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New York : Ende der Pendlerparty - Ende des Streiks

Die New Yorker müssen laufen Bild: AP

Verwaiste Restaurants, improvisierte Transportsysteme und lahmende Weihnachtsumsätze: Der Streik im Öffentlichen Nahverkehr drückte auf die Stimmung der New Yorker. Kurz bevor der Ärger zu groß wurde, hat die Gewerkschaft den Streik beendet.

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          New Yorker zeigen der Welt ganz gerne, wozu sie in Ausnahmesituationen fähig sind. Spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist es fest in der Mentalität von New Yorkern verankert, sich von nichts unterkriegen zu lassen. So standen die Einwohner der Stadt friedlich und guter Laune den fast zwei Tage dauernden Stromausfall im Jahr 2003 durch. Und so begann auch der Bus- und Bahnstreik am Dienstag mit einer großen Portion Gleichmut und Unbekümmertheit: Zu Zehntausenden marschierten die New Yorker bei klirrender Kälte über die Brooklyn Bridge nach Manhattan, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Stimmung war nicht schlecht. Es schien fast so, als ob viele Menschen Spaß daran hatten, mal wieder eine kleine Herausforderung zu haben. Am Ende der Brücke empfingen Männer in Weihnachtsmannkostümen die Fußgänger mit heißen Getränken. Es war wie eine vorweihnachtliche Pendlerparty an diesem Morgen.

          Letterman nahm's mit Humor

          Abends in der Fernsehshow von David Letterman ging es weiter mit der guten Laune. Letterman machte sich einen Spaß daraus, daß wegen des Streiks die gelb-orangen Taxis der Stadt ausnahmsweise dazu aufgefordert sind, mehr als eine Person zu befördern. Und so entwarf er das Spiel „Würden Sie gerne mit gruseligen fremden Menschen in einem Taxi sitzen?“. Er lotste Menschen von der Straße in ein Taxi, und packte dann ein paar extrem übergewichtige Menschen dazu, die ihnen auf engstem Raum Gesellschaft leisteten.

          Auch der New Yorker Sozialpädagogikstudent Jorn Jonassen fand den Streik am ersten Tag noch lustig. Obwohl zwischen seiner Wohnung im Südteil Manhattans und seinem Praktikumsplatz in Harlem mehr als hundert Straßenzüge liegen, nahm er klaglos einen mehr als zwei Stunden langen Fußmarsch auf sich. „Es war ein Abenteuer, und die Fußgänger waren wie eine große Familie“. Die familiäre Stimmung hielt aber nicht lange. Am zweiten Tag des Streiks ist die Atmosphäre schon um einiges ungemütlicher. Jonassen hat ebenso wie viele andere New Yorker die Lust an Fußmärschen und Verkehrskollaps verloren. „Die Menschen auf der Straße sind viel gereizter“, sagt er. Auch die Autofahrer in den verstopften Straßen von Manhattan haben ihre Geduld verloren und hupen viel mehr als noch am ersten Tag.

          Hohe Kosten, schlechte Stimmung

          Die Stimmung verschlechtert sich, weil sich allmählich herausstellt, welche massiven Auswirkungen der Streik im Nahverkehr für die Metropole hat. Sieben Millionen Menschen nutzen normalerweise jeden Tag die Busse und Bahnen von New York. Bürgermeister Michael Bloomberg schätzt, daß der Streik jeden Tag 400 Millionen Dollar kostet. Vor allem den Einzelhändlern der Stadt scheint das Geschäft regelrecht wegzubrechen.

          „Hier kommt kaum jemand vorbei, und wenn, dann höchstens, um eine Zeitung zu kaufen“, beklagt sich Ali Bhai, der auf der vierzehnten Straße einen Kiosk betreibt. Viele Geschäfte sprechen von dramatischen Umsatzrückgängen, in einzelnen Fällen ist von bis zu 80 Prozent die Rede. Das ist umso verheerender als in diesen Tagen eigentlich die umsatzstärkste Zeit des Jahres ist. Die Stadt ist voller Touristen, die zum Weihnachtseinkauf nach New York gekommen sind. Nun aber machen viele Geschäfte ihre Türen früher zu, weil zu wenig Kunden kommen.

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