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Nato-Manöver Trident Juncture : Glaubwürdige Abschreckung

Warum hält die Nato ein solch großes Manöver ab, das allein Deutschland an die 90 Millionen Euro kostet? Nun, es geht darum, hier in Norwegen, aber auch im Baltikum oder in Polen, überzeugend zu zeigen, dass die westliche Allianz auf einen Angriff jederzeit reagieren kann. Lange hat man das für überflüssig gehalten, Gegner hat es nicht mehr gegeben, nur noch Freunde oder zumindest Partner. Viele europäische Streitkräfte wurden in den vergangenen Jahrzehnten auf Friedenseinsätze in fernen Weltgegenden getrimmt, keine Armee hat das mehr zu spüren bekommen als die Bundeswehr. Ein Großteil ihrer Fahrzeuge wurde verkauft oder verschrottet, Dutzende Kasernen dichtgemacht, die Wehrpflicht abgeschafft. Wenn eine Kompanie üben wollte, musste sie sich die Fahrzeuge dafür beim bundeseigenen Panzerverleih besorgen, Lieferengpässe inklusive.

Doch mit dem russischen Überfall auf die Krim, dem Stellungskrieg in der Ostukraine und Moskaus Drohgebärden an den Grenzen der baltischen Staaten ändert sich allmählich die Lage. Erst im vergangenen Jahr trainierten russische und weißrussische Einheiten beim Manöver Zapad 2017 nahe des Baltikums. Vor ein paar Wochen wurde im fernen Osten Russlands geübt, nach russischen Angaben waren beim größten Manöver seit Bestehen des Landes rund 30.0000 Mann und etwa 36.000 Militärfahrzeuge beteiligt. Allerdings werden die Zahlen von der Nato als überhöht erachtet.

Wie auch immer, die Nato muss darauf eine Antwort finden, wenn sie eine Existenzberechtigung behalten will und bei der Abschreckung glaubwürdig sein soll. Denn darum geht es: Russland von etwaigen Über- oder Angriffen abzuhalten. Als es der Krim an den Kragen ging, waren weder die Nato noch die amerikanischen Streitkräfte in Europa in der Lage einzugreifen, selbst wenn sie gewollt hätten. Drei Ziele verfolgt deshalb das Nato-Manöver: schnelle Reaktion auf Krisen, Mobilität über große Distanzen, international vernetzte Operationsführung.

Die Nato hat dazu ihre schnellen Reaktionskräfte zur Teilnahme aufgerufen. Für die Deutschen aber bot und bietet die Übung eine besondere Gelegenheit. Denn die Bundesrepublik ist im kommenden Jahr verantwortlich für die schnellste Nato-Truppe überhaupt, die „Very High Readiness Joint Task Force“. Nicht weniger als 8000 Mann sollen innerhalb von zwei bis drei Tagen einsatzbereit sein. Spannuth, der in Munster eine Panzerbrigade kommandiert, führt diese Truppe. Sie bündelt Material und Soldaten aus neun Ländern zu einer schlagkräftigen Streitmacht des ersten Augenblicks. Die Botschaft aus Brüssel: Wer eines unserer 29 Mitgliedsländer angreift, der bekommt es innerhalb von Tagen mit der Task-Force zu tun – versprochen.

Soldaten sind in Norwegen willkommen

Doch auch die anderen beteiligten Bundeswehrverbände wurden gut ausgerüstet. Noch immer ist es dazu nötig, größere Materialmengen deutschlandweit aus verschiedenen Verbänden auszuleihen. Im Schnitt haben die Kompanien oder Bataillone höchstens zwei Drittel des Bedarfs zur Verfügung. Aber in Norwegen konnte man dieser Tage doch sehen, dass sich die Ausrüstung der Bundeswehr schrittweise verbessert, auch wenn die neuen „Puma“-Schützenpanzer vorsichtshalber noch nicht als einsatztauglich gemeldet wurden und stattdessen ältere „Marder“ die Reise über die Häfen Emden und Frederiksstad antraten. Nach Wochen der Vorbereitung geht es nun für die Verbände in diesen Tagen in den eigentlichen Manöverraum. In Norwegen stößt die Übung auf höchst freundliche Resonanz, zu einer Gegendemonstration kamen kürzlich weniger als zwei Dutzend Leute. Soldaten sind willkommen. Dennoch ist die Belastung groß für das Land mit 5,5 Millionen Einwohnern. Deshalb werden die meisten Transporte nachts durchgeführt, Verkehrsstörungen sind aber dennoch unvermeidlich, ambitionierte Organisation durch den norwegischen Heimatschutz ist nötig. Der nutzt die Anwesenheit der Nato, um das lange vernachlässigte Konzept der „totalen Verteidigung“ Norwegens wieder auf den Stand der Dinge zu bringen. Jetzt ist alles bereit. In der Nacht auf Donnerstag übernahm der amerikanische General James G. Foggo das Kommando über die Nato-Truppen in Norwegen. Nach dem einwöchigen Großmanöver gibt es noch eine Stabsübung der Nato in Stavanger, aber Anfang Dezember sollen alle wieder zu Hause sein. Für Spannuth und seinen 180-Mann-Brigadestab, aber auch für den Führer des deutschen Kontingents, Brigadegeneral Michael Matz, wird sich dann erweisen, auf welche Stärken sie sich verlassen können, welche Schwächen noch behoben werden müssen. Sollte das kühle Wetter wie erwartet in winterliches umschlagen mit Dauerfrost und Schnee, wäre die Bundeswehr aber bereit: Unter dem Material, das nach Norwegen gebracht wurde, befinden sich mehrere tausend Sätze Schneeketten.

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