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Nationalismus in Japan : Die langen Schatten

Anti-chinesische Demonstration in Japan Bild: REUTERS

Der Streit um die von Tokio gekauften Inseln im ostchinesischen Meer weckt nationalistische Gefühle in beiden Ländern. In Japan zeigt sich, dass die Gesellschaft ihre Geschichte nie aufgearbeitet hat.

          3 Min.

          Es sind die kleinen Zeichen, an denen sich zeigt, dass sich die Stimmung in einem Land verändert. Das Billigkaufhaus Uniqlo, eines der erfolgreichsten Unternehmens Japans, hat das jetzt zu spüren bekommen. Uniqlo verkauft Mode, preiswerter als andere und vor allem für den Geschmack junger Menschen auch schicker. Der Erfolg in Japan war so groß, dass das Unternehmen erfolgreich in die Nachbarländer expandierte. 145 Geschäfte hat Uniqlo mittlerweile auch in China. Als es dort Anfang der Woche zu antijapanischen Protesten kam, mussten viele der Läden schließen. In einem der Uniqlo-Geschäft in einer Einkaufsmeile in Schanghai wusste sich der Leiter des Ladens wegen der anti-japanischen Ausschreitungen keinen anderen Rat, als auf einem Plakat im Schaufenster zu erklären: „Diese Inseln gehören zu China.“ Er folgte damit einem Rat der chinesischen Polizei.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          „Diese Inseln“, dass sind die unbewohnten Inseln - von den Japanern Senkaku und von den Chinesen Diaoyu genannt - im Ostchinesischen Meer, auf die beide Länder Anspruch erheben, die aber von Japan verwaltet werden. Die Nationalisierung der Inseln durch die Regierung in Tokio Anfang des Monats hat die antijapanischen Proteste in China ausgelöst. In Japan schlugen die Wogen der Empörung über diesen Schritt hoch. Schon nach 40 Minuten verschwand das Schild wieder aus dem Schaufenster in Schanghai. Uniqlo ist mit E-Mails japanischer Kunden bombardiert worden. „Wir werden nicht weiter bei Uniqlo kaufen“, empörten sich viele. „Wir fühlen uns verraten.“ Die Empörung der Japaner war so groß, dass Tadashi Yanai, Chef des Unternehmens, sich sehr mühte, die Wogen des aufkeimenden Nationalismus wieder zu glätten. Ein Kaufboykott auf dem Heimatmarkt wäre das Letzte, was Uniqlo jetzt bräuchte. „Ein Missverständnis könnte schnell zu solchen Boykottaufrufen führen“, sagte Yanai.

          Anti-japanische Demonstration in China
          Anti-japanische Demonstration in China : Bild: dapd

          Diese Szene zeigt, wie stark der Streit um die Inseln auch bei ganz normalen Japanern nationalistische Gefühle geweckt hat. Zwar versammeln sich bei den Kundgebungen der extremen Nationalisten an den großen Bahnhöfen stets nur wenige Dutzend Zuhörer, die patriotische Lieder singen. Es sind die rechtsextremen Gruppierungen, die mit ihren schwarzen Lautsprecherwagen durch die Großstädte fahren, Militärmärsche spielen und Hetzparolen rufen. Sie gehören seit Jahren zum Straßenbild, sind aber nach wie vor die Minderheit. Japans stellvertretender Regierungschef Katsuya Okada hat zu Recht auf einen offensichtlichen Unterschied des japanischen zum chinesischen Nationalismus hingewiesen: In Japan werden keine chinesischen Flaggen verbrannt, keine China-Restaurants geplündert.

          Japan hat seine Schuld am Zweiten Weltkrieg nie aufgearbeitet

          Japans Nationalismus hat viel zu tun mit der Vergangenheit des Landes. Im Gegensatz zu Deutschland hat Japan seine Verantwortung und seine Schuld am Zweiten Weltkrieg, an der Kolonialisierung Koreas nach 1905 oder am Angriff auf China nie aufgearbeitet. Die Lektüre japanischer Schulbücher zeigt es, ebenso ein Besuch des Museums für japanische Geschichte am Yasukuni-Schrein im Zentrum Tokios. An diesem Schrein gedenken Jahr für Jahr nationalistische Politiker der Kriegstoten - auch der japanischen Kriegsverbrecher. Die historische Erzählung im Yasukuni-Schrein ist einfach: Japan sei ein Opfer europäischer Kolonialmächte gewesen.

          Dabei ist Japan eines der wenigen Länder, das nie kolonialisiert war. Es habe mit dem Krieg nur versucht, den Rest Asiens vor diesem aggressiven Westen zu schützen. In dieser Sichtweise wird die Besetzung Koreas im Nachhinein leicht zur „Partnerschaft“ verklärt, gibt es auch keine Massaker in Nanking. Diese Verdrängung eigener Schuld lässt Japan seit Jahren in einem latenten Nationalismus verharren. Selbst Vize-Regierungschef Katsuya Okada, im politischen Spektrum des Landes eher ein aufgeklärter Liberaler, meidet die Debatte. „Japan hat genug getan“, sagt er. Mit dieser Haltung gerät das Land in Asien, aber auch darüber hinaus in eine politische Isolation, die es selbst dann wieder als Zurückweisung empfindet: Ein Teufelskreis.

          Es ist kein Zufall, dass in diesen Tagen ausgerechnet Shinzo Abe, der vor einigen Jahren schon einmal kurzzeitig Regierungschef war, erklärte, er wolle Ende Oktober noch einmal versuchen, Chef der konservativen Liberaldemokraten - und damit nach der Neuwahl voraussichtlich Regierungschef Japans zu werden. Abe ist einer der wenigen Politiker des Establishemnts in Tokio, der offen nationalistische Parolen vertritt. Nationalismus, hat er einmal gesagt, „ist ein völlig natürliches Gefühl“. Viele Politiker denken ähnlich, wagen sich aber nicht aus der Deckung.

          Das kann sich schnell ändern, denn Japans derzeit populärster Politiker, der Bürgermeister der Handelsstadt Osaka, Toru Hashimoto, spielt die nationalistische Klaviatur nahezu perfekt. Lehrer, die sich weigern beim Flaggenappell aufzustehen und die Hymne mitzusingen, werden in Osaka belangt. Die zehntausende junger Koreanerinnen, die im Weltkrieg in die Frontbordelle der japanischen Armee verschleppt wurden, seien keine staatlichen Opfer, sagt Hashimoto. Auch das Friedensgebot der japanischen Verfassung will er streichen. Wenn so ein Politiker die Umfragen anführt, ändert sich die Gesellschaft grundlegend.

          Mehr als 200 Jahre war das Land unter der Herrschaft der Shogune des Tokugawa-Clans, deren Regierungszeit Edo-Zeit genannt wird, von der Welt abgeschottet. Erst Ende des 19. Jahrhunderts kam es unter dem Druck amerikanischer Kanonenboote zur Öffnung. Bis heute hat sich aller oberflächlichen Modernisierung zum Trotz viel von dieser feudalen Kultur der Edo-Zeit unterschwellig in der japanischen Gesellschaft erhalten. Es gibt ein starkes Gefühl, anders und besonders zu sein. Eine schwere Sprache, ein dichtes soziales Regelwerk, das den Umgang miteinander bestimmt, das Bewusstsein eines lange abgeschotteten Inselvolks, etwas Besonderes zu sein, nährt den Nationalismus, vor allem dann, wenn der Druck von außen auf Japan immer stärker wird.

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