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Abgeschotteter Bundesstaat : Die neue Virus-Angst in Australien

Eine Frau bei einem Drive-In-Corona-Test Ende Mai in Melbourne. Bild: dpa

„Down Under“ schien die Lage schon im Griff zu haben. Nun gibt es in Victoria mehrere neue Covid-19-Infektionen. Ein Nachbar-Bundesstaat hat die Grenze geschlossen. Und in Melbourne stehen Blöcke mit Sozialwohnungen unter Lockdown.

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          Eigentlich wollte Australien bis Ende Juli alle Lockdown-Maßnahmen beenden. Doch nun muss „Down Under“ mit einem Wiederaufflammen der Infektionen kämpfen. Der Schwerpunkt der Ausbreitung ist Victoria mit seiner Hauptstadt Melbourne, wo am Montag 127 neue Fälle registriert worden waren, der höchste Zuwachs in dem Bundesstaat seit Beginn der Pandemie. Landesweit waren es 140 Fälle. Aufgrund dieser Entwicklung werden nun erstmals wieder inländische Grenzen geschlossen.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          So wurde am Montag verkündet, dass der Bundesstaat New South Wales von Mittwoch an keine Menschen mehr aus dem Nachbarstaat Victoria hineinlassen wird. Nur in Ausnahmefällen sind Flüge und Zugreisen erlaubt, wie die Ministerpräsidentin von New South Wales, Gladys Berejiklian mitteilte. Bewohner aus New South Wales, die aus Victoria zurückkehren, müssen für zwei Wochen in Quarantäne.

          Komplette Metropole in den Lockdown?

          Auf die Grenzschließung hatten sich Berejiklian, der Ministerpräsident von Victoria, Daniel Andrews, und der australische Premierminister Scott Morrison geeinigt. Die Zunahme der Fälle in Victoria bereitet den Behörden große Sorgen, weil sie auf Infektionen in der Bevölkerung zurückgeht und nicht wie in den anderen Bundesstaaten auf aus dem Ausland zurückkehrende Reisende. So hatte Victoria schon am Samstag neun Wohnblöcke mit Sozialwohnungen unter einem „harten Lockdown“ abgeschottet, nachdem dort ein starker Anstieg der Infektionen festgestellt worden war. Nach Angaben von Ministerpräsident Andrews leben in diese Wohnblöcken mehr als 3000 Menschen. Die Maßnahme soll vorerst für fünf Tage gelten, könnte aber auf zwei Wochen verlängert werden. In dieser Zeit sollen alle Bewohner auf Covid-19 getestet werden.

          Andrews wies die Darstellung von sich, seine Regierung habe im Kampf gegen das Virus die Kontrolle verloren. Er schloss nicht aus, dass die gesamte Metropole Melbourne mit knapp fünf Millionen Einwohnern in den Lockdown geschickt werden könnte, erteilte aber derartigen Spekulationen vorerst eine Absage. Einem Behördenvertreter zufolge sind die engen Wohnverhältnisse in den Sozialwohnblöcken einer der Gründe für die rasche Ausbreitung des Virus. Es wächst die Sorge, dass sich dort Hunderte Bewohner angesteckt haben könnten, auch wenn sie noch keine Symptome zeigten. Der Ministerpräsident sprach von der größten Herausforderung seit Beginn der Pandemie in dem Bundesstaat. „Es ist auch eine Gruppe von Menschen, unter denen einige zu den Verletzlichsten in Victoria gehören“, sagte Andrews.

          Die Sozialbauten stehen in den Vororten Flemington und North Melbourne. Die dortigen Bewohner, darunter viele ehemalige Flüchtlinge, waren von dem Lockdown überrascht worden. Für Kritik sorgte die massive Polizeipräsenz, mit der die Maßnahme nun durchgesetzt wird. Manche Anwohner berichteten, sie fühlten sich eingesperrt wie in einem Gefängnis. Zudem beschwerten sich Bewohner, sie hätten keine Zeit gehabt, sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Die von Behörden verteilten Essenspakete erreichten einige Familien offenbar erst mit Verspätung. Zudem sorgte für Kritik, dass auch Wohnblöcke präventiv abgeschottet wurden, in denen bisher noch keine Ansteckungen festgestellt worden waren. Ein Anwohner bezeichnete dies gegenüber der australischen Presse als „diskriminierend“.

          Paul Kelly von der australischen Gesundheitsbehörde stützte dagegen die Entscheidung der Regionalregierung. Er bezeichnete die Wohnblöcke mit Hinblick auf das Ausbreitungspotential für das Virus als „vertikale Kreuzfahrtschiffe“. In Australien klingeln bei einem solchen Vergleich die Alarmglocken, weil einige der größten Ausbrüche des neuartigen Coronavirus in Zusammenhang mit Kreuzfahrtschiffen aufgetreten waren.

          Als eine der Hauptquelle in Victoria gilt allerdings mittlerweile ein Quarantänehotel, in dem das Sicherheitspersonal nicht die Abstandsregeln eingehalten hatte. Die Wohnblöcke in Flemington und North Melbourne sind auch nicht die einzigen Orte, an denen nun erhöhte Vorkehrungen gelten. So wurden über ein Dutzend Vororte der Metropole Melbourne abermals Ausgangssperren verhängt. Demnach dürfen die Bewohner dort ihr Haus oder ihre Wohnung nur unter triftigen Gründen verlassen.

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