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Nawalnyjs Vergiftung : Was geschah in Zimmer 239?

Zwei Wasserflaschen in Nawalnyjs Hotelzimmer sind auf einem auf Instagram veröffentlichten Video markiert. Bild: Reuters

Die Flasche, auf der Nowitschok festgestellt wurde, soll aus Nawalnyjs Tomsker Hotelzimmer stammen. Sein Team hat sie nach eigenen Angaben dort gesichert. Das Ergebnis sind neue Details zum vermutlichen Tathergang.

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          Nach der Vergiftung von Aleksej Nawalnyj, dem wichtigsten Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin, reißen die Fragen an Moskau nicht ab. Obwohl der russische Machtapparat eifrig bemüht ist, Zweifel zu säen: an der Vergiftung selbst; an einem Motiv des Regimes; an der Berliner Charité, in der Nawalnyj behandelt wird. Gerade erst hat Russlands Vertretung bei der Europäischen Union versucht, solche Zweifel zu bündeln, und eine Liste von neun „Fragen“ zur „Situation mit A. Nawalnyj“ veröffentlicht. Die achte Frage betrifft „die Geschichte mit einer ,Wasserflasche', auf der angeblich Giftspuren gefunden wurden“. Die Zeitschrift „Spiegel“ hat berichtet, das Münchner Bundeswehrinstitut für Pharmakologie und Toxikologie habe Spuren des verwendeten Gifts der Nowitschok-Gruppe „nicht nur im Blut, im Urin und in Hautproben“ Nawalnyjs gefunden, „sondern auch an einer Flasche, die er auf der Reise dabeigehabt hatte“. Nawalnyj habe vermutlich „aus der Flasche getrunken, als er bereits vergiftet war, und so die Spuren des Giftes dort hinterlassen“.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Nun schrieb Russlands Vertretung in Brüssel über die Flasche: „Auf keiner Videoüberwachungskamera oder Fotografie ist festgehalten, dass A. Nawalnyj aus ihr am Flughafen Tomsk vor dem Abflug trank. Wenn er doch vorher oder an Bord des Flugzeugs, das nach Moskau abflog, Wasser aus dieser Flasche trank, wie ist die Flasche dann nach Berlin gelangt?“ Darauf gaben Nawalnyjs „Stiftung zum Kampf gegen Korruption“ (FBK) und Journalisten des russischen Portals „Projekt“ am Donnerstag Antworten, die den Verdacht gegen die russischen Machthaber erhärten. Demnach stammt die Flasche, an der das deutsche Labor Nowitschok-Spuren fand – und darin von Fachleuten in Frankreich und Schweden bestätigt worden ist – aus dem Hotelzimmer, in dem Nawalnyj während seines Aufenthalts im sibirischen Tomsk wohnte.

          Der Politiker traf schon vergiftet am Flughafen von Tomsk ein

          Der Politiker war den Berichten zufolge schon vergiftet, als er am Flughafen eintraf und an Bord des Flugzeugs ging. Die Vermutung, das Gift sei in einem von Nawalnyj am Flughafen getrunkenen Tee gewesen, ist passé. Doch muss weiter als sicher gelten, dass der Politiker ohne den Mut der Piloten des Linienflugs der Gesellschaft S7, die nach seinem Kollaps trotz einer Bombendrohung in Omsk zwischenlandeten, an Bord gestorben wäre.

          Nawalnyj hatte in Tomsk an einem seiner Youtube-Filme über den örtlichen Filz von Geld und Macht gearbeitet. Nach dem Abflug Nawalnyjs, dessen Sprecherin und eines Assistenten am Morgen des 20. August blieben laut „Projekt“ vier FBK-Mitarbeiter im Tomsker Hotel „Xander“ zurück und frühstückten gerade dort, als aus Omsk die Nachricht von der vermutlichen Vergiftung Nawalnyjs kam. Dann sei, so schrieben Nawalnyjs Leute auf dessen Instagram-Seite, „das einzig Mögliche getan“ worden: Man habe einen Anwalt gerufen, sei in das Zimmer des Hotels gegangen, das Nawalnyj vor kurzem verlassen hatte. Es war laut „Projekt“ die Nummer 239. Dort sei noch nicht aufgeräumt gewesen.

          „Alles, was sie dort gefunden haben, wurde fixiert, beschrieben und eingepackt“, teilten Nawalnyjs Leute mit, und zwar mit Handschuhen und in blaue Plastiktüten: Das zeigt ein Video zum Geschehen an jenem Morgen. Man sieht darin insgesamt drei kleine Plastikflaschen der Marke „Heilige Quelle“, wie sie in russischen Hotels häufig bereitstehen, denn das Leitungswasser trinkt man eher nicht. Man hört auch eine Hotelangestellte, die sagt, wenn die Gruppe etwas mitnehmen wolle, gehe das „nur über die Polizei“, das habe der Hoteldirektor gesagt. „Dieser Forderung können wir leider nicht nachkommen“, ist die Antwort.

          Nawalnyjs Leuten war von Anfang an klar, dass es in Russland keine Ermittlungen zu dem Fall geben werde, sondern nur Versionen wie die einer „Überhitzung“ oder einer Stoffwechselstörung. Daher habe man alles eingesammelt, was von Interesse sein könnte. Auf einer Flasche aus dem Hotel habe das deutsche Labor dann Spuren von Nowitschok festgestellt, schrieben Nawalnyjs Leute – ließen aber offen, wie die Flasche nach Deutschland gelangte.

          Der russische Oppositionspolitiker Aleksej Nawalnyj und seine Frau Julija in einem auf Instagram veröffentlichten Foto aus der Berliner Charité
          Der russische Oppositionspolitiker Aleksej Nawalnyj und seine Frau Julija in einem auf Instagram veröffentlichten Foto aus der Berliner Charité : Bild: AP

          Die Frau des Politikers, Julija Nawalnaja, kam mit ihrem Mann aus Omsk im Rettungsflugzeug am 22. August nach Berlin. Die deutsche Stiftung Cinema for Peace hatte das Flugzeug organisiert. Der Gründer der Stiftung, Jaka Bizilj, sagte nun der „Bild“-Zeitung: „Die Wasserflaschen, um die es jetzt geht, wurden im deutschen Rettungsflieger transportiert.“ Darum habe ihn Nawalnyjs Stab gebeten.

          Es gilt aber weiter die schon von den Bundeswehrfachleuten geäußerte Vermutung, dass das Gift nicht in der Wasserflasche war. So legte einer der Nowitschok-Entwickler, Wladimir Ugljew, gegenüber „Projekt“ dar, hätte Nawalnyj das Gift geschluckt, hätte er nach wenigen Minuten stärkste Krämpfe bekommen. Das Gift sei vermutlich über die Haut, über Kontakt mit einer kontaminierten Oberfläche wie Kleidung, in Nawalnyjs Organismus gelangt. Doch die Kleidung, die Nawalnyj im Flugzeug trug, blieb laut „Projekt“ in Omsk zurück; Sicherheitskräfte wollten demnach auch den Koffer Nawalnyjs behalten, doch Julija Nawalnaja habe ihn „erkämpft“.

          Die Videoüberwachung des Hotels könnte Aufschluss geben

          So richten sich die Blicke auf das Geschehen im Zimmer 239 am und vor dem Morgen des 20. August – und damit auf die Videoüberwachung des Hotels „Xander“. Laut „Projekt“ zeichneten zwei Kameras des Hotels das Geschehen vor dem Zimmer auf. Die Transportpolizei hat sogar mitgeteilt, dass Videoaufnahmen studiert worden seien – welche, blieb aber offen. Die Sicherheitskräfte haben aber laut „Projekt“ alle Server des Überwachungssystems und die Zugangstechnik beschlagnahmt.

          Demnach könnten die Sicherheitskräfte prüfen, wer wann in Nawalnyjs Zimmer ging. Das überrascht nicht: Als der Oppositionelle noch in Omsk im Koma lag, hat eine Moskauer Zeitung unter Berufung auf den Sicherheitsapparat nachgezeichnet, wie umfassend Nawalnyj in Sibirien überwacht worden war, bis hin zu der Information, der Politiker habe „nicht in dem Zimmer übernachtet, in das er eingecheckt hatte“.

          Wie „total“ die Beschattung Nawalnyjs durch den Geheimdienst FSB auch sonst ist, zeichnet eine am Donnerstag veröffentlichte Recherche des russischen Investigativjournalisten Roman Anin nach. Demnach sind seit mehr als zehn Jahren mehrere FSB-Abteilungen mit Nawalnyj befasst. Das Interesse begann demnach schon, als Nawalnyj in den Jahren 2008 bis 2010 kleine Anteile an staatlich kontrollierten Konzernen erwarb, sich Auskünfte erkämpfte und über Korruption etwa bei Gasprom und Rosneft in einem Blog berichtete. Anin beruft sich auf Akten aus diversen gegen Nawalnyj angestrengten Prozessen sowie auf frühere Mitglieder des Sicherheitsapparats, die mit der Verfolgung Nawalnyjs befasst gewesen seien. Dafür seien in den vergangenen zehn Jahren mehr Kräfte und Mittel aufgebracht worden als für die Jagd nach den gefährlichsten Terroristen, schreibt Anin.

          Statt um Aufklärung geht es um Verwirrung

          Statt um Aufklärung geht es um Verwirrung. So auch über Märchen über Marija Pewtschich, eine junge Russin aus Nawalnyjs Team, die in Großbritannien wohnt, in Sibirien dabei war und nach Nawalnyjs Abreise in Tomsk blieb. Russische Sicherheitsbehörden behaupten, Pewtschich habe in den russischen Vorermittlungen (die nicht mit formell eröffneten Strafermittlungen zu verwechseln sind) zur „Situation“, die kein Fall sein soll, der Transportpolizei eine Aussage verweigert. Doch hat Pewtschich mitgeteilt, die (Vor-)Ermittler hätten sie gar nicht kontaktiert. Es geht um Ablenkung: Seit Anfang September behaupten kremlnahe Medien und Telegram-Kanäle belegfrei, Pewtschich habe ein Verhältnis mit Nawalnyj und ihn womöglich vergiftet (was nicht zur offiziellen Darstellung passt, es gebe „keinen Anlass“ für Ermittlungen).

          Laut Anin befassten sich die FSB-Abteilungen, die gegen Nawalnyj arbeiten, gezielt mit der Verfolgung von „Feinden des Kremls“. Die „spezifische Arbeit“ der auf Nawalnyj angesetzten FSB-Abteilungen und der Status des Politikers deuteten darauf hin, dass die Vergiftung nur durch Putin selbst gebilligt worden sein könne, folgert Anin. „Die Namen der Ausführenden und der Organisatoren dieses Verbrechens müssen den FSB-Offizieren gut bekannt sein, die tagtäglich jeden Schritt Nawalnyjs, seiner Kinder, Frau, Freunde und Kollegen verfolgen.“

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