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Nationalfeiertag in China : Eine Staatsgründung mit viel Pathos

Spätestens heute weiß man, dass Mao am 1. Oktober 1949 mehr verkündete, als nur eine Kabinettsliste: Er rief vor 70 Jahren die Volksrepublik China aus. Bild: akg-images / Pictures From Histo

Vor 70 Jahren verkündete Mao Tse-tung die erste Zentralregierung der Volksrepublik China. Seitdem hat sich dort viel bewegt, doch trotzdem beruft sich Xi Jinping gerne auf den früheren Staatschef – außer in einem Aspekt.

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          Es ist ein Datum, von dem die Regierung behauptet, alles, was an diesem Tag passiert ist, sei zwangsläufig so gekommen. Aber was ist an jenem 1. Oktober 1949 in Peking eigentlich genau passiert? Mao Tse-tung, Anführer der chinesischen Kommunisten, hat einer Menschenmenge auf dem Platz des Himmlischen Friedens verkündet, die Zentralregierung der neuen Volksrepublik China sei gebildet worden. Dann verkündete er, welche Personen Teil dieser Regierung seien. Strittig ist, ob der Mao zugeschriebene Satz „Das chinesische Volk ist aufgestanden“ bei dieser Gelegenheit wirklich gefallen ist. Zeitzeugen bestreiten das. Aber die auf Pathos ausgelegte offizielle chinesische Geschichtsschreibung kann sich natürlich nicht mit der schlichten Verlesung einer Kabinettsliste begnügen. Deshalb ist besagter Satz Teil des Geschichtsbildes zur Feier dieses in der Tat besonderen Tages.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Zum offiziellen Geschichtsbild gehört auch, dass von jenem 1. Oktober 1949 eine gerade Linie zum heutigen China führt, das in aller Welt teils geachtet, vielfach gefürchtet, auf alle Fälle aber aufmerksam beobachtet wird. Das ist einer der ganz großen Unterschiede zur Lage vor 70 Jahren.

          Der große Durchbruch kam mit dem UN-Sitz

          Damals war China ein von einem langen Bürgerkrieg zerrissenes und von der japanischen Besatzung geschundenes Land. Als Machtfaktor in der Weltpolitik konnte es kaum gelten, obwohl sich die Vereinigten Staaten sehr für chinesische Interessen auf der Weltbühne einsetzten. So war die nationalchinesische Regierung, im Gegensatz zum Beispiel zur französischen Exilregierung, zu mehreren Konferenzen der Großmächte während des Zweiten Weltkrieges eingeladen. Und im neugeschaffenen UN-Sicherheitsrat erhielt China einen der ständigen Sitze mit Vetorecht. Diesen Sitz nahmen die chinesischen Nationalisten ein, die 1949 vor den im Bürgerkrieg siegreichen Kommunisten nach Taiwan geflohen waren. Von dort erhoben sie unter dem Namen „Republik China“ weiterhin den Anspruch, ganz China zu repräsentieren. Verbal wurde auch lange Zeit die Fiktion aufrechterhalten, das Festland von den Kommunisten zurückzuerobern. Auch die Volksrepublik erhob von Anfang an den Alleinvertretungsanspruch für das ganze Land.

          In der Welt(macht)politik hat sich der Anspruch der Kommunisten im Laufe der Zeit allmählich durchgesetzt. Der erste ganz große Durchbruch gelang der Volksrepublik 1971, als die Regierung in Peking den Sitz Chinas bei den Vereinten Nationen einnehmen durfte. Dies verdankte sie vor allem den Amerikanern, die im Wettstreit der Systeme ein Gegengewicht zur Sowjetunion suchten und es in Maos China gefunden zu haben glaubten.

          Der von der eigenen Propaganda mittlerweile so genannte „Große Steuermann“ war zwar für zahllose Verbrechen verantwortlich, die Millionen Menschen das Leben gekostet hatten. Aber das kümmerte weder die Amerikaner noch gar Mao selbst. Für ihn zählte der Einzelne ohnehin nicht. So hatte er schon vor der Machtübernahme 1949 gehandelt, was machtpolitisch wichtig war. Denn womöglich hätten die chinesischen Kommunisten unter einem weniger skrupellosen Führer die Bürgerkriegsjahre nicht erfolgreich beendet. Ihre größte militärische Katastrophe dichteten Mao und seine willigen Propagandisten im In- und Ausland in einen gewaltigen Triumph um. Der „Lange Marsch“, eigentlich eine lange Flucht versprengter kommunistischer Untergrundkämpfer vor der nationalchinesischen Armee, geriet so zu einem Heldenepos, an dessen Ende zumindest niemand mehr die Führerschaft Maos anzweifelte.

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