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Giftanschlag auf Nawalnyj : Russland misstraut Diagnose der Charité

  • Aktualisiert am

Der russische Oppositionelle Alexej Nawalnyj im Februar dieses Jahres während eines Gedenkmarschs in Moskau Bild: dpa

Der Kreml zieht das Untersuchungs-Ergebnis der deutschen Ärzte im Fall des führenden Oppositionspolitikers Alexej Nawalnyj in Zweifel. Forderungen nach einer Aufklärung weist Russland zurück.

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          Im Fall des mutmaßlich vergifteten Kreml-Kritikers Alexej Nawalnyj hat der Kreml Unverständnis über die deutsche „Eile“ bei der Gift-Diagnose geäußert. Die russischen und die deutschen Ärzte seien bei ihren Untersuchungen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gekommen, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Dienstag. „Wir verstehen diese Eile der deutschen Kollegen nicht.“ Die Berliner Klinik Charité, wo der prominente Kritiker von Präsident Wladimir Putin behandelt wird, hatte am Montag erklärt, ihre bisherigen Befunde deuteten auf eine Vergiftung hin.

          Russland sieht trotz der ersten Erkenntnisse der Charité bislang keine Beweise für einen Giftanschlag auf den führenden Oppositionspolitiker. Die Diagnose der Berliner Universitätsklinik sei kein definitiver Beleg dafür, sagte Peskow. Nach Angaben der Charité deuten die ersten Untersuchungen auf eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin, die bei Nawalnyj gefunden wurde. Laut Charité wurde die Wirkung des Giftstoffes mehrfach in unabhängigen Laboren nachgewiesen. Um welche Substanz es sich handelt, war zunächst unklar.

          Nach Angaben von Peskow „stimmt die medizinische Analyse der deutschen Ärzte absolut mit unserer überein, aber die Schlussfolgerungen sind unterschiedlich“. Mit Blick auf die Mitteilung der Charité vom Vortag sagte Peskow: „Wir haben nichts Neues erfahren.“ Russische Ärzte seien aber bereit, Proben der ersten Analyse den Ärzten in Berlin zur Verfügung zu stellen. Es gebe viele Gründe, weshalb ein Cholinesterase-Wert sinken könne, sagte der Kremlsprecher. Eine Möglichkeit sie die Einnahme von Medikamenten. „Weder unsere noch die deutschen Ärzte konnten diesen Grund bisher feststellen.“

          Cholinesterasen sind körpereigene Enzyme, sie sind im Stoffwechsel unverzichtbar für den Abbau bestimmter Stoffe, insbesondere des Botenstoffs Acetylcholin im Gehirn. Sogenannte Cholinesterase-Hemmer blockieren dieses Enzym.

          Forderungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas, wonach die russischen Behörden den Vorfall um Nawalnyj untersuchen sollten, wies Sprecher Peskow zurück. Erst wenn die Charité die Substanz festgestellt habe, die für die Erkrankung Nawalnyjs verantwortlich sei, und es sich dabei um eine Vergiftung handele, gebe es einen Grund, Ermittlungen einzuleiten. Derzeit wisse man nur, dass Nawalnyj im Koma liege.

          Der deutsche Außenminister Maas erneuerte am Dienstag die Aufforderung an Moskau, die Umstände aufzuklären, die zur Vergiftung AAlexej Nawalnyjs führten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Der Anschlag auf ihn sei „ein schwerwiegender Vorgang“; auch aufgrund der Bedeutung, die Nawalnyj für die russische Opposition habe. Maas sagte, es sei im eigenen Interesse Moskaus, für Klarheit zu sorgen. Gerade auch gegenüber Deutschland täte Russland, nach dem Hacker-Angriff auf den Bundestag und der Ermordung eines Georgiers im Tiergarten, „gut daran, zu demonstrieren, dass es aus der Vergangenheit gelernt hat“.

          Nawalnyj war am Donnerstag auf einem Flug von Sibirien nach Moskau zusammengebrochen. Nach einer Notlandung in Omsk wurde er zunächst in einer Klinik dort behandelt, ehe er am Wochenende nach Berlin geflogen wurde.

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