona-Infizierte stirbt. Andere Länder melden niedrigere Raten – aber werden dort auch die Opfer in Pflegeheimen mitgerechnet? Ein Überblick unserer Korrespondenten.

          7 Min.

          Seit Ausbruch der Corona-Krise geben die Regierungen der betroffenen Staaten täglich aktualisierte Statistiken mit der Zahl der Corona-Toten heraus. Doch häufig gibt es Zweifel an deren Aussagekraft. Noch schwieriger ist ein internationaler Vergleich der Totenzahlen oder der Angaben zur Sterblichkeitsrate. Jedes Land zählt die Toten anders, und auch die Zahl der Tests variiert beträchtlich. Wir stellen die Praxis in sechs Ländern vor. Zum Teil weicht sie erheblich von den deutschen Verhältnissen ab, die hier geschildert sind.

          Italien: Die höchste Sterberate

          Die Sterberate bei Covid-19-Erkrankungen ist in Italien laut den offiziellen Zahlen des Zivilschutzes außergewöhnlich hoch und beträgt mehr als zwölf Prozent (Stand 2. April). Warum das so ist, können Wissenschaftler noch nicht sicher sagen. Die am häufigsten genannte Hypothese lautet, dass es deutlich mehr Personen geben müsse, die mit dem Coronavirus infiziert seien, als die vom Zivilschutz genannten 115.000. (2. April). Die Virologen des Imperial College in London vermuten, dass in Italien bis zu 5,9 Millionen Menschen infiziert sein könnten; bei dieser sehr hohen Schätzung würde bei gut 13.900 bestätigten Todesfällen (2. April) die Sterberate auf knapp 0,24 Prozent absinken.

          Bestatter im süditalienischen Cisternino

          Die meisten italienischen Virologen nehmen an, dass die tatsächliche Zahl der Infektionen um den Faktor drei bis zehn über der vom Zivilschutz mitgeteilten offiziellen Zahl liegt. Unstrittig ist, dass die Verfügung des Gesundheitsministeriums in Rom vom 25. Februar, nicht mehr beim bloßen Verdacht auf eine Sars-CoV-2-Infektion, sondern nur bei Personen mit Symptomen einen Test vorzunehmen, zu einem drastischen Anstieg der ermittelten Sterberate führte: Weil weniger getestet wurde, gab es weniger bestätigte Infizierte, während weiter relativ viele ältere Menschen an Covid-19 starben.

          Nach Angaben des Zivilschutzes wurden bislang landesweit insgesamt gut 581.200 Coronavirus-Tests vorgenommen (2.April). Bei allen Todesfällen im Krankenhaus, bei welchen ein Zusammenhang mit Covid-19 vermutet wird, werden die Verstorbenen auf das Virus getestet. Auch bei Patienten mit schweren Vorerkrankungen wird bei einem positiven Testergebnis der Todesfall der Covid-19-Lungenkrankheit zugeschrieben, auch wenn nicht klar ist, ob die Patienten „an dem“ oder lediglich „mit dem“ Virus gestorben sind. Bei Todesfällen in Altersheimen und zu Hause wird nicht regelmäßig ein Post-mortem-Test auf das Coronavirus vorgenommen.

          Großbritannien: Zwei Statistiken

          Die Zahl der Covid-19-Toten, die britische Regierungsvertreter jeden Abend um sechs Uhr deutscher Zeit bekanntgeben, stammt vom britischen Gesundheitsministerium, das wiederum Daten des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS zusammenfasst. Dabei kommt es zu Verzerrungen, für die es mehrere Gründe gibt. Grundsätzlich werden Verstorbene als „Corona-Tote“ geführt, deren Totenschein einen Verweis auf das Virus enthält. Das bedeutet, dass auch Personen, die nicht an Covid-19 gestorben sind, aber zum Zeitpunkt ihres Todes infiziert waren, dazugerechnet werden.

          Drive-In für Coronatests des National Health Service in Chessington

          Andererseits fehlen Menschen in den Statistiken, die an Covid-19 gestorben sind, aber nicht getestet wurden, weil die Symptome nicht erkannt wurden. Nicht erfasst wurden bisher auch jene, die außerhalb von Krankenhäusern, also zu Hause, auf der Straße oder in Pflegeheimen, an Covid-19 gestorben sind. Diese Fälle listet nur das Nationale Statistikbüro (ONS) auf. Es weist seit kurzem seine wöchentlichen Todeszahlen für das Vereinigte Königreich getrennt aus, mit einer eigenen Statistik für durch Covid-19 verursachte Fälle. Die erste derartige Veröffentlichung zeigte am Dienstag, dass die für Mitte März vom Gesundheitsministerium gemeldeten Todeszahlen teilweise 25 Prozent unter den vom ONS erhobenen Zahlen lagen.

          Die größte Verzerrung der täglichen Totenstatistik entsteht aber durch die signifikante Zeitlücke zwischen dem Eintritt des Todes und dessen Veröffentlichung. Weil ein Tod in Großbritannien erst offiziell registriert wird, nachdem die Angehörigen verständigt worden sind, entstehen oft große Verzögerungen. Die „neuen“ Zahlen, die täglich bekanntgegeben werden, enthalten Todesfälle, die im Durchschnitt fünf Tage, zum Teil sogar mehrere Wochen zurückliegen. Fachleute weisen deshalb darauf hin, dass die Statistiken erst in zwei bis drei Wochen Rückschlüsse darauf zulassen, ob die Regierungsmaßnahmen zur Eindämmung der Infektion Wirkung gezeigt haben.

          Spanien: Viele unerkannte Corona-Tote?

          In Spanien hat es von Anfang an Zweifel an der Verlässlichkeit der Infiziertenzahlen gegeben, die das Gesundheitsministerium jeden Tag aktualisiert. Das liegt vor allem daran, dass im internationalen Vergleich bisher sehr wenig getestet wurde. Viel spricht dafür, dass deshalb die tatsächliche Zahl der Corona-Toten um einiges höher ist als die 10.932 Todesfälle, die am Freitag offiziell gemeldet wurden, nur in Italien ist die Zahl höher. Die 17 autonomen Regionen melden jeden Tag ihre Zahlen an das nationale Gesundheitsministerium.

          In Madrid wurde der noch nicht fertiggestellte Justizpalast in eine provisorische Leichenhalle umgewandelt.

          In den Regionen hätten „derzeit Tests an lebenden Menschen Vorrang“, teilt das Ministerium auf Anfrage dieser Zeitung mit. Zur Frage, wer getestet werde, heißt es ohne genauere Angaben: „Die überwiegende Mehrheit wurde getestet: Bei allen Menschen mit schweren Symptomen werden Tests durchgeführt“, besonders im Krankenhaus sowie bei Todesfällen.Unklarheit besteht darüber, ob auch alle Todesfälle in Altenheimen und zu Hause in der Statistik erfasst werden. So erteilte das katalanische Gesundheitsministerium erst in dieser Woche die Anweisung, dass das auch bei diesen Toten geschehen müsse. Wie schwierig eine verlässliche Statistik ist, macht die Region um Madrid deutlich, die am stärksten vom Coronavirus betroffen ist.

          Etwa drei Viertel der mehr als 3.000 Toten wurden im März in Altenheimen registriert, in denen bisher die wenigen verfügbaren Tests nicht einmal für die Pfleger reichten. Bei Menschen, die in ihren Wohnungen sterben, werde der Totenschein weiterhin ohne einen Test ausgestellt, sagten Fachleute „El País“. Nach Informationen der Zeitung starben im März in mehreren spanischen Regionen deutlich mehr Menschen als im Vergleichszeitraum der Vorjahre. Nur der kleinere Teil davon war positiv auf das Virus getestet worden. Die große Zahl der Toten legt die Vermutung nahe, dass es noch viel mehr ungetestete Corona-Tote gegeben haben könnte.

          Frankreich: Altenheime werden nicht erfasst

          In Frankreich trägt der Leiter der staatlichen Gesundheitsbehörde, Jerome Salomon, jeden Abend zur Hauptnachrichtenzeit um kurz vor acht die tägliche Covid-19-Statistik im Fernsehen vor. Salomon fügt jedes Mal hinzu, dass ihm gesicherte Angaben nur über die Patienten vorliegen, die in Krankenhäusern gestorben sind. Wer dem Coronavirus zu Hause, im privaten Seniorenheim oder in einem der 8000 Altenpflegeheime (Ehpad) des Landes erlegen ist, taucht in der offiziellen Statistik nicht auf.

          Französische Rettungskräfte vor einem Pflegeheim in Mougins, wo viele Corona-Infizierte gestorben sind

          Es wird aber unter Hochdruck an einem zentralen Erfassungssystem gearbeitet, damit auch die Altenpflegeheime ihre Covid-19-Toten melden können. Bislang gebe es jedoch nur unvollständige Angaben, räumte Salomon ein. Er verlas eine erste Zahl von 884 Toten in den Altenpflegeheimen. Viele Franzosen befürchten, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt und die Verantwortlichen bewusst die erhöhte Sterblichkeitsrate in den Heimen verschweigen. Für die zu Hause verstorbenen Patienten arbeitet die staatliche Statistikbehörde Insee Frankreichs an einer schnelleren Informationsweitergabe durch die 35.000 Kommunen.

          In Frankreich sind die Kommunen für die Ausstellung der Sterbeurkunden zuständig. Bislang wurden diese Zahlen nur im Jahresrhythmus ermittelt. Die Krankenhäuser in Frankreich verfügen seit den Terroranschlägen im Jahr 2015 über eine zentralisierte Plattform, die nun für die Corona-Toten genutzt wird. In den Pflegeheimen wird die amtliche Vorgabe befolgt, aufgrund der Knappheit an Tests nur maximal zwei Verdachtsfälle pro Einrichtung zu testen. Bei allen weiteren betroffenen Personen könne davon ausgegangen werden, dass sie auch an Covid-19 erkrankt seien, so die Anweisung der Gesundheitsbehörde. In der Statistik sollen aber nur Tote aufgeführt werden, bei denen das Coronavirus per Test nachgewiesen wurde.

          Vereinigte Staaten: Armut und schlechte Gesundheitsversorgung

          In den Vereinigten Staaten werden Todesfälle „in Verbindung mit Covid-19“ gezählt: Wer mit dem Coronavirus infiziert stirbt, ist, statistisch gesehen, also „an“ dem Coronavirus gestorben. Die Referenzgröße für die Anzahl derer, die an dem Virus gestorben sind, ist die Zahl der durch das „Center for Disease Control“ (CDC) registrierten Infektionsfälle. Bis Anfang März konnten aufgrund mangelnder Tests nur relativ wenige Personen untersucht werden. Das CDC bestimmte anfangs, dass nur Personen mit schweren Symptomen und medizinisches Personal einen Test erhalten sollten.

          In New York geht ein Mann geht an einer temporären Leichenhalle vorbei.

          In den vergangenen zwei Wochen hingegen wurde so viel getestet wie in keinem anderen Land. Dies führte statistisch zu einer abnehmenden Sterberate, wie Anthony Fauci, der Leiter des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten, erläuterte. Anfang März lagen die Vereinigten Staaten mit einer Sterberate von 5,7 Prozent am oberen Ende, weltweit lag die Rate seinerzeit bei 3,4 Prozent. Inzwischen (Stand 2. April) liegt die Sterberate im gesamten Land bei 2,5 Prozent. Innerhalb der Vereinigten Staaten gibt es aber signifikante regionale Unterschiede. Derzeit ist Louisiana der Bundesstaat mit der höchsten Sterberate: 4,2 Prozent. In Kalifornien liegt sie bei 2,1 Prozent. Am Sonntag meldeten sich allerdings Gesundheitsfachleute zu Wort, die angaben, die Statistik umfasse nicht alle Fälle: Zum einen seien anfangs aufgrund der mangelnden Testmöglichkeiten nicht alle Verstorbenen post mortem getestet worden. Zum anderen gebe es in einigen Altenheimen  so viele Tote, dass auch gegenwärtig nicht alle Verstorbenen getestet würden.

          In New Orleans werden die „Mardi Gras“-Feierlichkeiten Ende Februar für die im Vergleich zu anderen Südstaaten schnelle Verbreitung des Virus verantwortlich gemacht. Die Gründe für die hohe Sterberate sind vielfältig: eine relativ hohe Armutsrate (in Verbindung mit verbreiteter Diabetes) und eine unterdurchschnittliche Gesundheitsversorgung. Hinzu kommt eine im Vergleich zur Westküste erst sehr spät durchgesetzte Eindämmungspolitik. Im Bundesstaat New York, einem Hotspot der Pandemie, beträgt die Sterberate derzeit 2,7 Prozent. Nirgendwo in Amerika wird so viel getestet wie hier: Ein Viertel aller Tests landesweit wurden in diesem Bundesstaat vorgenommen.

          China: Zweifel an den offiziellen Zahlen

          Fast zwei Drittel der 3331 Todesfälle, die China im Zusammenhang mit Covid-19 registriert hat, entfallen auf Wuhan. Das ist eine Folge der Abriegelung der Stadt, die deren Bewohner einer erhöhten Gefährdung ausgesetzt hat. Die Zahl der Toten liegt mit Sicherheit noch höher, denn in der Anfangsphase des Ausbruchs verstarben viele Erkrankte zu Hause oder im Krankenhaus, bevor sie auf Sars-CoV-2 getestet werden konnten. Es gab schlicht nicht genügend Tests und Laborkapazitäten. Zwischenzeitlich reagierte die Provinz Hubei, in der Wuhan liegt, darauf, indem sie ihre Zählweise änderte.

          Vor dem chinesischen Totengedenkfest Qingming reinigen Friedhofsmitarbeiter Särge im Auftrag der Angehörigen, die das wegen der Pandemie nicht selbst tun können.

          Zwischen dem 13. und dem 20. Februar wurden auch solche Patienten als infiziert gezählt, bei denen das Virus nicht mittels eines Erbgut-Tests nachgewiesen wurde, sondern bei denen eine Untersuchung mit dem Compoutertomographen eine entsprechende Lungenerkrankung zeigte. In der chinesischen Bevölkerung gibt es Zweifel an den offiziellen Totenzahlen. Sie stützen sich auf einen Bericht des chinesischen Magazins „Caixin“, demzufolge ein Lastwagenfahrer an eines der acht Bestattungsinstitute der Stadt etwa 5000 Urnen geliefert hat. Die Zweifel wurden zunächst dadurch genährt, dass die Behörden nicht bekanntgeben wollten, wie viele Menschen während der Ausgangssperre an anderen Ursachen gestorben sind.

          Der chinesische Botschafter in Paris, Lu Shaye, bezifferte ihre Zahl in dieser Woche mit 10.000. Mit Blick auf frühere Todesstatistiken ist das denkbar, aber nicht nachprüfbar. Generell ist die Glaubwürdigkeit chinesischer Statistiken gering, weil Lokalregierungen Anreize haben, ihre Zahlen zu schönen. Es gibt jedoch keine Belege, die zeigen würden, dass die Zentralregierung die Zahlen im großen Stile gefälscht hätte. In einem vertraulichen Bericht der amerikanischen Geheimdienste heißt es dazu nach Angaben der „New York Times“, die Dienste gingen davon aus, dass die chinesische Regierung das wahre Ausmaß der Virusverbreitung selbst nicht kenne.

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