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Neue Führung der Lega Nord : Wo die Parks noch Bänke haben

  • -Aktualisiert am

Verbündete: Flavio Tosi (li.) und Roberto Maroni in Verona Bild: Augusto Casasoli/A3/contrasto/la

Seit dem Wochenende wird die separatistische Lega Nord von Roberto Maroni geführt. Sein Programm steht für einen pragmatischen Kurs - wie Flavio Tosi, der Bürgermeister von Verona.

          Unter den breiten Schirmen auf der Piazza delle Erbe im Zentrum von Verona, wo im Schatten des mittelalterlichen Lamberti-Turms Gemüse, Obst, Lederwaren und Souvenirs verkauft werden, ist an diesem Wochenanfang die große politische Wende im Norden Italiens kein Thema. Denn die Stadt am Adige (an der Etsch) wird mit Flavio Tosi schon seit 2007 von einem pragmatischen Lega-Nord-Politiker regiert. Dagegen beschloss die Gesamtpartei erst jetzt die Wende hin zu Tosis Kurs: Am Sonntag haben in Mailand 614 Parteiaktivisten aus den „Nationen“ Piemont, Lombardei und Venetien mit nur einer Gegenstimme einen Vertrauten Tosis zum neuen Parteivorsitzenden gewählt. Roberto Maroni, der 57 Jahre alte frühere Innenminister im Kabinett von Silvio Berlusconi, löst den charismatischen Stammvater der Lega, Umberto Bossi, ab, der die Partei seit 1989 gelenkt hatte.

          Vor den Kommunalwahlen im Mai hatte Bossi ein letztes politisches Gefecht verloren - Tosis wegen. Der 1941 geborene Parteivater Bossi, der zumindest nach seinen Worten „Padania“, die Poebene, von Italien ablösen, die Trikolore „ins Klo spülen“ und die norditalienischen Dialekte zu Unterrichtssprachen erheben wollte, versuchte in Verona, eine „Tosi-Liste“ zu verhindern und drohte dem Bürgermeister sogar mit Parteiausschluss. Doch Bossi unterlag dem 43 Jahre alten Tosi, der schon bei den Wahlen 2007 über 60 Prozent der Stimmen bekommen hatte und im Mai wieder ähnlich triumphal die gut 260.000 Einwohner zählende Stadt für sich gewann. Roberto Maroni hatte Tosi dabei unterstützt, auf seiner Liste auch christlich-demokratisch orientierte Bürger aufzunehmen und zu zeigen, dass die Lega Nord integriere und nicht spalte. „Schon seit April, seitdem ich meine Liste durchsetzen konnte, war klar, dass Bossi die Führung entgleitet“, sagt Flavio Tosi. „Ich bin Bossi verbunden - er ist der Vater der Bewegung, aber seine Zeit ist um.“

          „Offenheit ist das Rezept des Wohlstands“

          Maurizio Battista, der langjährige Chef der Veroneser Zeitung „L’Arena“, der aus demselben Arbeiterviertel wie Tosi stammt, sagt, seit Jahren habe es zwei „Formen“ der Lega Nord gegeben. Bossi habe die Führung der Partei innegehabt, weil er ein populistisches Programm vertreten habe, auf das sich der „Stammtisch“ ganz Norditaliens habe einigen können - das sei die erste Ausprägung der Lega. Doch seien unter Bossis Führung Vertreter einer zweiten herangewachsen. Bossi habe Leute wie Tosi zunächst als politische Ziehkinder gesehen und ihnen zum Sieg verholfen, bis sie ihm gefährlich wurden. Doch gab es in Verona nie „Bürgerwehren“ gegen Ausländer, wie sie Bossi vor drei Jahren erfand; auch wurden die Bänke in den Parks der Stadt nicht abgebaut, um zu verhindern, dass Migranten darauf schlafen, wie dies in Treviso geschah (sie bekamen aber Armlehnen, so dass man sich schlechter darauflegen kann). „Offenheit ist das Rezept des Wohlstands in Verona. Ausländer können sich leicht hier integrieren, wenn sie die Gesetze einhalten“, sagt der Journalist Battista.

          Er würdigt Tosi als einen der Lega-Bürgermeister, die „das Mögliche möglich machen wollen“. Dabei sei Tosi Lega-„Urgestein“. „Schon als Jugendlicher war er wie seine Schwester in der Lega aktiv. Darum auch konnte Bossi letztlich wenig gegen ihn tun. Vor allem aber bewahrte ihn sein Erfolg davor, von Bossi gestürzt zu werden“, sagt Battista. Tosi selbst bringt das auf die Formel: „Ich war und bin ein Mann der Lega, und das kann mir keiner nehmen.“ Als im April die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Korruption gegen Bossis Familie und sein enges Umfeld aufnahm, war die Zeit von Maroni und Tosi gekommen. Sie sollen die Partei wieder nach vorne bringen. Denn die Lega, die einst um die 20 Prozent der Wählerstimmen erhielt, liegt jetzt im Schnitt unter zehn Prozent - außer etwa in Verona.

          Ein Bündnis mit Grenzen

          Doch hat auch das Bündnis von Tosi und Maroni seine Grenzen. In Mailand äußerte sich der neue Parteivorsitzende bekümmert darüber, dass viele Lega-Bürgermeister gegen den Kurs der Partei dafür einträten, die Grundsteuern zu zahlen, die die Regierung von Mario Monti wieder gesetzlich verankerte, nachdem die Berlusconi-Bossi-Koalition die Steuer 2008 abgeschafft hatte. Im Rathaus von Verona sagt dazu eine Sprecherin, ein Teil der Steuer komme schließlich der Gemeinde zugute. Da verbiete sich doch Totalopposition aus ideologischen Gründen. Maroni will die Opposition gegen Monti fortsetzen. Das aber wollen Bürgermeister wie Tosi nur, wenn es ihren Kommunen nützt. „Die Interessen der Stadt sind für mich das Wichtigste“, sagt Tosi.

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