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Nato-Jubiläum : Nicht in festlicher Stimmung

Kurz vor dem Fototermin: die Königin Elizabeth II mit Bundeskanzlerin Merkel und Premier Johnson Bild: EPA

Macron nennt die Nato hirntot, Erdogan nennt Macron hirntot, und Trump behauptet, sein Land profitiere am wenigsten von der Allianz. Das ist geschichtsvergessen.

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          Wenn es im Alltag der Nato nicht vergleichsweise reibungslos liefe, in den meisten Fällen zumindest, und wäre die Rhetorik der Protagonisten der alleinige Maßstab, an dem der Zustand des Bündnisses zu messen wäre, man müsste für die Zukunft der Nato schwarzsehen. Wortwahl, Zustandsbeschreibungen und Drohungen sind, für sich genommen, ernst genug. Sie liegen wie dunkle Wolken über dem Jubiläumsgipfel in London.

          Dass die zugespitzte Diagnose des französischen Präsidenten, die Nato sei hirntot, zu heftigen Reaktionen, ja zu Erschütterungen führen würde, war zu erwarten. Der amerikanische Präsident feuerte denn auch zurück: Respektlos, beleidigend und böse seien Macrons Äußerungen, sagte Trump, der plötzlich seine Liebe zur Allianz entdeckt hat, nachdem er sie früher schon mal für überholt erklärt und sogar den Austritt Amerikas erwogen hatte. Jetzt bekommt Macron also sein Fett weg.

          Auch der türkische Präsident Erdogan ließ sich nicht lumpen: Macron sei derjenige, der hirntot sei, dessen Verständnis von Terrorismus oberflächlich sei. Das war eine Unverschämtheit. Erdogan setzte nach: Wenn die anderen Mitglieder der Türkei nicht darin folgten, die syrische Kurdenmiliz YPG als Terrororganisation zu brandmarken, werde man Verstärkungen der Nato-Präsenz in Osteuropa blockieren. Nein, eitel Sonnenschein herrscht nicht im Kreis der 29. Die Bedrohungsanalysen divergieren, die Interessenunterschiede sind groß. So einfach wegharmonisieren lassen die sich nicht.

          Dabei hat sich an Wert und Bedeutung der Nato wenig geändert. Im Grunde nichts. Sie stärkt die Sicherheit aller Mitglieder, der europäischen wie der nordamerikanischen. Bedauerlicherweise hat sich die Unsitte eingebürgert, aufzurechnen, wem sie mehr nütze und wem weniger. Trump meint (warum auch immer), Frankreich brauche sie am meisten, Amerika am wenigsten. Diese Sichtweise ist falsch. Sie missversteht das Wesen einer Allianz, die auf geteilter Sicherheit und auf der Solidarität der Mitglieder beruht. Und sie ignoriert fahrlässig die Lehren der Geschichte dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer.

          Klaus-Dieter Frankenberger
          Redakteur in der Politik.

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