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Russlands Marine im Mittelmeer : Katz und Maus, wie im Kalten Krieg

Nicht vom INF-Vertrag erfasst: Ein russisches U-Boot feuert Mitte September Marschflugkörper auf Ziele in Syrien. Bild: AP

Russische U-Boote fahren wieder im Mittelmeer. Die Nato ist besorgt, sie kommt kaum noch hinterher. Wie konnte sich das Flottenverhältnis so entwickeln?

          Schon seit Tagen war die „Krasnodar“ nicht mehr abgetaucht. Das russische U-Boot zog gemächlich seine Bahn an der Wasseroberfläche, begleitet von einem ebenfalls russischen Schlepper. Mehr kann ein U-Boot nicht auf sich aufmerksam machen. Und so bekam es schnell Gesellschaft. In der Nordsee setzte sich eine britische Fregatte an die Seite des Schiffs, an der Atlantikküste übernahm ein spanisches Patrouillenboot, und an der Straße von Gibraltar wartete schon ein amerikanischer Zerstörer. Die Navy schickte zusätzlich Jagdflugzeuge aus Sizilien. Ziemlich viel Aufwand für ein einzelnes U-Boot, das nicht die geringsten Anstrengungen unternahm, sich zu verbergen. Aber die Allianz wollte nichts anbrennen lassen in „ihren“ Gewässern. Und sie war neugierig: Was kann dieses neue Hightech-Schiff, das von der Ostsee ins Schwarze Meer überführt werden sollte?

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ende Mai, nach vier Wochen Fahrt, war die „Krasnodar“ vor der libyschen Küste angekommen. Dann tauchte sie zum ersten Mal ab. Als sie zwei Tage später wieder auftauchte, feuerte sie zwei Marschflugkörper Richtung Syrien ab. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wurden Stellungen des „Islamischen Staats“ nahe von Palmyra zerstört. Mit einem Mal hatte sich die Routinefahrt in einen Kampfeinsatz verwandelt – jedenfalls erschien es der Nato so. Damit begann ein Katz-und-Maus-Spiel wie im Kalten Krieg. In den folgenden Wochen verfolgte die Allianz die „Krasnodar“ mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen. Das U-Boot wurde mehrfach eingekreist. Es feuerte gleichwohl ein weiteres Mal auf IS-Ziele und lief erst Anfang August ins Schwarze Meer ein.

          Reichweite von 2200 Kilometern

          Wie gut das Bündnis die „Krasnodar“ im Auge behielt und wie oft es sie aus dem Blick verlor, ist ein militärisches Geheimnis. Doch haben viele Militärs die Verfolgungsjagd als einschneidendes Ereignis erlebt. Sie führte ihnen vor Augen, wie leistungsfähig die russische Unterseeflotte inzwischen ist – und wie schnell sie selbst an ihre Grenzen kommen. Nicht nur im vergleichsweise überschaubaren Mittelmeer, sondern erst recht im Atlantik. Führende Nato-Vertreter haben seitdem mehrmals warnend darauf hingewiesen, nun äußert sich erstmals auch Generalsekretär Jens Stoltenberg. „Nach dem Ende des Kalten Kriegs hat die Nato ihre Fähigkeiten zur See vermindert, insbesondere in der Bekämpfung von U-Booten. Wir haben weniger geübt und Fertigkeiten eingebüßt“, sagt Stoltenberg im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der „Washington Post“ und der „Financial Times“. Nun erlebe man, wie Russland seine Marine wieder aufrüste. Seit 2014 sei dessen Flotte um dreizehn U-Boote erweitert worden. „Die russischen U-Boot-Aktivitäten sind jetzt auf dem höchsten Niveau seit dem Kalten Krieg“, so Stoltenberg.

          Die „Krasnodar“ ist eines der neuen Schiffe. Sie wird zur Kilo-Klasse gerechnet: Schiffe mit dieselelektrischem Antrieb aus den achtziger Jahren. Doch haben die Russen auf Grundlage der alten Plattform ein stark verbessertes Modell gebaut. So wurde der Antrieb gedämpft und die Hülle mit einer Schicht überzogen, die Radarsignale absorbiert. Wenn das Schiff im Batteriebetrieb fährt, was mit neuen leistungsfähigen Akkus zwei bis drei Tage lang möglich ist, kann man es nur sehr schwer orten. „Schwarzes Loch“ haben einige in der Nato das U-Boot deshalb genannt.

          Neben Torpedos kann es vier Marschflugkörper abschießen. Dieses ebenfalls neue Waffensystem heißt „Kalibr“, es trifft Ziele in bis zu 2200 Kilometern Entfernung. Im Syrienkrieg wurde es mehrfach verwendet, abgeschossen aus dem Mittelmeer ebenso wie aus dem Kaspischen Meer, von U-Booten und von Fregatten. Zwar sollen einige Sprengköpfe versehentlich in Iran eingeschlagen sein, doch hält die Nato das System für präzise. „Die Russen sind jetzt nicht mehr nur in der Lage, sämtliche Schiffe des Bündnisses zu treffen. Auch unsere Häfen und Flughäfen an Land sind im Konfliktfall einem höheren Risiko ausgesetzt“, warnt ein hoher Militär. Hinzu kommt: Der Marschflugkörper kann auch Atomsprengköpfe transportieren.

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