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Zum Tod von Schimon Peres : Ein Leben für den „Neuen Nahen Osten“

Shimon Peres (1923 - 2016) Bild: Helmut Fricke

Sechs Jahrzehnte lang wirkte Schimon Peres in verschiedenen Staatsämtern in Israel. Sein Thema blieb stets dasselbe: die Aussöhnung mit den Palästinensern und eine neue Ordnung für Frieden und Stabilität. Nun ist er im Alter von 93 Jahren gestorben.

          Sein letztes Staatsamt war für Schimon Peres ein Jungbrunnen. Sechs Jahrzehnte lang war er aus der israelischen Politik nicht wegzudenken. Peres hatte rund 20 Regierungsposten innegehabt und war mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden, bis er schließlich mit 84 Jahren israelischer Staatspräsident wurde: Der am 3. August 1923 geborene Friedensnobelpreisträger blühte noch einmal auf und ließ sich nicht auf repräsentative Aufgaben beschränken. Als eine Art nationaler Vermittler fand er eine Rolle, in der ihn selbst Israelis, die ihm lange Zeit distanziert gegenüber standen, zu schätzen begannen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Bis dahin schien es, als würde er vor allem als der „große Verlierer“ und der „ewige Zweite“ in Erinnerung bleiben. Elf Wahlen hatte er verloren und musste sich oft mit halben Siegen begnügen: Zwischen 1984 und 1988 teilte er sich mit Jitzhak Schamir das Ministerpräsidentenamt für jeweils zwei Jahre. Nach dem Mord an Jitzhak Rabin gaben die Wähler 1996, wenn auch sehr knapp, dem Likud-Vorsitzenden Benjamin Netanjahu den Vorzug – eine bittere Niederlage für Peres, weil sie auch ein Misstrauensvotum für die Aussöhnung mit den Palästinensern war, die er entscheidend vorangetrieben hatte. Im Februar 2009 wurde Netanjahu dann ein weiteres Mal Regierungschef. Doch für den Gegner von einst wurde Peres anfangs zu einem Partner. Maßgeblich trug Peres dazu bei, dass eine Koalition mit der Arbeiterpartei zustande kam. In schwierigen Phasen war er es, der den Kontakt zum ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak oder dem neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama aufrechterhielt.

          Peres verstand es in seiner politischen Laufbahn, in der er praktisch nie das Zentrum der Macht verließ, Realist und Visionär zugleich zu sein. Der unter dem Namen Schimon Persky als Sohn eines Holzhändlers im damals polnischen, heute weißrussischen Woloschin geborene Politiker konnte zwar selbst auf keine militärische Laufbahn verweisen. Als enger Vertrauter des ersten Ministerpräsidenten David Ben-Gurion war er aber in den fünfziger und sechziger Jahren eine der treibenden Kräfte hinter der Aufrüstung Israels. Erfolgreich verhandelte er mit Frankreich und später auch mit dem damaligen deutschen Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß. Wesentlichen Anteil hatte er auch am Bau des israelischen Atomreaktors in Dimona, wo Israel bald eigene Atomwaffen entwickelte.

          Großes Ansehen in der internationalen Öffentlichkeit und in diplomatischen Kreisen: der damalige stellvertretende israelische Ministerpräsident und Präsidentschaftskandidat Schimon Peres im Juni 2007 vor einer Sitzung der Kadima-Fraktion in der Knesset Bilderstrecke

          Peres, der in Israel eine landwirtschaftliche Schule besuchte und später kurz in Amerika studierte, war aber gleichzeitig einer der ersten israelischen Politiker, die konsequent eine Annäherung an die Palästinenser betrieben – auch wenn er bis in die neunziger Jahre den Ausbau der Siedlungen unterstützte. Schon in den achtziger Jahren warb er für einen Rückzug aus Gaza und Teilen des Westjordanlands. Das gelang dann nach 1993 unter seiner tatkräftigen Mitwirkung in den in Oslo begonnenen Verhandlungen mit der PLO; Peres was damals neben Ministerpräsident Rabin als Außenminister wieder die „Nummer zwei“. 1994 wurden beide zusammen mit PLO-Chef Jassir Arafat dafür mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

          Im Ausland lange beliebter als unter Landsleuten

          Trotz des bald einsetzenden Terrors und der zweiten Intifada arbeitete er weiter an einem „Neuen Nahen Osten“ – so der Titel eines seiner Bücher –, in dem Israelis und Araber friedlich zusammenleben und voneinander profitieren können. Er blieb diesem Ziel treu, egal auf welchen Posten er sich später wiederfand: Als Chef seines nach ihm benannten Friedenszentrums, als relativ einflussloser Minister für Galiläa und den Negev oder als Koalitionspartner seines früheren Rivalen Ariel Scharon. Nach fast fünfzig Jahren Mitgliedschaft verließ er Ende 2005 sogar die zeitweise von ihm geführte Arbeiterpartei und schloss sich der neugegründeten Kadima-Partei Scharons an.

          Lange Zeit war der eloquente und humorvolle Politiker im Ausland beliebter als unter seinen Landsleuten. Viele fürchteten, er könnte wegen seiner Visionen die Sicherheit des Landes vernachlässigen. Der große Zuspruch, den er als Staatspräsident von 2007 an dann auch in Israel erhielt, tat Peres am Ende seiner außergewöhnlichen politischen Laufbahn sichtlich wohl. Der Auszug aus der Präsidentenresidenz im Jahre 2014 bedeutete für ihn jedoch keinen Ruhestand. Rastlos reiste er für sein Friedenszentrum durch die Welt. An dem Tag, an dem sich die Unterzeichnung des Oslo-Abkommens mit den Palästinensern zum 23. Mal jährte, erlitt Peres in Tel Aviv einen schweren Schlaganfall, an dessen Folgen er am frühen Mittwochmorgen in einem Tel Aviver Krankenhaus starb.

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