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Atombomben-Übung der Nato : „Ein wichtiger Test für die nukleare Abschreckung“

Umstrittene Übung: Demonstranten am 26. September 2020 am Eingang zur Volkel Air Base Bild: EPA

Zwei Wochen lang üben Nato-Soldaten den Ernstfall – in diesem Jahr nicht so geheim wie sonst. Die Übung richte sich gegen kein Land im Speziellen, heißt es – doch ist eigentlich klar, wer der potentielle Gegner ist.

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          Jahrzehntelang ist keine Nato-Übung so geheim gewesen wie diese: „Steadfast Noon“. Einmal im Jahr, immer im Oktober, trainieren die Verbündeten den Einsatz amerikanischer Atombomben. Doch in diesem Jahr geht das Bündnis kommunikativ in die Offensive. Am Freitag besuchte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, begleitet vom obersten militärischen Befehlshaber der Allianz, die niederländische Luftwaffenbasis Volkel – einen der Orte, wo die amerikanischen Atombomben für den Fall des Falles lagern.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          „Diese Übung ist ein wichtiger Test für die nukleare Abschreckung der Allianz“, sagte Stoltenberg, ohne lange um den heißen Brei herumzureden. Die Übung sei defensiv und nicht gegen ein Land gerichtet. Die Nato suche nicht den Konflikt, sondern wolle den Frieden bewahren. Freilich fügte er hinzu: „In einer immer ungewisseren Welt, spielen unsere Nuklearkräfte weiterhin eine wichtige Rolle in unserer gemeinsamen Verteidigung.“

          Eigentlich hätte er sagen müssen: eine immer wichtigere Rolle. Denn die Allianz reagiert natürlich darauf, dass Russland sein nukleares Arsenal stark ausbaut. Mehrfach haben sich Stoltenberg und auch die Verteidigungsminister besorgt darüber geäußert. Das betrifft die neuen Hyperschallwaffen ebenso wie das Mittelstreckensystem SSC-8, mit dem Moskau gegen den INF-Vertrag verstoßen hat. Diese landgestützten Marschflugkörper können mit Atomsprengköpfen bestückt werden, was die strategische Lage der Allianz in Europa entscheidend verändert: Sie muss damit rechnen, dass Russland einen Konflikt in Europa nuklear eskaliert und dann die gesamte Allianz bedroht. Sie muss deshalb auch die Stützpunkte verteidigen können, wo die weniger als 200 taktischen Atomwaffen in Europa lagern. Das sind neben Volkel die Flugplätze Kleine-Brogel in Belgien, Aviano und Ghedi in Italien und Büchel in der Eifel. Auch Incirlik in der Türkei ist dafür vorgesehen, doch dürften dort inzwischen keine Bomben mehr sein.

          Offiziell wird keiner der Standorte von der Allianz bestätigt. Aber an mehreren dieser Orte wird in diesem Jahr geübt – nicht, wie sonst, nur an einem Ort. Die Nato begründet das mit der Pandemie, sie will große Zusammenkünfte vermeiden. Freilich ist das Einsatzszenario so auch realistischer. Insgesamt nehmen mehr als fünfzig militärische Flugzeuge an der Übung teil, die insgesamt zwei Wochen dauert. Die Amerikaner haben zwei B-52-Langstreckenbomber aus Louisiana entsandt, die Bundeswehr nimmt mit ihren in die Jahre gekommenen Tornado-Kampfflugzeugen teil, die in den nächsten Jahren ersetzt werden müssen. Die fünf Staaten mit Atomwaffenlagern verfügen alle über eigene Trägerflugzeuge, sie bilden den Kern der sogenannten „nuklearen Teilhabe“. Darüber hinaus beteiligen sich an der Übung die sieben Staaten des „Snowcat“-Verbundes; sie stellen den nuklearen Jagdbombern Geleitschutz.

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          Die Bundeswehr übt derweil in Büchel, wie sie den Flugplatz gegen Angriffe verteidigen kann. Auch das geschieht in ungewöhnlicher Transparenz. Bei der Übung „Resilient Guard“ beansprucht ein Nachbarstaat deutsches Gebiet“, teilte Generalinspekteur Eberhard Zorn am Mittwoch auf Twitter mit.  Für das Flugabwehrraketengeschwader 1 gehe es darum, „die kritische Infrastruktur in einem Raum von fünf bis zehn Quadratkilometern zu schützen“. Die Kräfte sind eigentlich in Schleswig-Holstein stationiert, sie verfügen über Patriot-Abwehrbatterien. Sie wurden in einem größeren Marsch in die Eifel verlegt. Die Nato müsse solche Szenarien üben, heißt es in der Allianz, um „widerstandfähiger“ zu werden. Das sei ein wichtiges Element der strategischen Neuausrichtung.

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