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Neues Gesetz in Frankreich : Künstliche Befruchtung für alle

Die nach einer künstlichen Befruchtung geborenen Kinder wachsen häufig ohne Vater auf, dafür werden laut Zahlen aus Nordrhein-Westfalen mehr Zwillinge geboren. Bild: dpa

In Frankreich sind künstliche Befruchtungen künftig auch für alleinstehende Frauen und lesbische Paare erlaubt und werden von der Krankenkasse bezahlt. Kritiker des Gesetzes warnen vor einer Generation „ohne Vater“.

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          Als „historischen Schritt“ hat der Beauftragte für die deutsch-französische Zusammenarbeit, Europaminister Michael Roth (SPD), das neue französische Bioethik-Gesetz am Mittwoch bezeichnet. Mit dem Gesetz werden in Frankreich Kinderwunschbehandlungen für alle Frauen unter 43 Jahren fortan durch die Krankenkasse erstattet. Auch lesbischen Paaren und alleinstehenden Frauen ist es künftig erlaubt, kostenlos Reproduktionsmedizin in Anspruch zu nehmen. Der medizinische Nachweis der Unfruchtbarkeit entfällt. Das Gesetz wurde am Dienstagabend mit einer Mehrheit von 326 Stimmen bei 115 Gegenstimmen und 42 Enthaltungen endgültig in der Nationalversammlung angenommen. Gesundheitsminister Olivier Véran sprach von einem „guten Tag“ für Frankreich. Nach seinen Worten könnten die ersten Kinder unter der Neuregelung „vor dem Jahresende 2021“ gezeugt werden. Mehr als zwei Drittel der Franzosen unterstützen laut Umfragen die Gleichstellung aller Frauen bei Kinderwunschbehandlungen. Bislang reisten viele Frauen nach Belgien und Spanien, um sich dort mit Spendersamen befruchten zu lassen.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Pariser Erzbischof Michel Aupetit, ein früherer Mediziner, warnte davor, dass das Gesetz einen Paradigmenwechsel bedeute. Der Arzt werde auf diese Weise zum Dienstleister für individuelle Wünsche. „Die selbstlose Dimension, sich um jemanden zu kümmern, wie sie nicht nur christlich ist, sondern auch dem hippokratischen Eid entspricht, verschwindet. Der Arzt wird zu einem Techniker“, schrieb Aupetit in einer am Collège des Bernardins gehaltenen Rede. Die Medizin mache sich künftig vom Markt der künstlichen Befruchtung abhängig, der durch finanzielle Interessen bestimmt werde. Kinder würden nur noch als „Produkte“ angesehen.

          Generation „ohne Vater“

          Die Abgeordnete der rechtsbürgerlichen Partei Les Républicains (LR), Annie Genevard, warnte vor einer neuen Generation von Kindern „ohne Vater“. Der LR-Abgeordnete Marc Le Fur sprach von einem „Zivilisationsbruch“, der Tausende Kinder der Vaterfigur berauben werde und die Familienstrukturen verändere. Vor der Abstimmung in der Nationalversammlung hatte die rechtsbürgerliche Mehrheit im Senat den Gesetzentwurf abgelehnt. Der Erzbischof von Rennes, Pierre d’Ornellas, sagte Frankreich sei zutiefst gespalten. Es prallten „zwei widersprüchliche Visionen vom Menschen und seiner Würde aufeinander“. Präsident Emmanuel Macron habe mit Recht einen breiten Konsens gewollt, doch er sei gescheitert.

          Der Rechtswissenschaftler Jean-René Binet beklagte, Frankreich habe stillschweigend sein Bioethik-Modell aufgegeben. Binet bezog sich vor allem auf die Embryonen- und Stammzellforschung, die liberalisiert wird. In der öffentlichen Debatte war dieser Aspekt oft untergegangen. Die Möglichkeiten zu Forschungen an Embryonen und embryonalen Stammzellen werden erweitert. Im Rahmen von In-Vitro-Fertilisation (IVF) entstandene, überzählige Embryonen sollen künftig auch genetisch verändert werden dürfen. Dies war bislang untersagt. Anders als in Deutschland hat Frankreich schon 2013 unter strengen Rahmenbedingungen überzählige Embryonen für die Grundlagenforschung freigegeben.

          Der Pariser Erzbischof kritisierte, dass der Schutz von Ungeborenen in den vergangenen Jahren immer mehr aufgeweicht worden sei. „Dabei hat Frankreich die Konvention von Oviedo ratifiziert, die verlangt: Das Herstellen von menschlichen Embryonen zu Forschungszwecken ist verboten. Das französische Gesetz geht aber weit darüber hinaus! Dadurch gerät aus dem Blick, dass Forschung an einem Embryo immer die Zerstörung des Embryos, also eines menschlichen Lebens, bedeutet“, schrieb Aupetit. „Mit diesem Gesetz werden rote Linien der Ethik überschritten“, äußerte der LR-Abgeordnete Patrick Hetzel. „Tiere werden bei uns fortan besser geschützt als menschliche Embryonen“, kritisierte Hetzel. In Frankreich hat der Nationale Ethikrat 1984 einen Embryo als „potentielles menschliches Wesen“ definiert. Anders als in Deutschland wird er aber nicht als Person angesehen, die durch das Prinzip der Würde geschützt wird. Seit langem fordern französische Juristen, den Rechtsstatus des menschlichen Embryos genau zu definieren.

          Das neue Gesetz setzt fortan eine Frist von 14 Tagen, nach der ein durch künstliche Befruchtung entstandener Embryo zerstört werden muss, wenn er nicht eingepflanzt wurde. Bisher war diese Frist nicht gesetzlich festgelegt, da es bis 2016 technisch nicht möglich war, Embryonen länger als sieben Tage im Labor zu entwickeln. In der Stammzellenforschung soll in Zukunft eine einfache Mitteilung an die Agentur für Biomedizin über ein geplantes Forschungsvorhaben reichen. Bislang nahm der Bewilligungsprozess zwischen zwölf bis achtzehn Monaten in Anspruch. Stammzellenforschung soll damit erleichtert werden, dass die Bewilligungsverfahren beschleunigt werden. Wissenschaftler hatten dies in den vorangegangenen Konsultationen gefordert.

          Leihmutterschaft bleibt verboten

          In Frankreich werden die Gesetze für Bioethik alle sieben Jahre überarbeitet. Das neue Gesetz erlaubt es Frauen, ihre Eizellen einfrieren zu lassen, um sie später künstlich befruchten zu lassen. Die Kosten werden von allen Beitragszahlern der staatlichen Krankenversicherung getragen. Bislang war die Eizellen-Behandlung nur in Ausnahmefällen wie bei Krebsbehandlungen erlaubt, welche die Fruchtbarkeit bedrohten. Darüber hinaus gibt das Gesetz Kindern, die mit Spendersamen gezeugt wurden, das Recht, als Erwachsene die Identität ihres Vaters zu erfragen. Bisher garantierte Frankreich den Spendern Anonymität. Mit ihrer Einwilligung kann diese Anonymität aufgehoben werden.

          Verboten bleibt indes die Leihmutterschaft. Auf diese Weise im Ausland gezeugte Kinder können aber unter Auflagen erstmals von den Behörden anerkannt werden. Auch das formelle Verbot zur Schaffung von Chimärenwesen entfällt in Frankreich künftig. Experimente, in denen Zellgewebe oder Organe von verschiedenen Organismen gemischt werden, werden zu Forschungszwecken erlaubt.

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