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Vormarsch der Taliban : NATO-Staaten ziehen schnellstmöglich Personal aus Afghanistan ab

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Die amerikanische Botschaft in Kabul bei ihrer Eröffnung im Dezember 2001 Bild: AFP

Nach der Einnahme von Kandahar durch die Taliban sind die NATO-Staaten zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengekommen. Sie alle wollen ihr Personal schnellstmöglich aus dem Land holen, Dänemark und Norwegen schlossen bereits ihre Botschaften.

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          Die NATO hat am Freitag auf einer Dringlichkeitssitzung über beschleunigte Evakuierungsmaßnahmen in Afghanistan beraten. Nachdem die Taliban am Freitag die zweitgrößte Stadt des Landes, Kandahar, sowie die Stadt Herat eingenommen hatten, stimmten sich die Mitgliedstaaten der Allianz darüber ab, wie das Personal insbesondere von westlichen Botschaften zügig aus der Hauptstadt Kabul ausgeflogen werden kann. Kurz darauf kündigte die amerikanische Regierung an, sie sei dazu bereit, Tausende Menschen pro Tag außer Landes zu fliegen. Wie viele Menschen aber tatsächlich befördert würden, hänge vom Außenministerium ab, betonte er.

          Die Mitarbeiter der britischen Botschaft in Afghanistan sollen bereits in den kommenden Tagen größtenteils abgezogen werden. Das sagte Premierminister Boris Johnson nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitskabinetts (Cobra) zur Lage in dem zentralasiatischen Land am Freitag in London.

          Gleichzeitig solle ein Team des Innenministeriums entsandt werden, um die Ausreise von Afghanen zu organisieren, die für die britischen Streitkräfte tätig waren. „Es ist offensichtlich sehr schwierig“, sagte Johnson angesichts des dramatischen Vormarschs der Taliban nach dem Abzug westlicher Truppen. Großbritannien könne aber „extrem stolz“ auf seine Rolle in Afghanistan in den vergangenen 20 Jahren sein. „Wir haben seit langer Zeit keine Al-Qaida-Angriffe auf den Westen gesehen, und es gibt Millionen junger Frauen und Mädchen, die Zugang zu Bildung erhalten haben“, so der konservative Politiker weiter. Eine militärische Lösung für das Land gebe es nicht.

          Das Internet-Portal „Politico“ zitierte einen ranghohen Offiziellen in London mit den Worten, die Situation sei vergleichbar mit „dem letzten Heli aus Saigon“. Botschafter Laurie Bristow und ein kleines Team blieben im Land, würden aber an einen „sichereren“ Ort in Kabul umziehen, teilte die britische Regierung weiter mit. Medienberichten zufolge sind noch etwa 4000 Briten in Afghanistan.

          Der deutsche Außenminister Heiko Maas sagte am Freitag in Denzlingen in Baden-Württemberg, Deutschland werde das Personal der deutschen Botschaft in Kabul auf das „absolute Minimum“ reduzieren. Er rief alle Deutschen abermals auf, Afghanistan jetzt zu verlassen. Diejenigen Ortskräfte, die noch keine Visa hätten, würden diese künftig in Deutschland erhalten. „Das wird die Ausreise beschleunigen.“ Die für diesen Monat geplanten Charterflüge würden vorgezogen. „Wir werden mit diesen Charterflügen die Mitarbeiter der Botschaft als auch Ortskräfte aus Afghanistan beschleunigt ausfliegen können", sagte Maas.

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          Bundesentwicklungsminister Gerd Müller sagte, dass deutsche Entwicklungsgelder nicht in Taliban-Gebieten eingesetzt werden. „In allen von Taliban eingenommenen Gebieten werden und wurden die Projekte ausgesetzt“, sagt der CSU-Politiker. Die Sicherheit der Mitarbeiter habe absolute Priorität. „In den weiteren Gebieten werden nur bereits laufende Maßnahmen in Kooperation mit der afghanischen Regierung, der internationalen Staatengemeinschaft und erfahrenen Nichtregierungsorganisationen umgesetzt.“

          Die Vereinigten Staaten hatten schon am Donnerstag angekündigt, rund 3000 Soldaten nach Kabul zu entsenden, um die „geordnete Reduzierung des amerikanischen Botschaftspersonals zu unterstützen“. Sie sollen bis spätestens am Sonntag größtenteils eingetroffen sein. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums sprach von einer Vorsichtsmaßnahme. „Das ist eine zeitlich begrenzte Mission mit eng begrenztem Auftrag“, sagte er. Zudem soll das Militär beim Ausfliegen Tausender früherer afghanischer Mitarbeiter der US-Behörden und des US-Militärs helfen, die sich vor den Taliban in Sicherheit bringen wollen. Die Afghanen sollen sich außerhalb des Landes um Visa bewerben können, um dann in den USA neu zu starten. Auch Großbritannien will rund 600 Soldaten nach Kabul entsenden, um die Botschaft abzusichern und die Ausreise britischer Bürger sowie früherer afghanischer Mitarbeiter zu gewährleisten.

          Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer will die Einreise afghanischer Ortskräfte erleichtern und ihre Identität notfalls erst auf deutschem Boden überprüfen lassen. „Wenn die Klärung der Identität und die Erteilung der Visa in Afghanistan nicht möglich ist, kann sie in Deutschland durchgeführt werden“, sagte der CSU-Politiker der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstag). „Wir sind für jedes Verfahren offen. Am Bundesinnenministerium scheitert keine Einreise von Ortskräften.“

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