https://www.faz.net/-gpf-8y6v5

Nato tritt Anti-IS-Bund bei : Ein großer Schritt – für Trump

Tanken über IS-Gebiet: Ein amerikanisches Kampfflugzeug „Harrier“ AV-8B vor dem Rendezvous mit einer KC-10 „Extender“ Bild: Reuters

Die Nato ist die mächtigste Militär-Allianz der Welt. Nun tritt sie offiziell in den Kampf gegen den IS ein. Die Terrormiliz dürfte das kaum stören.

          2 Min.

          Was die Staats- und Regierungschefs der Nato am Donnerstag bei ihrem Treffen in Brüssel feierlich beschließen wollen, klingt zunächst einmal nach etwas Großem. Die mächtigste Allianz der Welt tritt der Militär-Koalition gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) bei. Ein Bündnis mit Millionen Soldaten, Tausenden Panzern und Kampfflugzeugen, das in jeder nur denkbaren militärischen Kategorie den Dschihadisten drückend überlegen ist. Doch mit wieviel Tamtam der Beitritt der Nato an diesem Tag in Brüssel auch verkündet werden mag - Abu Bakr al Baghdadi, den selbsternannte Kalif des schwindenden Terrorstaats, dürfte er kaum beeindrucken.

          Zwar wurde Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg kurz vor Beginn des Nato-Gipfels nicht müde hervorzuheben, dass es sich beim Beitritt um mehr handele als nur einen symbolischen Schritt. Schließlich sei er Teil eines umfassenderen Fahrplans zur Stärkung des Kampfes gegen den Terror, den die Allianz vereinbaren werde. Doch mutet das, was das Bündnis nun vorhat, militärisch bestenfalls wie ein Trippelschritt an, mit Blick auf ihre Möglichkeiten. Die Nato soll künftig als Koordinationsplattform für den Kampf gegen den IS dienen. Die Stelle eines Anti-Terror-Koordinators wird geschaffen. Und die Geheimdienste sollen sich untereinander stärker austauschen. Anders gesagt: Die einzige Maßnahme, von denen die Soldaten der Anti-IS-Koalition etwas zu sehen bekommen, sind mehr Einsätze von Awacs-Flugzeugen. Die Aufklärer dürfen künftig auch Flugzeuge der Anti-IS-Koalition dirigieren, sofern es sich nicht um Einsätze zum Abwurf von Bomben handelt. Als „fliegende Gefechtsstände“ sollen sie keinesfalls eingesetzt werden.

          Betrachtet man sich das bestehende militärische Engagement, wirkt der Schritt geradezu mickrig. Alle Mitgliedsstaaten der Nato haben sich der Anti-IS-Koalition bereits angeschlossen, ebenso wie einige arabische Länder. Mehrere von ihnen unterhalten militärische Operationen gegen den IS. Manche von ihnen sind miteinander verschränkt. Am bekanntesten ist die amerikanisch geführte Operation „Inherent Resolve“, in deren Rahmen bereits seit 2014 Luftangriffe gegen den IS durchgeführt werden. Bis Ende März 2017 flog die Koalition laut Auskunft des Pentagon knapp 22.000 im Irak und in Syrien. Gut 80 Prozent der Angriffe flogen die Amerikaner selbst. Darüber hinaus werden im Rahmen von „Inherent Resolve“ lokale Gegner des IS im Irak und in Syrien bewaffnet und unterstützt. Spezialkräfte sind im Einsatz. Und die Sicherheitskräfte im Irak werden von Tausenden amerikanischen Soldaten unterstützt, die als Militärberater tätig sind.

          Auch die Nato selbst beteiligt sich bereits indirekt am Kampf gegen den IS. In der Türkei schützen Luftabwehreinheiten des Bündnisses das Staatsgebiet gegen ballistische Raketen aus Syrien. Darüber hinaus ist die Nato mit Luftpatrouillen, Aufklärung und einer stärkeren Marinepräsenz im östlichen Mittelmeer zugegen. Im Irak bildet das Bündnis einheimische Sicherheitskräfte aus. Eine Aufgabe, die sie bereits nach dem Dritten Golfkrieg übernommen hatte und nun im Zuge des Kampfes gegen den IS weiter ausbaut.

          Deutschland selbst ist seit Anfang 2015 Teil der internationalen Allianz. So helfen Bundeswehrsoldaten im Nordirak Sicherheitskräfte auszubilden. Darüber hinaus beteiligt sich die Luftwaffe von der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik aus mit Aufklärern des Typs „Tornado“ über IS-Gebiet an den Militär-Operationen sowie mit Tankflugzeugen, die die Einsatzzeit verbündeter Kampfflugzeuge über Syrien und dem Irak verlängern. Laut Bundestagsmandat dürfen bis zu 1200 Soldaten im Rahmen der Operation eingesetzt werden. Darüber hinaus stellt Deutschland auch ein Drittel der Awacs-Besatzungen der Nato. Und die Liste ließe sich mit zahlreichen weiteren Missionen anderer Staaten fortsetzen.

          Stellen Sie uns Ihre Fragen!

          Mit der Initiative „80 Prozent für Deutschland“ ruft die F.A.Z. Erstwähler auf, ihre Stimme bei der Bundestagswahl abzugeben. Stellen Sie uns Ihre Fragen zur Wahl, egal wie vermeintlich peinlich sie erscheinen – F.A.Z.-Redakteure recherchieren und antworten fundiert. Schreiben Sie an:

          Für Terrorexperte Peter Neumann ist der Schritt daher vor allem eines: Einen weiteren Akteur mit an den Tisch zu setzen. Das Ganze sei „eine rein politische Maßnahme, die es Trump erlaubt zu behaupten, er hätte die Nato dazu gebracht, sich mit Terrorismusbekämpfung zu beschäftigen.“ Was der Schritt im Kampf gegen den IS effektiv bringen soll, darauf weiß der Professor am Londoner King’s College keine Antwort. Damit dürfte er sich mit den Militärs im Einsatz in guter Gesellschaft befinden.

          Weitere Themen

          Möglicher Bundeswehr-Einsatz in Libyen Video-Seite öffnen

          Klausurtagung Hamburg : Möglicher Bundeswehr-Einsatz in Libyen

          Zum Auftakt der zweitägigen Klausurtagung standen Themen wie Sicherheit und Verteidigung auf der Tagesordnung. Die CDU-Bundesvorsitzende und Verteidigungsministerin skizziert, welche Gedanken sich die Bundeswehr bei einem anhaltenden Waffenstillstand in Libyen machen muss.

          Topmeldungen

          IBMs Quantencomputer „System Q“ ist auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas zu sehen.

          Quantencomputer : Die nächste Revolution

          Quantencomputer können Verschlüsselungen knacken, neue Batterien entdecken und an Finanzmärkten Geld verdienen. Und das sind nur die Möglichkeiten, die bisher bekannt sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.