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Nawalnyj in Berlin : Auf Schritt und Tritt überwacht

Nawalnyj wird am Samstag auf dem Berliner Flughafen Tegel von Bord des Flugzeugs gebracht. Bild: dpa

Erst durch großen Druck erreicht Nawalnyjs Familie seine Verlegung nach Deutschland. In der Berliner Charité hat man Erfahrung mit ähnlichen Fällen. Immer klarer wird, wie eng der Oppositionspolitiker auf seiner Reise durch Sibirien beschattet worden ist.

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          Seit Samstagmorgen richten sich die Hoffnungen vieler Russen, die um das Leben des Oppositionspolitikers Alexej Nawalnyj fürchten, nach Berlin, auf die Charité. Das Krankenhaus wird von Polizisten bewacht, als gelte es, einen Staatsgast zu schützen – und nicht einen Staatsfeind, als der Nawalnyj unter Präsident Wladimir Putins Herrschaft gilt. Das Spezialflugzeug landete im militärischen Teil des Flughafens Tegel. Der Patient, der seit dem vergangenen Donnerstag im Koma liegt, wurde dann im Krankenwagen, begleitet von Transportbussen der Polizei, in die Klinik gebracht. Es folgte eine Mitteilung der Charité über eine jetzt vorzunehmende umfassende Untersuchung, im Anschluss daran werde man in Absprache der Familie über weitere Schritte informieren.

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.
          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Das klingt für deutsche Ohren normal, ist aber ein enormer Bruch im Vergleich mit der Klinik im sibirischen Omsk, in die Nawalnyj nach dem außerplanmäßigen Stopp seines Flugs gebracht worden war. Nawalnyjs Mitstreiter und Familie vermuten, dass der Antikorruptionskämpfer auf dem Rückweg von Tomsk nach Moskau vergiftet worden ist, womöglich mit Gift in einem Tee, den Nawalnyj am Tomsker Flughafen trank. Seitens der Klinik, der Sicherheitskräfte unterschiedlicher Behörden in Uniform und Zivil in großer Zahl zur Seite standen, gab es widersprüchliche Informationen. Mal hieß es, man habe eine höchst giftige, im Interesse der Ermittlungen geheimzuhaltende Substanz bei Nawalnyj entdeckt. Bald darauf sollte es keine Vergiftung sein, sondern eine Stoffwechselstörung, womöglich hervorgerufen durch ein rasches Absinken des Zuckers im Blut im Flugzeug.

          Rasch richteten sich die Hoffnungen auf die Berliner Charité

          Nawalnyjs Mitstreiter, die Ehefrau Julija Nawalnaja und sein Bruder Oleg, die nach Omsk gereist waren, sind an tätliche Angriffe staatsnaher Akteure und Nachstellungen der Justiz gewohnt. Jetzt, in diesem bisher schlimmsten Fall, setzten Familie und Mitstreiter sofort auf eine Behandlung im Ausland. Rasch richteten sich die Hoffnungen auf die Charité. Denn das Krankenhaus hat in den vergangenen Jahren schon mehrfach Patienten aufgenommen, deren Erkrankungen auch mit politischer Brisanz verbunden war. Vor knapp zwei Jahren wurde dort der russische Aktivist Pjotr Wersilow wegen einer mutmaßlichen Vergiftung behandelt. Wersilow gehört zu der Protest-Musikgruppe Pussy Riot. Er erlitt in Moskau unvermittelt Sprech- und Bewegungsstörungen und wurde nach einem Aufenthalt in einem dortigen Krankenhaus nach Berlin geflogen. Wersilow selbst vermutet, er sei Opfer eines Giftanschlages eines russischen Geheimdienstes gewesen; welche Substanz seine Gesundheitsstörungen hervorrief, wurde letztlich nicht geklärt, doch wurde Wersilow nun durch die bei Nawalnyj festgestellten Symptome an seine eigene Vergiftung erinnert.

          Den Transport Wersilows nach Berlin hatte vor zwei Jahren die Initiative Cinema for Peace des Filmproduzenten Jaka Bizilj bewerkstelligt. Sie veranstaltet jährlich während des Berliner Filmfestivals Berlinale eine Gala, auf der Filme und Künstler geehrt werden, die sich in besonderem Maße für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen. Die Erlöse der Spendengala bilden eine Einnahmequelle für eine gleichnamige Stiftung, die 2008 von der Initiative gegründet worden ist. Bizilj berichtete, ihn hätten bald nach Nawalnyjs Landung in Omsk Wersilows Ehefrau, die Pussy-Riot-Aktivistin Nadjeschda Tolokonnikowa und dann Wersilow selbst angerufen und gebeten, einen Rettungsflug für Nawalnyj zu organisieren.

          Sicherheitskräfte verhindern Treffen mit den deutschen Ärzten

          Das Flugzeug stand seit Freitag auf dem Omsker Flughafen bereit, doch lehnten die örtlichen Ärzte einen Transport des Patienten erst ab, weil der Patient nicht transportfähig sei. Das sahen die deutschen Ärzte anders, allerdings verhinderten Sicherheitskräfte ein Treffen Julija Nawalnajas mit diesen Ärzten. Zugleich streuten kremltreue Telegram-Kanäle unterschiedliche Versionen der Misere wie die, Nawalnyj habe am Vorabend viel Alkohol getrunken, was Familie und Ärzte dementierten.

          Den Ausschlag dafür, dass Nawalnyj schließlich doch als transportfähig eingestuft und ausgeflogen werden konnte, dürfte großer Druck gegeben haben. Allen voran veröffentlichte Julija Nawalnaja eine „Forderung“ direkt an Putin, zu erlauben, dass ihr Mann nach Deutschland ausgeflogen werden dürfe. Zudem entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrecht in Eile für Nawalnyjs Familie. Leonid Wolkow, der für Nawalnyj ein Netz regionaler Vertretungen in Russland leitet, dankte Bundeskanzlerin Angela Merkel für „internationale Unterstützung“ und vielen Russen, die in verschiedenen Städten und vor der Omsker Klinik Mahnwachen gehalten hatten. Zudem dankte Wolkow dem Geschäftsmann Boris Simin, einem Kommunikationsunternehmer, der Nawalnyj und dessen Kampf gegen Korruption schon länger unterstützt: Simin und Familie hätten den Rettungsflug bezahlt.

          In Moskau richteten sich derweil neue Fragen an die Sicherheitsbehörden. Ein Zeitungsartikel listete am Freitag detailliert auf, wie Nawalnyj auf seiner Reise in Sibirien, bei der er in verschiedenen Orten Mitstreiter traf und mit ihnen über bevorstehende Regionalwahlen sprach, auf Schritt und Tritt beschattet worden sei. Der Oppositionspolitiker Ilja Jaschin schrieb dazu an die Adresse des Geheimdiensts FSB: „Wenn ihr Nawalnyj so dicht kontrolliert habt, wie ist es gekommen, dass er letztlich im Koma liegt?“

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