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Nicaragua-Kanal : Ein Chinese fährt die Bagger auf

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Denn trotz fehlender Investoren sind in der Zwischenzeit die Bagger in Nicaragua aufgefahren. Kurz vor Weihnachten feierte Ortega im Beisein von internationalen Medien den Beginn des Megaprojekts: In Brito, nahe der Pazifikküste, fiel der Startschuss für den Kanalbau. Die Kritiker schienen widerlegt, alles wieder nach Zeitplan zu laufen. Bereits 2020 will man fertig sein. „Nur ein PR-Stunt“, sagen Diplomaten in Managua. Ortega und die Chinesen wollten damit ihre ehrlichen Absichten zeigen. Tatsächlich haben die Bauarbeiter seither nichts mehr angerührt. Die Bagger stehen still.

Der Präsident verdient mit

Das ganze Gerede vom Kanal - also doch ein „cuento chino“, eine Lüge? Vielleicht. Aber den großen Gewinn haben die Chinesen und die Russen ohnehin schon gemacht. Denn das Recht auf Enteignung bleibt in den Händen der HKND, selbst wenn nie eine Durchfahrt gebaut würde. Der Konzessionär kann damit so viel vom nicaraguanischen Boden enteignen wie ihm beliebt. Solange die Firma behauptet, sie benötige das Land für den Kanal, ist sie rechtlich geschützt. Mit dem fruchtbaren Boden in den ehemals geschützten Urwaldgebieten kann sie machen, was sie will - zum Beispiel Lebensmittel anbauen, die das aufstrebende China dringend braucht. Außerdem soll HKND gemäß Gesetz auch andere „Subprojekte“ im Land umsetzen. Bisher sind von der Firma vorgesehen: zwei Tiefseehäfen, eine Freihandelszone, mehrere Touristenresorts, Straßen und ein internationaler Flughafen. Als Partnerfirmen listet HKND ausschließlich chinesische Unternehmen auf, unter anderem die „Civil Aviation Engineering Consulting Company of China“. Im Gegensatz zum Kanal erscheinen diese Vorhaben auch lukrativ, da sind sich die Beobachter einig. Zudem bieten sie China neue Verkehrswege für Rohstoffe aus Südamerika - Straßen, Häfen, der Flughafen. Dem Panama-Kanal können die Chinesen also auch ohne eine eigene, teure Durchfahrt in Nicaragua ausweichen.

Auch der Präsident und seine geschäftstüchtige Familie würden von diesen Subprojekten profitieren: finanziell und politisch. Schließlich könnten Touristenresorts, Häfen und Freihandelszonen dem Land tatsächlich Arbeitsplätze und einen wirtschaftlichen Aufschwung bringen. Der Präsident dürfte das dann als seinen Erfolg verbuchen - und selbst mitverdienen. Außerdem hat der Kanal Ortega endlich einen Vorwand geliefert, die lang geplante Militärkooperation mit Russland auszubauen. Bisher sind die Nicaraguaner gegen fremdes Militär im Land gewesen. Aber dank des Kanalbaus lässt sich auch das rechtfertigen. „Unter diesem Deckmantel lässt sich in Nicaragua alles Mögliche machen“, sagt ein europäischer Botschafter in Nicaragua. Die Sehnsucht nach einem Kanal sei in Nicaragua so groß, dass die Leute leicht zu überzeugen seien, meint er.

Und tatsächlich: Selbst die nicaraguanische Opposition glaubt nun an die Geschichte vom Kanalbau, den sie anfangs für erfunden hielt. Allerdings will sie aus anderem Grund daran festhalten. Sie hofft, mit den drohenden Umweltschäden und den Enteignungen endlich gegen den Präsidenten mobilisieren zu können. Bisher waren die Oppositionsgruppen selbst zu zerstritten, um gegen die Übermacht des Präsidenten etwas zu unternehmen. Jetzt können sie ihn als „Vaterlandsverkäufer“ beschimpfen und organisieren dafür Demonstrationen entlang der geplanten Kanalroute. Bisher finden sie allerdings nur Anhänger unter internationalen Nichtregierungsorganisationen und den Anwohnern, die enteignet werden sollen. Eine Mehrheit der Nicaraguaner steht immer noch hinter dem Projekt. Der Traum ist einfach zu groß - und damit die Gefahr, getäuscht zu werden.

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