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Navy Seal im Irak : Kriegsverbrecher in der Elite-Einheit?

  • -Aktualisiert am

Amerikas Präsident Donald Trump empfängt am 19. Januar auf der Luftwaffenbasis Dover im Bundesstaat Delaware einen gefallenen Navy Seal. Bild: AP

Ein Soldat der Navy Seals soll im Irak Kriegsverbrechen begangen haben. Untergebene wollten das melden, wurden aber eingeschüchtert. Und Präsident Donald Trump stellt nun die Verdienste des Verdächtigen heraus.

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          Sie wollten das Richtige tun, stattdessen bedrohten ihre Vorgesetzten sie: Sieben Navy Seals, Angehörige einer Eliteeinheit der amerikanischen Streitkräfte, wollten nicht mehr länger schweigen, weil sie von mutmaßlichen Kriegsverbrechen im Irak wussten. Doch ihre Kommandeure signalisierten ihnen unmissverständlich, dass dieser Mut sie den Job kosten könnte. Die „New York Times“ berichtete über die Einschüchterungsversuche – ihr liegen demnach Unterlagen aus den internen Ermittlungen vor.

          Die Vorwürfe richten sich gegen den Chef einer Spezialeinheit, Edward G. Ihn hätten Untergebene dabei beobachtet, wie er in Mossul einen unbewaffneten 15 Jahre alten Gefangenen erstach. Er soll auch einen alten Mann und ein junges Mädchen anlasslos erschossen haben. Immer wieder habe G. auch ziellos in Ansammlungen von Zivilisten gefeuert, heißt es in den bisher vertraulichen Unterlagen.

          Soldaten forderten Untersuchung

          Die Soldaten hätten daraufhin im Frühling 2018 ein Treffen mit ihren Vorgesetzten verlangt. Als es dazu kam, forderten sie, dass die Vorfälle offiziell untersucht werden müssten. Doch die Kommandeure, die bei dem Treffen waren, setzten die Männer unter Druck. Sie sollten lieber still sein und die Angelegenheit ruhen lassen, hieß es – sonst könnte das Nachteile für ihre militärische Laufbahn haben.

          Also passierte erst einmal nichts. Doch letztlich wollten die sieben Seals nicht länger schweigen und zeigten G. beim Oberkommando an. Der inzwischen 39 Jahre alte Kommandosoldat wurde im vergangenen September verhaftet und muss sich nun wegen Mordes und versuchten Mordes vor einem Militärgericht in San Diego in Kalifornien verantworten. Der Teenager, den er im Mai 2017 erstochen haben soll, soll Mitglied des „Islamischen Staates“ gewesen sein.

          Als G. auf ihn eingestochen habe, sei der Junge gerade von Sanitätern behandelt worden, so die Anklage. Zuvor habe der Kommandeur laut Zeugen gesagt: „Er gehört mir.“ Anschließend habe er den Toten fotografiert und andere Soldaten mit dem Leichnam posieren lassen. Eines der Fotos habe er dann einem Kameraden geschickt und dazu geschrieben: „Gute Geschichte, habe ihn mit meinem Jagdmesser erwischt.“

          Zwei Soldaten sagten aus, G. habe damit geprahlt „zehn bis zwanzig Menschen am Tag oder 150 bis 200 Menschen pro Einsatz“ getötet zu haben. Ein Scharfschütze bestätigte das und gab an, der Kommandeur habe sich gebrüstet, „über einen Zeitraum von 80 Tagen durchschnittlich drei Menschen am Tag getötet“ zu haben. Diese Aussagen der Soldaten sind zum großen Teil bislang weder bewiesen noch widerlegt, so dass es sich um reines Geprotze gehandelt haben könnte. Nur die Todesfälle, aufgrund derer G. angeklagt ist, gelten bislang als belegbar – nun muss die Anklage seine strafrechtliche Schuld daran beweisen.

          Eigentlich sollte G. im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ vor allem eine Aufsichtsfunktion wahrnehmen – seine Einheit sollte die irakische Armee unterstützen, heißt es in den Anklage-Dokumenten. Stattdessen sei G. in Mossul „außer Kontrolle“ geraten und habe die meiste Zeit an der Seite der untergebenen Scharfschützen verbracht. Mehrere Mitglieder seiner Einheit sagten auch, G. habe sie immer wieder unnötigen Risiken ausgesetzt und beispielsweise grundlos Raketen auf Häuser abfeuern lassen.

          Unter seinen Soldaten gab es aber auch solche, die ihn für seine Taten bewundert haben sollen. So habe ein Graffiti an einer Wand in Mossul G.s Taten mit dem Satz gefeiert: „Eddie G. puts the laughter in manslaughter“ – ein derbes Wortspiel über dessen Spaß am Töten – erzählten Zeugen. Viele seien stolz gewesen, unter G. im Einsatz zu sein, er galt manchen als Held und wurde „Pirat“ genannt.

          Die Anklage-Dokumente, die sich Dave Philipps von der „New York Times“ beschaffte, umfassen 440 Seiten. Darunter sind Hunderte SMS-Nachrichten. „Diese Nachrichten haben uns einen fast noch nie dagewesenen Einblick gegeben“, sagte Philipps in einem Interview mit „Democracy Now“. „Darin gab es eine Fülle von Details, über Tötungen, über wahllose Schießereien.“ An einen Vertrauten schrieb G. demnach, die sieben Soldaten hätten sich bei den Falschen „ausgeweint“ und seien „Verräter“. Die Männer versuchten Philipps zufolge monatelang, die Taten zu melden und dabei die Befehlskette einzuhalten – und seien dabei immer frustrierter geworden.

          Trump stellt sich hinter G.

          Der Fall steht wie andere für eine Kriegsmaschinerie, in der Menschen außer Kontrolle geraten können und in der bei der anschließenden Aufarbeitung der Kriegsverbrechen militärische Loyalität oftmals wichtiger genommen wird als die Menschenrechte. Die Amerikaner mussten sich in den Kriegen der vergangenen Jahrzehnte immer wieder mit Straftaten ihrer Soldaten auseinandersetzen, so etwa mit dem Massaker von My Lai in Vietnam 1968, oder mit den Folterverbrechen im Irak und in Afghanistan nach dem 11. September 2001.

          In allen Fällen gab es Politiker, die die Männer und Frauen in Uniform verteidigten. Präsident Donald Trump jedenfalls steht vorerst hinter G. – mindestens bis zum Beweis von dessen Schuld. Trump twitterte kürzlich: In Anerkennung seines Dienstes für die Vereinigten Staaten werde er „bald Hafterleichterungen erhalten, während er auf einen Prozess wartet. Das Verfahren sollte schnell vorangehen!“

          Seine Verlegung in das Navy Medical Center in San Diego hat G. der Initiative von vierzig republikanischen Kongressabgeordneten zu verdanken, die Duncan Hunter aus Kalifornien angeführt hat. Sie forderten in einem Brief die Freilassung des Verdächtigen bis zum Prozessbeginn. Die Hafterleichterungen sehen viele in der amerikanischen Marine kritisch – den Recherchen von Philipps zufolge soll G. bislang jede Gelegenheit genutzt haben, um Zeugen einzuschüchtern und die Ermittlungen zu beeinflussen.

          Derweil setzt sich seine Familie für ihn ein und Freunde sammelten online via Crowdfunding bereits rund 400.000 Dollar – auch „Free Eddie“-Shirts wurden schon gesichtet. „Seine Aufgabe war, Mossul zu räumen, und er hat es doppelt so schnell geschafft wie erwartet“, sagte G.s Frau Andrea in einem Interview mit WVW TV. Sie verwies auf die Anweisungen des ehemaligen Verteidigungsministers James Mattis im Kampf gegen den „Islamischen Staat“: „Also, als Mattis sagte, zieht die Samthandschuhe aus, da hörte mein Mann zu.“

          „Das ist sein Job“

          Der Abgeordnete Hunter, der ein Anhänger des „Tea Party“-Flügels der republikanischen Partei ist und mit der Marineinfanterie in Afghanistan und im Irak eingesetzt war, sieht das genauso. Er sagte gegenüber „Democracy Now“: „Wir haben es mit Juristen zu tun, die keine Ahnung haben, was ein Kampfeinsatz bedeutet, die Jungs dafür anklagen, dass sie den Feind töten.“

          Selbst, wenn alles stimme, was die Anklage sage, so Hunter, und G. einen nachweisbar dem IS angehörenden Kämpfer getötet habe, sei seine Antwort darauf: „Na und? Das ist sein Job, den Feind zu zerstören, durch Feuer und Nahkampf. Das ist das, was unser Militär macht. Wenn wir so gekämpft hätten, wie wir jetzt kämpfen sollen, hätten wir weder den Ersten noch den Zweiten Weltkrieg gewonnen.“

          G.s Prozess in San Diego beginnt Ende Mai. Er streitet alle Vorwürfe ab. Falls der Soldat schuldig gesprochen wird, droht ihm lebenslange Haft. Auch sein nächsthöherer Vorgesetzter muss sich vor Gericht verantworten, weil er die Taten nicht meldete – auch er plädierte auf „nicht schuldig“.

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