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Namensstreit : Neurosen aus Athen

„Lang lebe Mazedonien” Bild: AFP

Darf Mazedonien Mazedonien heißen? Dieser Streit reicht nach der Ansicht mancher Diplomaten und Historiker bis in die Antike zurück. Um ihn zu lösen, haben selbst die Vereinten Nationen schon interveniert - ohne Erfolg.

          5 Min.

          Ein Ausflug in die Steinzeit ist nicht nötig, aber für Alexander den Großen sollte sich schon Zeit nehmen, wer den merkwürdigsten der vielen Konflikte des Balkans verstehen will. Streitgegenstand ist ein Name: Die Frage lautet, ob Mazedonien Mazedonien heißen darf. Laut griechischer Lesart darf es das auf keinen Fall, da es in Griechenland eine Provinz Makedonien gibt, auf die der Staat Mazedonien - so die griechische Logik - Ansprüche erheben könnte, wenn man ihm seinen Namen ließe. Auf Betreiben Griechenlands darf Mazedonien daher bisher nur unter dem Namen „Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien“ (Former Yugoslav Republic of Macedonia; Fyrom) in internationalen Organisationen Mitglied werden.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der Streit ist mindestens so alt wie die 1991 ausgerufene staatliche Unabhängigkeit Mazedoniens, doch gibt es griechische Diplomaten und Historiker, die den Ursprung etwa zweieinhalb Jahrtausende früher sehen. Einen Einblick in die griechische Sichtweise erlaubt eine Rede, die Athens ehemaliger Minister für Nordgriechenland, Nikolaos Martis, im Juli 2005 auf der Versammlung einer „Pan-mazedonischen Vereinigung“ in der Stadt Kavala gehalten hat.

          Der wahre Pionier der EU

          Es lohnt sich, die Ansprache zu untersuchen, denn sie stellt einen Querschnitt durch die Art dar, mit der das Thema in Griechenland behandelt wird. Martis zentrale Thesen, die man ähnlich in Hintergrundgesprächen im Athener Außenministerium, von Historikern der Aristoteles-Universität zu Thessaloniki oder bei Bedarf von jedem Taxifahrer mit Neigung zur Weltendeutung hören kann, lauten in etwa: Die „südlichen Griechen“ der Antike hätten ihre Leistungen in Philosophie, Architektur und Kunst nicht vollbringen können, „wenn die Mazedonier nicht existiert hätten, um die Barbaren daran zu hindern“, in Richtung Süden vorzudringen.

          Mazedonier mit der alten Landesflagge

          Folglich seien die Mazedonier Griechen gewesen, Alleinerbe ihres Namens sei daher Griechenland. Zudem sei Alexander der Große der wahre Pionier der Europäischen Union gewesen. Die „zeitgenössischen Bewohner Fyroms“ hätten hingegen, offenbar im Gegensatz zu den heutigen Griechen, nichts mit Alexander dem Großen zu tun. Die slawischen Mazedonier bestreiten zudem „in schamloser Weise“ das Erbe des Apostels Paulus, der schließlich im Jahr 50 Philippi, Thessaloniki und Veria besucht hat, „Städte mit griechischen Namen, vor Jahrhunderten bis heute“.

          „Irredentistische Propaganda“

          Übrigens habe auch Hitler zu seiner Kamerafrau Leni Riefenstahl gesagt, wenn die Wehrmacht nicht in Griechenland hätte eingreifen müssen, hätte Deutschland den Krieg gegen die Sowjetunion vor Einbruch des ersten Winters beenden und gewinnen können, was anscheinend auch irgendwie mit der Namensfrage zu tun hat. Die Anerkennung „dieses Staates“ als Mazedonien sei jedenfalls eine Beleidigung für die „wahren Mazedonier“ - also solche wie den ehemaligen Minister -, deren Recht auf eine nationale und kulturelle Identität damit untergraben werde.

          So ähnlich wie Martis sagen es auch seine Nachfolger. Immer wieder wird in Athen die „irredentistische Propaganda“ Skopjes verdammt, obwohl es keinen maßgeblichen Politiker in Mazedonien gibt, der eine solche betreibt. Unverdrossen droht die Regierung in Athen damit, auf dem Bukarester Nato-Gipfel Anfang April ein Veto gegen die von allen anderen Mitgliedern der Allianz befürwortete Einladung Mazedoniens zu einem Beitritt einzulegen. Dass Griechenland Mazedonien zu Beginn der neunziger Jahre mit einer Handelsblockade belegt hat, die den kleinen Balkan-Staat mit nur etwas mehr als zwei Millionen Einwohnern an den Rand des Zusammenbruchs brachte, erwähnt man hingegen heutzutage ungern in Athen.

          Auch an das im September 1995 in New York unter Aufsicht der Vereinten Nationen geschlossene Übergangsabkommen zur Beendigung des leidigen Streits scheint sich niemand in Griechenland erinnern zu wollen. Mazedonien hatte auf Verlangen Griechenlands seine Verfassung und schließlich auch die Landesflagge geändert, um selbst den leisesten Irredentismus-Verdacht entkräften zu können. In Artikel 11 des Abkommens von 1995 verpflichtete Griechenland sich dann seinerseits, einen Beitritt Mazedoniens zu internationalen Organisationen wenigstens unter dem Namen „Fyrom“ nicht zu blockieren. Doch selbst davon scheint jetzt keine Rede mehr zu sein. Erst soll das Land seinen Namen ändern.

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