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Nawalnyjs Vergiftung : Was geschah in Zimmer 239?

Der russische Oppositionspolitiker Aleksej Nawalnyj und seine Frau Julija in einem auf Instagram veröffentlichten Foto aus der Berliner Charité
Der russische Oppositionspolitiker Aleksej Nawalnyj und seine Frau Julija in einem auf Instagram veröffentlichten Foto aus der Berliner Charité : Bild: AP

Die Frau des Politikers, Julija Nawalnaja, kam mit ihrem Mann aus Omsk im Rettungsflugzeug am 22. August nach Berlin. Die deutsche Stiftung Cinema for Peace hatte das Flugzeug organisiert. Der Gründer der Stiftung, Jaka Bizilj, sagte nun der „Bild“-Zeitung: „Die Wasserflaschen, um die es jetzt geht, wurden im deutschen Rettungsflieger transportiert.“ Darum habe ihn Nawalnyjs Stab gebeten.

Es gilt aber weiter die schon von den Bundeswehrfachleuten geäußerte Vermutung, dass das Gift nicht in der Wasserflasche war. So legte einer der Nowitschok-Entwickler, Wladimir Ugljew, gegenüber „Projekt“ dar, hätte Nawalnyj das Gift geschluckt, hätte er nach wenigen Minuten stärkste Krämpfe bekommen. Das Gift sei vermutlich über die Haut, über Kontakt mit einer kontaminierten Oberfläche wie Kleidung, in Nawalnyjs Organismus gelangt. Doch die Kleidung, die Nawalnyj im Flugzeug trug, blieb laut „Projekt“ in Omsk zurück; Sicherheitskräfte wollten demnach auch den Koffer Nawalnyjs behalten, doch Julija Nawalnaja habe ihn „erkämpft“.

Die Videoüberwachung des Hotels könnte Aufschluss geben

So richten sich die Blicke auf das Geschehen im Zimmer 239 am und vor dem Morgen des 20. August – und damit auf die Videoüberwachung des Hotels „Xander“. Laut „Projekt“ zeichneten zwei Kameras des Hotels das Geschehen vor dem Zimmer auf. Die Transportpolizei hat sogar mitgeteilt, dass Videoaufnahmen studiert worden seien – welche, blieb aber offen. Die Sicherheitskräfte haben aber laut „Projekt“ alle Server des Überwachungssystems und die Zugangstechnik beschlagnahmt.

Demnach könnten die Sicherheitskräfte prüfen, wer wann in Nawalnyjs Zimmer ging. Das überrascht nicht: Als der Oppositionelle noch in Omsk im Koma lag, hat eine Moskauer Zeitung unter Berufung auf den Sicherheitsapparat nachgezeichnet, wie umfassend Nawalnyj in Sibirien überwacht worden war, bis hin zu der Information, der Politiker habe „nicht in dem Zimmer übernachtet, in das er eingecheckt hatte“.

Wie „total“ die Beschattung Nawalnyjs durch den Geheimdienst FSB auch sonst ist, zeichnet eine am Donnerstag veröffentlichte Recherche des russischen Investigativjournalisten Roman Anin nach. Demnach sind seit mehr als zehn Jahren mehrere FSB-Abteilungen mit Nawalnyj befasst. Das Interesse begann demnach schon, als Nawalnyj in den Jahren 2008 bis 2010 kleine Anteile an staatlich kontrollierten Konzernen erwarb, sich Auskünfte erkämpfte und über Korruption etwa bei Gasprom und Rosneft in einem Blog berichtete. Anin beruft sich auf Akten aus diversen gegen Nawalnyj angestrengten Prozessen sowie auf frühere Mitglieder des Sicherheitsapparats, die mit der Verfolgung Nawalnyjs befasst gewesen seien. Dafür seien in den vergangenen zehn Jahren mehr Kräfte und Mittel aufgebracht worden als für die Jagd nach den gefährlichsten Terroristen, schreibt Anin.

Statt um Aufklärung geht es um Verwirrung

Statt um Aufklärung geht es um Verwirrung. So auch über Märchen über Marija Pewtschich, eine junge Russin aus Nawalnyjs Team, die in Großbritannien wohnt, in Sibirien dabei war und nach Nawalnyjs Abreise in Tomsk blieb. Russische Sicherheitsbehörden behaupten, Pewtschich habe in den russischen Vorermittlungen (die nicht mit formell eröffneten Strafermittlungen zu verwechseln sind) zur „Situation“, die kein Fall sein soll, der Transportpolizei eine Aussage verweigert. Doch hat Pewtschich mitgeteilt, die (Vor-)Ermittler hätten sie gar nicht kontaktiert. Es geht um Ablenkung: Seit Anfang September behaupten kremlnahe Medien und Telegram-Kanäle belegfrei, Pewtschich habe ein Verhältnis mit Nawalnyj und ihn womöglich vergiftet (was nicht zur offiziellen Darstellung passt, es gebe „keinen Anlass“ für Ermittlungen).

Laut Anin befassten sich die FSB-Abteilungen, die gegen Nawalnyj arbeiten, gezielt mit der Verfolgung von „Feinden des Kremls“. Die „spezifische Arbeit“ der auf Nawalnyj angesetzten FSB-Abteilungen und der Status des Politikers deuteten darauf hin, dass die Vergiftung nur durch Putin selbst gebilligt worden sein könne, folgert Anin. „Die Namen der Ausführenden und der Organisatoren dieses Verbrechens müssen den FSB-Offizieren gut bekannt sein, die tagtäglich jeden Schritt Nawalnyjs, seiner Kinder, Frau, Freunde und Kollegen verfolgen.“

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