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Nato-Manöver Trident Juncture : Glaubwürdige Abschreckung

Übung macht den Meister: Bundeswehr-Pioniere bauen in Norwegen in Windeseile eine provisorische Brücke auf. Bild: Peter Carstens

In Norwegen übt die Nato beim größten Manöver seit einer Generation die Abwehr eines Angriffs. Die Bundeswehr ist dabei – und erstaunlich gut ausgerüstet. Die Soldaten sind froh, endlich zu zeigen, was sie können.

          6 Min.

          Die Waldwege haben sich in Humusschlamm verwandelt, Schneeregen segelt zwischen Birken und Fichten zu Boden. In der Nacht haben sie wenig geschlafen, in der Dämmerung sind sie hundert Meter zum nächsten Wasserkran getaumelt. Das Weißbrot zum Frühstück war noch leicht gefroren, der Geschmack der Tubenwurst changiert zwischen Fisch und Elch. Dennoch sieht man um sechs Uhr morgens fast 4000 zufriedene Männer und Frauen. Soldaten. Mittendrin ein General. Der hat 150 Kilometer nördlich von Oslo ebenfalls in einem der Zelte übernachtet und nennt das Ganze „eine Sternstunde“ seines Berufslebens. In drei Tagen sollen hoch im Norden die Roten angreifen. Darauf freuen sich hier die allermeisten, besonders die von der Bundeswehr.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Freuen, das klingt zunächst befremdlich. Haben Soldaten eine eigene Glücksskala? Man muss das Leben unter Uniformierten grundsätzlich schon mögen und eine gewisse Freude daran haben, bei diesigem Mondlicht mit einen Leopard-Panzer durchs Unterholz zu pflügen. Doch das ist es nicht allein. Für den General Ullrich Spannuth, den Kommandeur der hier versammelten Brigade, und für seine Leute ist es vor allem ein erstes Mal seit langer Zeit, dass sie nahezu perfekt ausgerüstet in eine Nato-Übung dieser Größe ziehen. Panzer, Kanonen, Amphibienfahrzeuge, Tanklaster, Werkstattcontainer, medizinische Einsatzversorgung, das alles wurde herangeschafft, fast alles ist in gutem Zustand. Angekommen sind auch die Winterkampfanzüge und die moderne Funktionswäsche. Deren angebliches Fehlen sorgte noch im Frühjahr als Ausrüstungstiefpunkt für bösen Spott. Jetzt endlich können die Soldaten zeigen, was sie können, wenn Politik und Ministerium sie ordentlich ausstatten. Und das ist es, was die Kampierer im norwegischen Rena zufrieden macht.

          Unter den fast 8000 Soldaten einer mechanisierten Notfall-Brigade der Nato stellen die Deutschen das größte Kontingent. Dazu hunderte Franzosen, Niederländer, Tschechen und Belgier, aber auch estnische Pioniere, amerikanische Sanitäter und natürlich die norwegischen Gastgeber. Sie alle nehmen teil an der größten Übung der westlichen Allianz seit einer Generation: „Trident Juncture 2018“. In einem Gebiet von Oslo bis fast zum Nordkap hinauf trainieren insgesamt etwa 50.000 Soldaten aus den Nato-Staaten unter heftigen klimatischen Bedingungen die rasche Reaktion auf einen Angriff aus dem hohen Norden. Darunter versteht sich nach Lage der Dinge Russland, auch wenn das in den Nato-Papieren nicht ausdrücklich gesagt wird. Deutschland stellt für diese Übung mit etwa 10.000 beteiligten Soldaten neben Amerika und Norwegen das größte Kontingent. Dass die Amerikaner trotz Trumps Wurstigkeiten ihre Nato-Aufgaben ernst nehmen, beweisen nicht zuletzt der amerikanische Flugzeugträger Harry S. Truman und seine Begleitschiffe, die vergangene Woche als kleine Überraschung im Nordmeer eingetroffen sind. Zum ersten Mal seit 20 Jahren sei ein solcher Verband mit mehr als 6000 Mann Besatzung in arktischen Gewässern unterwegs, berichtete die Zeitung „New York Times“.

          Für Amerika ist das keine Riesensache. Aber für Deutschland bedurfte es großer Anstrengung, alles zu bewältigen. Denn jahrelang hat die Bundeswehr ihre schwindenden Kräfte auf die Auslandseinsätze konzentriert, auf Bosnien, Afghanistan oder aktuell Mali. Nun geht es wieder um Verteidigung im großen Stil. Nach dem wochenlangen Anmarsch von insgesamt ungefähr 10.000 Fahrzeugen, mehr als 100 Flugzeugen und 70 Schiffen in Nordmeer und Ostsee kommt nun die eigentliche Nato-Übung in Gang. Sie beginnt mit einem angenommenen Angriff der nördlichen Verbände, der Roten. Die werden unter anderem von anlandenden amerikanischen Marines, norwegischen, schwedischen und finnischen Verbänden sowie deutschen Gebirgsjägern gestellt. Die Verteidiger sind die Blauen, darunter die Brigade von Spannuth. Nach dem Angriff eilen sie gen Norden und halten die Roten zunächst auf. Dann ergreifen sie laut Drehbuch zwischen dem 4. und 7. November die Initiative und drängen die Gegner in einem Gegenangriff zurück. Dabei wirken Land-, See- und Luftstreitkräfte eng zusammen, Truppenteile, die sich im Alltag nur vom Papier her kennen. Jetzt aber tauchen bei Camp Rena im waldigen und leicht überfrorenem Gelände amerikanische Kampfhubschrauber über den deutschen Panzern und Grenadieren auf. Lettische Pioniere üben nachts neben ihren europäischen Kameraden mit dem höchst treffsicheren G36-Sturmgewehr. Über die Amphibienbrücken der Mindener Pioniere fahren norwegische, britische und tschechische Fahrzeugkolonnen. Das Camp ist eines von 50, die im ganzen Land aufgeschlagen wurden, freilich das größte mit bis zu 5000 Soldaten. Sie schlafen in Zelten für bis zu 500 Mann (auch Frau), die der norwegische Heimatschutz aufgebaut hat. Drinnen gibt es Unterteilungen für jeweils 16 Feldbetten. Manche leben in solchen Unterkünften schon seit Anfang September, als die Vorbereitungen hier begonnen haben. Morgens und abends gibt es in zwei riesigen Zelten das Essen für jeweils 2500 Personen. Um kurz vor sieben sind die Zelte rammelvoll, halb acht ist keiner mehr da und fast alle unterwegs im Gelände des größten norwegischen Truppenübungsplatzes.

          Die Mindener Panzerpioniere sind mit ihren Amphibienfahrzeugen da schon seit anderthalb Stunden unterwegs. Sie haben am Fluss Glomma eine Übergangsmöglichkeit erkundet und ihre Fahrzeuge in Stellung gebracht. Die sehen auf den ersten Blick aus wie Tanklaster. Aber dann teilt sich der vermeintliche Tank hydraulisch in zwei Teile und wird rechts und links nach unten geklappt. Es entsteht ein Boot mit einem kleinen Führerstand und einer befahrbaren Stahlfläche. Sie fahren in den Fluss. Zusammengekoppelt können sie eine schwimmende Brücke oder eine Fähre von bis zu 180 Metern Länge bilden. Einige Taucher und ein Schlauchboot sichern das Gelände, Reserveboote liegen bereit, der Gefechtsstand ist ebenfalls fertig. Die Kolonnen der nordwärts marschierenden Bataillone können kommen. Da die Pioniere im Ernstfall ein leichtes Ziel für Fliegerangriffe bilden, muss alles schnell gehen – in weniger als einer halben Stunde ist unter dem Kommando eines jungen Majors eine Fähre gebaut; wenn alle über den Fluss gebracht sind, fahren die Boote an Land, verwandeln sich zurück in Lastwagen und verschwinden im Winterwald. Keine Viertelstunde später liegt die Stelle wieder so unberührt da wie ein hübscher Angelplatz am See.

          Warum hält die Nato ein solch großes Manöver ab, das allein Deutschland an die 90 Millionen Euro kostet? Nun, es geht darum, hier in Norwegen, aber auch im Baltikum oder in Polen, überzeugend zu zeigen, dass die westliche Allianz auf einen Angriff jederzeit reagieren kann. Lange hat man das für überflüssig gehalten, Gegner hat es nicht mehr gegeben, nur noch Freunde oder zumindest Partner. Viele europäische Streitkräfte wurden in den vergangenen Jahrzehnten auf Friedenseinsätze in fernen Weltgegenden getrimmt, keine Armee hat das mehr zu spüren bekommen als die Bundeswehr. Ein Großteil ihrer Fahrzeuge wurde verkauft oder verschrottet, Dutzende Kasernen dichtgemacht, die Wehrpflicht abgeschafft. Wenn eine Kompanie üben wollte, musste sie sich die Fahrzeuge dafür beim bundeseigenen Panzerverleih besorgen, Lieferengpässe inklusive.

          Doch mit dem russischen Überfall auf die Krim, dem Stellungskrieg in der Ostukraine und Moskaus Drohgebärden an den Grenzen der baltischen Staaten ändert sich allmählich die Lage. Erst im vergangenen Jahr trainierten russische und weißrussische Einheiten beim Manöver Zapad 2017 nahe des Baltikums. Vor ein paar Wochen wurde im fernen Osten Russlands geübt, nach russischen Angaben waren beim größten Manöver seit Bestehen des Landes rund 30.0000 Mann und etwa 36.000 Militärfahrzeuge beteiligt. Allerdings werden die Zahlen von der Nato als überhöht erachtet.

          Wie auch immer, die Nato muss darauf eine Antwort finden, wenn sie eine Existenzberechtigung behalten will und bei der Abschreckung glaubwürdig sein soll. Denn darum geht es: Russland von etwaigen Über- oder Angriffen abzuhalten. Als es der Krim an den Kragen ging, waren weder die Nato noch die amerikanischen Streitkräfte in Europa in der Lage einzugreifen, selbst wenn sie gewollt hätten. Drei Ziele verfolgt deshalb das Nato-Manöver: schnelle Reaktion auf Krisen, Mobilität über große Distanzen, international vernetzte Operationsführung.

          Die Nato hat dazu ihre schnellen Reaktionskräfte zur Teilnahme aufgerufen. Für die Deutschen aber bot und bietet die Übung eine besondere Gelegenheit. Denn die Bundesrepublik ist im kommenden Jahr verantwortlich für die schnellste Nato-Truppe überhaupt, die „Very High Readiness Joint Task Force“. Nicht weniger als 8000 Mann sollen innerhalb von zwei bis drei Tagen einsatzbereit sein. Spannuth, der in Munster eine Panzerbrigade kommandiert, führt diese Truppe. Sie bündelt Material und Soldaten aus neun Ländern zu einer schlagkräftigen Streitmacht des ersten Augenblicks. Die Botschaft aus Brüssel: Wer eines unserer 29 Mitgliedsländer angreift, der bekommt es innerhalb von Tagen mit der Task-Force zu tun – versprochen.

          Soldaten sind in Norwegen willkommen

          Doch auch die anderen beteiligten Bundeswehrverbände wurden gut ausgerüstet. Noch immer ist es dazu nötig, größere Materialmengen deutschlandweit aus verschiedenen Verbänden auszuleihen. Im Schnitt haben die Kompanien oder Bataillone höchstens zwei Drittel des Bedarfs zur Verfügung. Aber in Norwegen konnte man dieser Tage doch sehen, dass sich die Ausrüstung der Bundeswehr schrittweise verbessert, auch wenn die neuen „Puma“-Schützenpanzer vorsichtshalber noch nicht als einsatztauglich gemeldet wurden und stattdessen ältere „Marder“ die Reise über die Häfen Emden und Frederiksstad antraten. Nach Wochen der Vorbereitung geht es nun für die Verbände in diesen Tagen in den eigentlichen Manöverraum. In Norwegen stößt die Übung auf höchst freundliche Resonanz, zu einer Gegendemonstration kamen kürzlich weniger als zwei Dutzend Leute. Soldaten sind willkommen. Dennoch ist die Belastung groß für das Land mit 5,5 Millionen Einwohnern. Deshalb werden die meisten Transporte nachts durchgeführt, Verkehrsstörungen sind aber dennoch unvermeidlich, ambitionierte Organisation durch den norwegischen Heimatschutz ist nötig. Der nutzt die Anwesenheit der Nato, um das lange vernachlässigte Konzept der „totalen Verteidigung“ Norwegens wieder auf den Stand der Dinge zu bringen. Jetzt ist alles bereit. In der Nacht auf Donnerstag übernahm der amerikanische General James G. Foggo das Kommando über die Nato-Truppen in Norwegen. Nach dem einwöchigen Großmanöver gibt es noch eine Stabsübung der Nato in Stavanger, aber Anfang Dezember sollen alle wieder zu Hause sein. Für Spannuth und seinen 180-Mann-Brigadestab, aber auch für den Führer des deutschen Kontingents, Brigadegeneral Michael Matz, wird sich dann erweisen, auf welche Stärken sie sich verlassen können, welche Schwächen noch behoben werden müssen. Sollte das kühle Wetter wie erwartet in winterliches umschlagen mit Dauerfrost und Schnee, wäre die Bundeswehr aber bereit: Unter dem Material, das nach Norwegen gebracht wurde, befinden sich mehrere tausend Sätze Schneeketten.

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