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Israel : Neue Corona-Welle zu Schulbeginn

Grundschüler an ihrem ersten Schultag in Jerusalem, 1. September 2021 Bild: EPA

Israel galt lange als Vorbild in der Corona-Pandemie. Doch zu Beginn des neuen Schuljahres ist die Zahl der Neuinfektionen so hoch wie nie zuvor. Woran liegt das?

          3 Min.

          Für zweieinhalb Millionen Kinder hat in Israel am Mittwoch nach den Sommerferien wieder die Schule begonnen. Gleichzeitig liegt die Zahl der zuletzt gemeldeten Neuinfektionen im Land bei täglich mehr als zehntausend. Örtliche Medien sprachen von einem Spiel mit hohem Risiko.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Der Generaldirektor des Gesundheitsministeriums wies dies zurück. Zwar erwarte auch er einen vorübergehenden Anstieg der Infektionszahlen durch den Schulbeginn, so Nachman Ash. Doch will die Regierung die Wirtschaft und das Schulsystem offen halten. Ministerpräsident Naftali Bennett sprach am Mittwoch von zwei Millionen durchgeführten Corona-Tests vor Schulbeginn.

          Eine viertel Million Schüler startet mit Home Schooling

          Das Bildungsministerium hatte den Eltern schulpflichtiger Kinder unter zwölf Jahren einen Schnelltest nach Hause geschickt, um vor dem ersten Unterrichtsbeginn nur negativ getestete Schüler in der Klasse zu haben. Für Kinder ab zwölf Jahren und Lehrkräfte wiederum gilt der Grüne Pass, eine Bescheinigung für Geimpfte und Genesene.

          In den derzeit mehr als fünfzig Gemeinden mit hohen Infektionszahlen dürfen Schulen der Klassenstufen acht bis zwölf nur dann öffnen, wenn mindestens siebzig Prozent der Schüler mindestens einmal geimpft sind. Ab dem 30. September muss man dann mindestens zweifach geimpft sein. Etwa 250.000 Schüler begannen das Schuljahr deshalb in Quarantäne im Fernunterricht.

          Listen mit ungeimpften Lehrern

          Lehrer dürfen fortan ihren Arbeitsplatz nur betreten, wenn sie geimpft, genesen oder vor höchstens 72 Stunden auf eigene Kosten negativ getestet worden sind. Berichten zufolge hat das Bildungsministerium bereits Listen anfertigen lassen mit Lehrern, die sich nicht haben impfen lassen. Das sollen rund zehn Prozent sein. Bildungsministerin Jifat Schascha-Biton sprach von 18.000 Lehrern, die sich nicht haben impfen lassen.

          Ein knappes halbes Jahr lang gab es in Israel angesichts gesunkener Infektionsraten im Frühjahr nur noch wenige Einschränkungen. Doch seit einigen Tagen sind die Zahlen der täglich neu Infizierten so hoch wie noch nie während der Pandemie. Über die Gründe herrscht in der Öffentlichkeit Uneinigkeit, meist werden drei genannt.

          Zu viel Freiheit?

          In Israel waren nach den ersten Impferfolgen die Maskenpflicht und Versammlungsbeschränkungen aufgehoben worden. Hallenkonzerte fanden wieder statt, und auch der Grüne Pass wurde nicht mehr eingesetzt. „Das war ein Fehler“, sagt die Professorin für Öffentliche Gesundheit Nihaya Daoud von der Ben-Gurion-Universität in Beerscheva. „Die Leute bekamen den Eindruck, sie seien jetzt frei.“

          In diesen Zeitraum vermeintlicher Freiheit fiel dann die Ankunft der weit infektiöseren Delta-Variante, die aus dem Ausland zurückgekehrte Israelis mitgebracht hatten. Während Virologen vermuteten, dass sich ab einer Impfquote von sechzig Prozent die Bevölkerung einer Herdenimmunität bei der Alpha-Variante angenähert habe, traf das auf die aggressivere Delta-Variante nicht mehr zu.

          Dritte Impfung als Lösung

          Im Gesundheitsministerium in Jerusalem wurden die hohen Infektionszahlen zuletzt auch auf die nachlassende Wirkung der in Israel schon seit Jahresbeginn verimpften Pfizer/BioNTech-Vakzine zurückgeführt. Die Behörden versuchten dies mit vorläufigen Beobachtungsstudien zu belegen.

          Als Mittel der Wahl propagiert die Regierung deshalb vor allem die Auffrischungsimpfung, also eine dritte Dosis. Ende Juli hatten die Behörden mit Auffrischungsimpfungen begonnen, wenn die Zweitimpfung mindestens fünf Monate zurückliegt. Mittlerweile sind dazu alle Israelis ab zwölf Jahren berechtigt. Mehr als zwei Millionen haben sich bisher dreifach impfen lassen. So will die Regierung einen weiteren Lockdown vermeiden.

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          Nach Angaben des Bioinformatikers Eran Segal hatte sich die Zahl der schwer erkrankten Hospitalisierten 45 Tage lang alle zehn Tage verdoppelt. Doch dieser exponentielle Anstieg sei zwei Wochen nach Beginn der Auffrischungsimpfungen jetzt gestoppt worden. Am Montag waren die Hälfte der neu gemeldeten Infizierten Schüler oder Schulangestellte.

          Dies liegt nach Angaben Segals nicht zuletzt auch an den massenhaften Tests, die derzeit durchgeführt werden. Auf Panik deutet in Israel bislang wenig. Die Reproduktionsrate sinkt und liegt bei derzeit 1,09. Die Zahl der Hospitalisierungen schwer Erkrankter ist auf 689 gesunken. Gleichwohl kamen zuletzt 7,6 Prozent der Tests positiv zurück.

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