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Proteste in Russland : Unerschrocken gegen Putin

Sicherheitskräfte nehmen eine junge Demonstrantin fest. Bild: EPA

Die Massenproteste in zahlreichen russischen Städten haben den Kreml völlig unvorbereitet getroffen. Er hat die Mobilisierungskraft des Oppositionellen Nawalnyj und den Frust der Jugend unterschätzt.

          Es dauerte bis weit in den Abend, bis klar wurde, was da am Sonntag in Russland eigentlich passiert war. Bis Zahlen aus dem ganzen Land zusammengetragen waren und auf die Überraschung erste Analysen folgten. So unwahrscheinlich erschien jede einzelne Komponente der Protestaktionen: Zigtausende, vor allem junge Leute, demonstrieren im ganzen Land, in Dutzenden Städten gegen Korruption und die herrschende Elite. Der Radiosender Echo Moskwy schätzte, dass an 82 Protestaktionen im ganzen Land, von denen nur 21 erlaubt waren, insgesamt rund 60.000 Menschen teilgenommen hätten. In Moskau sollen es nach Angaben der Stiftung zum Kampf gegen Korruption des Oppositionellen Alexej Nawalnyj, der zu den Aktionen aufgerufen hatte, bis zu 30.000 Teilnehmer, nach Behördenangaben bis zu 8000 gewesen sein. In Sankt Petersburg sollen es offiziell 3000, tatsächlich mindestens 10.000 gewesen sein. 2500 in Nowosibirsk, jeweils 1000 in Krasnojarsk und Wladiwostok, 800 in Wolgograd, 250 in Barnaul und so weiter. Ein „einheitlicher Tag des Protests“, hieß es in Anspielung auf die Behördenformel für zusammengelegte Wahltermine.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          So groß war der Zulauf, dass an die jüngste große Protestwelle der Jahre 2011 und 2012 erinnert wurde. Sie hatte sich an der Fälschung einer Duma-Wahl entzündet und endete mit der brutalen Auflösung der Demonstration auf dem Moskauer Bolotnaja-Platz am 6. Mai 2012, dem Vorabend von Wladimir Putins jüngster Einführung ins Präsidentenamt. Viele der Demonstranten, die nun am Sonntag auf die Straßen gingen, waren damals noch zu jung, um überhaupt eine Teilnahme zu erwägen; womöglich waren sie auch jetzt noch zu jung, um schon Angst zu haben vor den Folgen, die Protest in Russland haben kann: Scherereien, Schläge, Haft.

          Leichtes Opfer der Kreml-Propaganda

          Die Arglosigkeit und Zuversicht, die halbstarke Chuzpe und die Ironie der in der Mehrzahl jungen, ja jugendlichen Teilnehmer prägten den Protest. In dessen Moskauer Zentrum, dem Puschkin-Platz, knipsten die jungen Leute einander und sich selbst vor der Statue des Nationaldichters und vor den immer weiter verstärkten Sondereinsatzkräften in martialischer Montur. Ein Abenteuer an einem der ersten schönen Frühlingstage. „Instagram-Protest“, scherzte jemand. „Freiheit für Puschkin!“, skandierte die Menge, als die Sicherheitsleute Demonstranten vom Sockel des Denkmals vertrieben. „Wir sind hier die Macht!“, rief eine Gruppe junger Männer, die, als Putin an die Macht kam, höchstens im Krabbelalter waren. Bald darauf begannen die Festnahmen, teils unter Einsatz von Schlagstöcken. Allein in Moskau wurden nach Angaben von Aktivisten 1030 Personen wegen Teilnahme an der nicht genehmigten Protestaktion in Arrestbusse bugsiert und fortgebracht. Das waren weit mehr als 2012 auf dem Bolotnaja-Platz. Viele von ihnen sind Schüler wie ein 16 Jahre alter Junge in Flecktarnjacke. Einem Reporter erzählte er in einem Arrestbus, er sei gekommen, weil er „gegen Korruption“ sei, und habe eine kleine russische Flagge geschwenkt, als sich die Sicherheitskräfte auf ihn geworfen hätten. Solche Zitate gab es viele, und ein ähnliches Bild wurde aus anderen russischen Städten gemeldet.

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